British Museum Wie kommt der Teppich von Bayeux sicher nach London?

So kann man den Teppich in Frankreich genießen. Foto: dpa/Loic Venance

Der Teppich von Bayeux ist ein mittelalterliches Meisterwerk. Nun will Paris es für ein halbes Jahr ans British Museum ausleihen. Doch das Vorhaben erntet Kritik.

Korrespondenten: Peter Nonnenmacher (non)

Wird Wilhelm der Eroberer, wenn die Londoner fest schlafen, in ihrer Stadt Einzug halten? Das scheint Teil des Plans zu sein, den man jetzt in der englischen Hauptstadt „für ein Jahrhundert-Ereignis“ entwickelt hat. Heimlich, still und leise soll William the Conqueror von Frankreich aus anrücken, erst durch den Tunnel unterm Kanal und danach des Nachts über Londons menschenleere Straßen. Keine feindlichen Armeen, aber auch keine Farbtöpfe werfenden Demonstranten oder Saboteure sollen Gelegenheit erhalten, sich ihm in den Weg zu stellen. Starke Polizeikräfte werden ihn und die Seinen begleiten – auf dem Weg in den vornehmen Stadtteil Bloomsbury.

 

Der Teppich kehrt ins Ursprungsland zurück

Denn dort, im Britischen Museum, wird von Herbst an der berühmte Wandteppich aus Bayeux erwartet, der den Eroberungsfeldzug des Normannenherzogs und späteren Königs von England dokumentiert; nein: der Williams Sieg über den letzten angelsächsischen König Harold Godwinson in der Schlacht von Hastings 1066 feiert. Erstmals kehrt dieser tausend Jahre alte Teppich, der gar kein Teppich, sondern eine riesige grandiose Stickarbeit ist, in sein Ursprungsland zurück.

Schließlich sollen die 68 Meter langen und fünf Meter hohen Leinenbahnen, die den Normannen-Feldzug in hunderten ebenso bunter wie kunstfertiger Einzelheiten darstellen, wenige Jahre nach der Schlacht, vermutlich um 1070, von Nonnen in der Kathedralenstadt Canterbury erarbeitet worden sein, bevor sie von dort nach Bayeux in die Normandie verschifft wurden.

„Die Blockbuster-Show unserer Generation“

Erstmals in seiner langen Geschichte soll das Kunstwerk jetzt außerhalb Frankreichs, noch dazu in seiner alten Heimat, bewundert werden können. Vom September dieses Jahres bis zum Juli 2027 wird der Bayeux-Teppich in London sorgsam entrollt und ausgestellt zu sehen sein, eben im British Museum, ohnehin einem der wichtigsten Museen der Welt. Der Vorsitzende des Museums-Kuratoriums, der frühere Tory-Schatzkanzler George Osborne, kann zweifellos enorme zusätzliche Besucherzahlen erwarten – und einen hübschen Bonus für sein Haus aus dem Verkauf entsprechender Andenken und Waren. „Die Blockbuster-Show unserer Generation“ werde das werden, jubelt Osborne; das größte Ereignis dieser Art seit der Tutanchamun-Ausstellung von 1972 in Bloomsbury.

Keir Starmer griff gern zu

Zu verdanken hat das Britische Museum die Sonderschau vor allem der Hoffnung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, mit der ungewöhnlichen Leihgabe die vom Brexit erschütterte Verbindung zu den Nachbarn jenseits des Ärmelkanals weiter neu zu stärken. In England soll sich König Charles – letztlich ein Nachfahre Williams – für das Projekt begeistert haben und am Zustandekommen des Deals wesentlich beteiligt gewesen sein.

Von einer „brillanten Initiative“ sprach denn auch auch Großbritanniens Premierminister Keir Starmer, als nach langjähriger Planung das Abkommen zwischen beiden Staaten im vergangenen Jahr endgültig unterzeichnet wurde. Ohne lang zu zögern, hat die britische Regierung den Transport und die Ausstellung des Wandteppichs mit staatlichen Garantien in Höhe von 800 Millionen Pfund (rund 920 Millionen Euro) versichern lassen.

