Brot und Brötchen von gestern Gegen die Wegwerfmentalität

Von eas 

Der Bäckermeister Michael Kauderer hat in Göppingen eine Filiale eröffnet, in der es ausschließlich Brot, Brötchen und Kuchen vom Vortag zu günstigen Preisen zu kaufen gibt. Er stemmt sich damit auch gegen die Wegwerf-Mentalität.

Dorit Mankiewicz und ihr Chef Michael Kauderer freuen sich, dass das Cleverle   eine durchweg positive Resonanz findet. Foto: Horst Rudel
Dorit Mankiewicz und ihr Chef Michael Kauderer freuen sich, dass das Cleverle eine durchweg positive Resonanz findet. Foto: Horst Rudel

Göppingen - Im Durchschnitt, das zeigen Untersuchungen, wirft jeder Deutsche pro Jahr mehr als 80 Kilogramm Lebensmittel in den Müll. Michael Kauderer ist das – auf gut Schwäbisch – ein Graus. Doch der Bäckermeister, der aus Heiningen kommt, sein Stammhaus inzwischen aber in Gingen hat, kann oft selbst nicht anders. Besser gesagt: er konnte nicht anders.

Denn Ende des vergangenen November hat der 44-Jährige, der zugleich Diplomkaufmann ist, in der Unteren Marktstraße in Göppingen Kauderers Cleverle eröffnet. Dort gibt es, vom Kaffee einmal abgesehen, nur Waren vom Vortag: Brot, Brezeln, Brötchen, ebenso Kuchen, Torten und Plunderstücke – alles zum halben Preis oder günstiger. Dieses Angebot machen andere Bäcker in ihren Geschäften zwar teilweise auch, aber eben nur als Ergänzung zu ihrem normalen Sortiment.

Kauderer hat als erster Bäcker im Kreis Göppingen einen anderen Weg gewählt: „Wir haben zwölf reguläre Verkaufsstellen und fast immer einen Rücklauf von jeweils rund zehn Prozent.“ Das reiche locker, um eine eigene Filiale zu bestücken, ergänzt er. Von vorneherein weniger zu produzieren sei schlicht nicht möglich. „In unseren anderen Läden, das haben wir ausprobiert, erwarten die Kunden bis zum Abend noch eine entsprechende Auswahl.“

Positive Reaktionen gehen dem Chef „runter wie Öl“

Im Cleverle ist das, wie ein Blick in den Verkaufsraum zeigt, anders. „Was weg ist, ist weg“, so lautet das Motto – und niemand beklagt sich deswegen. Eine Kundin packt gerade eine Zehnertüte mit Brötchen und einen Fünferpack mit Kuchenstücken ein. Als sie bemerkt, dass der Chef gerade da ist, klopft sie Michael Kauderer anerkennend auf die Schulter: „Das ist eine schöne Idee, weil sie zeigt, dass für Sie Lebensmittel noch einen Wert haben“, lobt die ältere Dame. Und der Mann, der am Nebentisch gerade eine Schneckennudel isst, streckt mampfend den Daumen nach oben.

Kauderer gehen solche Reaktionen, wie er sagt, „runter wie Öl“. In Gesprächen, Anrufen und E-Mails seien die Reaktionen ebenfalls durchweg positiv, erzählt er. Was hinzukommt: Das Cleverle ist gut angelaufen. „Ich selbst war im Vorfeld ziemlich skeptisch“, räumt Michael Kauderer ein. „Doch wir haben einen perfekten Standort gefunden, der auf dem Weg vom Bahnhof in die Stadt liegt und den darüber hinaus alle unsere Lieferfahrzeuge jeden Morgen problemlos ansteuern können.“ Offensichtlich gibt es auch keine großen Vorbehalte. Schüler und Hausfrauen, Geschäftsleute und Bankangestellte kaufen ihr täglich Brot hier ebenso ein wie Bedürftige und sozial schwächere Menschen.

Keine Konkurrenz für den Carisatt-Laden

Eine Konkurrenz zum Carisatt-Laden um die Ecke stellt das Cleverle im Übrigen nicht dar. „Wir merken nichts“, betont Sven Parylak, der bei der Caritas für die Tafelläden zuständig ist. „Zumal uns Herr Kauderer, neben vielen andern Bäckern, weiterhin beliefert.“ Parylak begrüßt das Konzept sogar ausdrücklich: „Das ist allemal besser, als wenn man’s wegschmeißt.“

Michael Kauderer macht indes deutlich, dass sich das Cleverle letztlich tragen sollte – und er ist zuversichtlich, dass das gelingt: „Da wir in unserer gläsernen Backstube in Gingen alles noch handwerklich herstellen, bleiben unsere Produkte tagelang frisch.“ Außerdem stünden die beiden Verkäuferinnen Dorit Mankiewicz und Elena Dal Toe, die in Göppingen tätig sind, voll hinter der Sache, fährt er fort. Und so langsam spreche sich der Name auch in der Stadt herum. Kauderer gibt unumwunden zu, dass ihm das Cleverle bereits ans Herz gewachsen sei. „Irgendwie ist das schnell zu einem Teil des Frischkonzepts und der Philosophie unseres Betriebs geworden“, sagt er mit einem versonnenen Lächeln.

Nur ein weiteres Beispiel in der Region Stuttgart

Der Gedanke, Backwaren vom Vortag in einem eigenen Geschäft preiswert zu verkaufen, ist nicht neu. In anderen Gegenden werden solche Konzepte schon seit geraumer Zeit umgesetzt. In der Region Stuttgart gibt es, neben Kauderers Cleverle in Göppingen, bis jetzt aber nur einen Laden, der nach demselben Prinzip funktioniert. So hat das Backhaus Zoller im vergangenen Oktober in der Esslinger Obertorstraße eine Filiale unter dem Namen Gutes von gestern eröffnet.

In der etwas weiteren Umgebung hat sich diese Idee schon seit geraumer Zeit durchgesetzt. So gibt es beispielsweise den sogenannten Altbrotladen in der Tübinger Froschgasse bereits seit mehr als 20 Jahren.