Bruce Springsteen: Western Stars Unterwegs mit dem Boss
Bruce Springsteen vermengt auf dem Album „Western Stars“ Folk, Easy Listening und Softrock – und erzählt grandios von einsamen Herzen, einsamen Straßen und der großen Ruhelosigkeit.
Bruce Springsteen vermengt auf dem Album „Western Stars“ Folk, Easy Listening und Softrock – und erzählt grandios von einsamen Herzen, einsamen Straßen und der großen Ruhelosigkeit.
Stuttgart - Irgendwann auf dieser Reise von New Jersey in den Westen der USA setzen wir uns zu einem Trucker, der auf das Armaturenbrett seines Lasters das Foto eines hübschen Mädchens geklebt hat und seinen Träumen nachhängt. Wir begegnen hinter San Bernardino einem Ex-GI, der „Sleepy Joe’s Café“ betreibt und den Blues hat, treffen nördlich von Nashville einen Verzweifelnden, der mit ein paar Songs im Gepäck über den Highway irrt. Durch Bruce Springsteens Album „Western Stars“ taumeln Männer, die nachts nichts schlafen können, weil sich ihnen das Weiß der Mittelstreifen ins Hirn gebrannt hat, die ihre Stiefel mehr als alles andere lieben, die nirgendwo zu Hause sind und die sich auf dem Parkplatz vor dem Moonlight Motel ganz allein betrinken müssen.
Bruce Springsteens Lieder tun gerne so, als ob sie knarzige Roadmovies wären, verfolgen Hoffende und Bangende, erzählen von trotzig das Glück suchenden Romantikern und von verbitterten, vom Leben gezeichneten Zynikern. In Songs wie „Thunder Road“ oder Born to run“ vertonte er einst in der Rolle des Working-Class-Helden jugendlichen Sturm und Drang. Die Reiseberichte, die der inzwischen 69-Jährige nun auf „Western Stars“ versammelt, sind dagegen von altersmilder Lässigkeit und Lakonie durchdrungen.
Springsteen unternimmt dabei einen Ausflug in eine andere Zeit und in eine ihm bisher eher fremde musikalische Welt. Als er Anfang der 1970er Jahre begann mit einer Band, die später als die E-Street-Band werden sollte, Musik zu machen, spielten die Radios die Lieder von Glen Campbell, Jim Croce, den Mamas and the Papas oder Burt Bacharach in Endlosschleifen. Springsteens Musik war damals der hemdsärmelig-zupackende Gegenentwurf zu dieser träumerisch-sentimentalen, zartbitter opulenten, melodieselig-sonnigen Musik. Jetzt auf „Western Stars“ entdeckt er sie für sich – und erschafft ein spätes Meisterwerk, seine persönliche Version von „California Dreamin’“.
Durch jede Ritze dieser Songs, bei denen man den Ich-Erzähler nicht mit Bruce Springsteen selbst verwechseln sollte, dringt die On-the-Road-Romantik der Beatniks, verschwimmen Hippie-Träumereien aber auch mit nüchternen Bestandsaufnahmen, mit den Bilanzen von Desillusionierten, die das Leben an irgendeinem unwirtlichen Ort einsam ausgespuckt hat. Doch nie kommen seine Protagonisten zur Ruhe, stets wartet irgendwo ein Highway auf sie. Die Lieder auf „Western Stars“ sind Hymnen des Immerweiter, der Unbeständigkeit: „I’m a rolling stone just rolling on / Catch me now ’cause tomorrow I’ll be gone“, singt er etwa in der Eröffnungsnummer „Hitch Hikin’“, die ohne Refrain auskommt und die musikalisch mit Folkpicking das Fahren auf der Landstraße nachahmt: Ich bin ein rollender Stein, wenn du mich jetzt nicht einfängst, ist es zu spät, weil ich morgen schon wieder weg sein werde.
Unberechenbar wie die Protagonisten auf „Western Stars“ ist aber auch deren musikalische Inszenierung, Pop und Folk, Country und Rock’n’Roll treffen immer wieder unvermittelt aufeinander. „The Wayfarer“ verwandelt sich von einer Schrammelnummer in eine Easy-Listening-Kostbarkeit mit grandiosen Streichern und Bläsern. „There goes my Miracle“ entpuppt sich als kurios-pathetische Crooner-Ballade. „Sleepy Joe’s Café“ bekommt sanft einen Cajun-Einschlag verpasst. Vor allem aber hat das Album die beste Gänsehaut-Ballade Springsteens seit vielen Jahren zu bieten: das betörend-intime „Moonlight Motel“, das von einem erzählt, auf den am Ende seiner vielen Reisen nur die große Einsamkeit wartet.