Brisanter Vorschlag zur Qualifizierung Tagesmütter, dringend gesucht

Tagesmütter (wie hier in Frankfurt) stehen für familiennahe Betreuung. Foto: Picture Alliance//Boris Roessler

Eltern können ein Lied von der mühsamen Suche nach Kinderbetreuung singen. Doch mehr Tagesmütter geben ihren Job auf, als neue hinzukommen.

Stuttgart - Clara Schmidt streicht die Segel. Die Erzieherin ist seit dreieinhalb Jahren Tagesmutter und hat knapp 20 Kleinkinder betreut. „Das Alter und gesundheitliche Gründe“ veranlassen sie zu dem Schritt, berichtet die 58-jährige Stuttgarterin, die eigentlich anders heißt. Andere Tagesmütter in Baden-Württemberg bekommen Anrufe ihrer früheren Arbeitgeber, „die Leute gehen in ihre alten Berufe zurück“, weiß Heide Pusch vom Landesverband Kindertagespflege Baden-Württemberg. „Die Arbeitgeber machen inzwischen vieles möglich“, und der Verdienst einer Tagesmutter ist überschaubar.

 

Doch Leute wie Clara Schmidt fehlen. „Seit sechs Jahren haben wir eine negative Bilanz bei den Tagespflegepersonen“, sagt Christina Metke, die Vorsitzende des Landesverbands, unserer Zeitung. Zwar fangen immer wieder Tagesmütter und Tagesväter neu an – in Bruchsal und Biberach etwa lassen sich so viele Interessenten qualifizieren wie noch nie –, aber das gleicht die ausscheidenden nicht aus. Im laufenden Jahr arbeiten in Baden-Württemberg 6374 Tagesmütter und 188 Tagesväter. Das sind 155 Pflegepersonen weniger als im Jahr 2014. Dagegen werden 2019 rund 2500 Kinder mehr in der Tagespflege betreut als vor fünf Jahren – 22 902 sind es genau.

Mehr Kinder, weniger Pflegepersonen

„Die großen Herausforderungen in der Betreuung sind ohne die Kindertagespflege nicht zu schaffen“, sagt Metke, die den Verband seit neun Jahren ehrenamtlich führt. Mehr als 15 Prozent der unter Dreijährigen im Land seien in der Obhut einer Tagesmutter oder eines Tagesvaters. Die Tagespflege hat ihre Rolle als Notlösung und Lückenbüßer abgelegt. „In der Schulkindbetreuung, in Randzeiten und für Inklusionskinder wird die Tagespflege an Bedeutung gewinnen“, erwartet Metke.

Vorschlag: Ausbildung muss nicht drei Jahre dauern

Doch das Personal reicht nicht. Metke macht einen Vorschlag, der Zündstoff birgt: „Wir müssen Menschen qualifizieren können, auch ohne mehrjährige Ausbildung“, verlangt sie mit Blick auf die Ausbildung der Erzieherinnen, denn auch in den Kitas ist das Personal knapp. Tagesmütter werden zurzeit mit 160  Unterrichtseinheiten auf ihre Tätigkeit vorbereitet, und sie erreichen die gleichen Ergebnisse wie andere Einrichtungen, erklärt Metke. Sie beruft sich auf eine Studie zur Qualität in der Kindertagespflege im Auftrag der Baden-Württemberg-Stiftung.

Viele Faktoren spielen dabei mit. Tagesmütter sind in der Regel älter und erfahrener als viele Erzieherinnen in der Kita, die Betreuung ist individueller. Gerade die frühkindliche Erziehung steckt in der Kita oft noch in den Kinderschuhen, weiß etwa Clara Schmidt. Ein Aspekt aus der Tagesmütterqualifizierung, den Christina Metke zur Nachahmung empfiehlt, ist die Eignungsfeststellung. Nur Interessenten, deren Eignung erwiesen ist, werden für die Tagespflege ausgebildet. „Wenn wir die Leute sorgfältig auswählen, ist eine Qualifizierung auch ohne drei Jahre Erzieherausbildung möglich“, sagte Metke unserer Zeitung. „Wir sollten mehr auf die persönliche Eignung statt auf formale Qualifizierung achten.“

Weitere Professionalisierung

„Die Kindertagespflege hat bewiesen, sie ist ein hochwertiges und gleichwertiges pädagogisches Betreuungsangebot“, stellt die Vorsitzende des Dachverbands fest. Dennoch spricht sie sich für eine weitere Professionalisierung der Tagesmütter aus. 300 Unterrichtseinheiten sollen es vom Jahr 2021 an werden, um die Betreuung noch weiter zu stärken. Diese „ehrgeizige Qualifizierung“ lasse sich nur ausweiten, weil in Baden-Württemberg Geld aus dem Gute-Kita-Gesetz des Bundes auch für die Kindertagespflege eingesetzt werde, lobt Metke.

Ans Land appelliert sie, „wir sollten die Pluralität in den Betreuungsangeboten weiter fördern“, das werde auch dem Elternwillen gerecht. Metke sieht in der familiennahen Betreuung durch Tagesmütter eine besondere Qualität: „Die persönliche Bindung des Erziehers an das Kind ist entscheidend für die Bildung.“ Auch die Anpassung der Finanzierung bleibt in den Augen Metkes eine Daueraufgabe. Für Kleinkinder unter drei Jahren bezahlen die Jugendämter seit diesem Jahr pro Kind und Stunde 5,50 Euro. Dem ging ein langer Kampf des Verbandes voraus, der noch nicht beendet ist. „Ein Euro mehr kann nur der Beginn einer dringenden weiteren Anhebung sein“, sagt die Landesvorsitzende heute.

Finanzierung anpassen

Christina Metke wird an diesem Samstag aus ihrem Amt verabschiedet. Bisher einzige Kandidatin für die Nachfolge ist nach Informationen unserer Zeitung die Lehrerin Christine Jerabek aus Rottenburg. Sie führt die Frauen-Union im Landkreis Tübingen.

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