Ein französischer Experte warnt

Bei einigen Künstlern und Kunstkennern beiderseits des Kanals ist die Aktion allerdings von Anfang an auf erbitterten Widerstand gestoßen. Er habe ja im Prinzip nichts gegen Leihgaben, erklärt zum Beispiel Didier Rykner, Chefredakteur des Fachmagazins „La Tribune de l’Art“ in Paris. Aber in diesem speziellen Fall handele es sich um „eine rein politische Entscheidung“ mit Risiko.

In Wirklichkeit, meint Rykner, dürfe die Kostbarkeit aus dem Hochmittelalter nach Überzeugung der meisten Experten „keinesfalls auf Reisen gehen“. Das fast tausendjährige Gewebe drohe sich bei geringster Berührung aufzulösen. Zahllose Schwachstellen auf den immer dünneren Leinenbahnen würden bei einem solchen Transport unter Druck kommen. Jede falsche Bewegung könne zu neuen Rissen führen, zu verlorenen Fäden, zu Qualitätseinbußen, zu irreparablen Schäden.

Schon bei der letzten Bestandsaufnahme vor fünf Jahren haben die Verantwortlichen in Bayeux immerhin 24 204 Flecken, 16 445 Knitterfalten, 9646 sonstige Mängel sowie Dutzende gefährlicher Risse notiert und sich nachdrücklich gegen einen Transport des Teppichs „für länger als eine Stunde“ ausgesprochen. Schließlich gebe es bis heute „kein vibrations-absorbierendes System, das während eines Transports alle Risiken ausschaltet“, war die Warnung. Transportieren könne man natürlich jedes Kunstwerk, formulierte es Didier Rykner. „Die Frage ist nur: In welchem Zustand kommt es an?“

Nur 2 Millimeter pro Sekunde

Davon mögen sich die beiden Regierungen und das Britische Museum aber nicht beeindrucken lassen. Sie glauben, dass der historische Ausflug der Stickerei nach London durchaus möglich ist, wenn er mit äußerster Behutsamkeit durchgeführt wird. In einer speziell gefertigten Holzkiste, bei präzis kontrollierter Temperatur und Feuchtigkeit, hoffen die Beteiligten das gute Stück in einem Spezialfahrzeug sicher nach London und wieder zurück zu bringen. Ein ausgetüfteltes Federungssystem soll verhindern, dass sich der Wandteppich während der Fahrt um mehr als 2 Millimeter pro Sekunde bewegt.

David Hockney schimpft auch

Mögliche Schlaglöcher auf der betreffenden Route sollen vorab aufgefüllt werden. Ein Probelauf wird mit einer Kopie des Teppichs durchgeführt, um Vibrationen zu messen und ernste Probleme auszuschließen. Wenn der originale Bayeux-Teppich dann wirklich auf seine 500-Kilometer-Reise Richtung London geht, könnte der Transporter von einem identischen zweiten Fahrzeug begleitet werden, zur Sicherheit.

Für „reinen Wahnsinn“ hält freilich auch David Hockney, Großbritanniens vielleicht prominentester Künstler, dass hier ein solches Risiko mit einem einmaligen Werk von unschätzbarem Wert eingegangen werden soll. Dabei sei die Stadt Bayeux in der Normandie mit ihrem eigens für den Teppich erbauten Museum nur sechs Autostunden von London entfernt und also für britische Bewunderer gut zu erreichen.

Und der 88-jährige Altmeister der britischen Kunstszene schimpft weiter: „Selbst simple Fehlgriffe können nicht wieder gut zu machenden Schaden anrichten. Und das alles wozu? Nur um der Eitelkeit eines Museums willen, das mit der Zahl seiner Besucher prahlen möchte? Ist es das wert? Das glaube ich wirklich nicht.“

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