Die anstehende Hochzeit von Kate Middleton und Prinz William polliert das Image der Royals auf. Was Kritiker zur Hochzeit sagen.

Korrespondenten: Peter Nonnenmacher (non)

London - Für Lewis Lloyd und Emma Storey wird es ein großer Tag. Als Will und Kate sollen die Siebenjährigen nächste Woche vor den Traualtar treten. Den Segen spricht der ehemalige Bischof von Hulme, der hier den Erzbischof von Canterbury mimt. Die Mitschüler sind die Gäste - wie sie in Westminster Abbey erwartet werden. "Jedes Kind übernimmt eine Rolle", erklärt Stephanie Cartmel, Rektorin der Ysgol-y-Foryd-Grundschule im walisischen Conwy. "Wir haben die Königin von Tonga. Wir haben den König und die Königin von Spanien. Wir haben Cliff Richard. Alle werden da sein."

 

Stattfinden soll die gespielte Heirat in der örtlichen Kirche am Donnerstag, dem Tag vor dem "richtigen" Ereignis. Freitags ist schließlich schulfrei. Außerdem werden die kleinen Schauspieler dann wohl vor dem Fernseher sitzen, um sich davon zu überzeugen, dass ihre Vorbilder es genau so gut machen wie sie selbst.

Über hundert Schulen ahmen Hochzeit nach

Mehr als hundert Schulen im Vereinigten Königreich haben den Buckingham-Palast von geplanten Zeremonien dieser Art informiert. Den Kindern sollen auf diese Weise Grundkenntnisse über die königliche Familie und über kirchliche Hochzeiten generell vermittelt werden, sagt die Rektorin. Bei Hofe war man von der Initiative überrascht. Die Königin und das Brautpaar haben sich aber beeilt, den kleinen Untertanen zu ihrem Enthusiasmus zu gratulieren. Auf solche Begeisterung der nachwachsenden Generation, auf Kinder wie Lewis und Emma gründet schließlich die Monarchie ihre Zukunft.

Denn bei den Teenagern kann sich das Königshaus eines ähnlichen Enthusiasmus nicht so sicher sein. Die Einladung, am nächsten Freitag mitzufeiern, hat nicht gerade zu einem Freudentaumel in der Bevölkerung geführt. Anlässlich der Charles-und-Diana-Hochzeit vor dreißig Jahren trugen die Menschen noch überall im Land Tische und Stühle auf die Straßen, hängten Wimpel vor die Fenster, um das Ereignis zu würdigen. Diesmal sind gerade mal 4000 Anträge auf Straßenschließungen zur Ausrichtung von Festivitäten eingegangen.

Briten nutzen nationalen Feiertag für Urlaub

Statt zu Ehren des Brautpaars ein paar Flaschen kalt zu stellen, suchen Hunderttausende von Briten das Weite. Vom Billigflieger Ryanair bis zum Reiseveranstalter Thomas Cook meldet das Gewerbe fürs betreffende Wochenende einen Run auf Auslandstickets. Extraflüge sind eingeplant, zusätzliche Hotelzimmer an Mittelmeerküsten gebucht worden. Ausgerechnet die Entscheidung des Tory-Premiers David Cameron, den Hochzeitsfeiertag zum nationalen Feiertag zu erklären, hat die Massenabwanderung begünstigt.

Ein wenig abgekühlter als frühere Generationen sehen britische Zeitgenossen dem Ereignis bei Hofe entgegen. 1981, bei Charles und Diana, sprach noch der damalige Erzbischof von Canterbury, Robert Runcie, in seiner Predigt von einer Traumhochzeit. Diesmal hat sich mit Bischof Pete Broadbent, ein ranghoher Geistlicher der Staatskirche, zur Bemerkung hinreißen lassen, ihm werde "speiübel" angesichts des "ganzen Getues". Länger als sieben Jahre werde die Ehe eh nicht halten. Broadbent ist danach von seinen Vorgesetzten zum Rücktritt gezwungen worden. Aber sein Einwurf war typisch für die Skepsis, die selbst die Kirchenportale erreicht hat.

Königshaus hat Respekt verloren

Gründe für diese Ernüchterung gibt es viele. Die britische Gesellschaft hat sich dramatisch gewandelt in den vergangenen dreißig Jahren - und die Monarchie zögernd mit ihr. Zum Beispiel haben Braut und Bräutigam diesmal all ihre früheren "Flammen" zur Hochzeit eingeladen. Ihr langjähriges Zusammenleben vor der Ehe hat ebenfalls neue Maßstäbe gesetzt. "Zeit genug haben sie sich gelassen", brummte Vater Charles, als die Verlobung bekanntgegeben wurde. Ihre Trennung, vor ein paar Jahren, hat Zweifel am Willen zur Bindung genährt. Andererseits, hieß es, hätten die beiden über die Jahre realistischere Vorstellungen vom gemeinsamen Leben entwickelt. Gesündere zweifellos, als sie Williams Mutter Diana seinerzeit haben konnte.

Dianas Schicksal ist ein Hauptgrund für die distanziertere Betrachtungsweise geworden. Die Tragödie ihrer Ehe, der Zerfall des "Traums", ihre Kampagne gegen die Windsors setzten der Monarchie zu. Das Märchen von 1981 fand ein böses Ende. Der Zauber, mit dem sich das Königshaus zu umgeben suchte, war gebrochen. Später machten ihn andere Royals weiter zunichte. Sarah Wessex, Gattin des Prinzen Edward, beutete ihren Zugang zum Schloss für ihren privaten Gewinn aus. Fergie bot Dienste von Prinz Andrew für Geld an. Der wiederum ließ sich mit Gangstern und Zuhältern ein. Wills kleiner Bruder Harry machte - wie sein Opa Philip - dumme Scherze und rassistische Bemerkungen. Er taumelte morgens volltrunken aus den Türen Londoner Nachtclubs. Dem Respekt fürs Königshaus kam das nicht zugute.

Monarchietheater sei überholt

Nicht nur die sinkende Moral der royalen Truppe, erbarmungslos ausgeleuchtet von den Medien, ließ die Windsors in die Krise schlittern. Auch das Aufblühen eines Celebrity-Kults veränderte die öffentliche Perspektive. Diana hatte sich von einer Angehörigen des Clans zu einer Soloberühmtheit, zur "Volksprinzessin", entwickelt. Nun hat das monarchistische Britannien ihren flotten Ältesten zum neuen Helden des Stücks erkoren - und möchte diesen auf den Thron setzen. Einer Umfrage der "Sunday Times" zufolge sähen es sechs von zehn Briten gern, wenn Thronfolger Charles übergangen werden würde und William direkt auf Königin Elizabeth II. folgte. Ein Drittel aller Befragten wünscht sich darüber hinaus, dass die Monarchin, die heute ihren 85. Geburtstag feiert. "binnen zwei Jahren" abdanken solle. Ihre Zeit sei abgelaufen.

Britischen Republikanern entlocken solche Ansichten ein bitteres Lächeln. Die Monarchisten könnten nicht beides haben, meinen sie: das auf der Erbfolge gründende Prinzip des Königtums und die Wahl des Monarchen oder der Monarchin durch die Bevölkerung - noch dazu eine Popularitätswahl per Knopfdruck, wie bei den Talentshows im Fernsehen. Die Hochzeit nächste Woche, erklärt der Direktor des Londoner Instituts für Globale Politik, Stephen Haseler, werde nicht die Stärke der Monarchie unter Beweis stellen, sondern die Macht der großen Namen: "Wir leben in einer Celebrity-Kultur. Und die Royals haben sich geschickt in diese Kultur eingefädelt." Dabei, findet Haseler, sei das ganze Monarchietheater "so überholt, so archaisch", so absurd: "Könige und Königinnen, Märchenprinzessinnen und Märchenhochzeiten - die Leute werden doch wie kleine Kinder behandelt."

70 Prozent der Briten stehen hinter Monarchie

Allerdings zeigen Umfragen jedes Mal wieder eine stabile Mehrheit für den Erhalt der Monarchie auf der Insel. Nur 20 Prozent der Briten wollen eine Republik. 70 Prozent wollen am Königtum festhalten. Und das, obwohl die tausendjährige Institution sich neuerdings wieder durch eigenes Verschulden in zahllose Krisen manövriert hat, ihre religiöse Säule, die anglikanische Kirche, ins Wanken geraten ist, und Verfassungsreformen das alte Band zwischen Legislative und Erbadel, zwischen Gesetzgebung und Aristokratie immer weiter gelöst haben.

"Das Ganze ist irrational, es ist unlogisch", zucken Tory-Minister, wenn man sie privat befragt, die Schultern. "Aber es funktioniert." Die noble Queen mit ihrem Hofstaat und der Windsor-Soap-Opera durch einen Präsidenten zu ersetzen ginge den meisten Briten gegen den Strich. Allein schon ihr Unterhaltungswert mache die bedeutendste Monarchie der Welt zu einem wichtigen Aktivposten für Großbritannien, finden die Fürsprecher der Krone. Wer sonst könne, wie bei der weltweit ausgestrahlten Show nächste Woche, Milliarden Menschen vor den Fernseher locken? In Prinz William und Catherine Middleton sieht das Königshaus selbst seine beste Chance zur Selbsterneuerung.