Sinnlose Verschwendung von Steuergeld oder sinnvolle Sparmaßnahme? Der Abriss einer Brücke im Bittenfelder Wald löst Streit zwischen der Stadt Waiblingen und Bürgern aus.
Mit Bauwerken kennt sich Harald Dürr aus Schwaikheim (Rems-Murr-Kreis) aus: Er ist Bautechniker und Tag für Tag im Auftrag des Landratsamts Ludwigsburg als Baukontrolleur unterwegs. Zu seinem Job gehört es dabei auch, zu überprüfen, ob ein Bauwerk den Sicherheitsanforderungen entspricht. Dazu geht er vor Ort, verschafft sich einen Eindruck, macht Fotos und verfasst schriftliche Berichte.
Dass die Stadt Waiblingen vor Kurzem eine Brücke abgerissen hat, die eine Waldklinge auf dem beliebten Sportpfad „Löhle“ im Bittenfelder Wald überspannte, macht den 63-Jährigen fassungslos. Denn nach seiner Einschätzung war die Konstruktion grundsolide: die Betonfundamente intakt, die Stahlträger und Holzstützen völlig in Ordnung. Lediglich der aus Holzbrettern bestehende Belag sei teilweise verrottet gewesen und hätte ersetzt werden müssen, sagt Harald Dürr. „Hätte man beim Bau ein geeignetes, wetterfestes Holz wie Robinie für den Belag verwendet und Tropffugen zwischen den Brettern gelassen, wäre die Brücke auch heute noch komplett in Ordnung.“
Der Austausch des Belags hätte nach Harald Dürrs Schätzung zu Gesamtkosten von rund 5000 Euro geführt. Das habe er der Stadtverwaltung Waiblingen in einer E-Mail mitgeteilt, aber keine Antwort bekommen, kritisiert er. Stattdessen sei die Brücke mit brachialer Gewalt abgerissen worden. Inzwischen bereut der 63-Jährige, dass er selbst die Stadt Waiblingen im Frühjahr auf den zum Teil maroden Belag der Brücke hingewiesen und damit gewissermaßen die Sache ins Rollen gebracht hat. „Es gibt Leute, die sagen, ich hätte Mitschuld am Abriss“, sagt Harald Dürr, und ergänzt, die Angelegenheit habe ihm schon etliche wache Nächte beschert.
Vorwurf: Stadt Waiblingen verschwendet Steuergelder
Kurz vor dem Abbruch hat er die Brücke noch von allen Seiten fotografiert und ihren Zustand dokumentiert – als Privatmann, wie er betont. Die Bilder hat er unter anderem an das Regierungspräsidium Stuttgart, welches Aufsichtsbehörde von Kommunen wie der Stadt Waiblingen ist, aber auch an den Bund der Steuerzahler, an Naturschutzbehörden und Naturschutzverbände geschickt. Sein Vorwurf: Die Stadt Waiblingen habe mit der Aktion Steuergelder verschwendet und durch die Eingriffe obendrein schwere Schäden in der Natur verursacht. Denn als Alternative zur Brücke hat die Stadt einen neuen Weg durch den Wald angelegt, für den Büsche und Bäume gerodet werden mussten.
Den Vorwurf der Verschwendung weist die Stadt Waiblingen von sich, und argumentiert, genau das Gegenteil sei der Fall. Angesichts der „sehr herausfordernden Haushaltslage“ müssten Standards überprüft werden und „die mittel- und langfristig wirtschaftlichere Lösung“ sei nun mal der statt der Brücke neu angelegte Weg. „Die Brücke befand sich im Wald an einer Stelle, die dauerhaft eine sehr hohe Feuchtigkeit aufweist, was dazu führt, dass Bauteile aus Holz in relativ kurzer Zeit Schaden nehmen und die sichere Nutzung der Brücke gefährden“, führt Baubürgermeister Dieter Schienmann in einem Schreiben an Harald Dürr aus.
Ein neuer Schotterweg für 9000 Euro
Zudem müsse die Brücke alle drei Jahre einer einfachen Prüfung und alle sechs Jahre einer Hauptprüfung unterzogen werden. Die Erfahrung der vergangenen Jahre habe gezeigt, dass regelmäßig Ausbesserungsarbeiten an der Brücke erforderlich waren und somit immer wieder Kosten für die Überprüfung und Reparatur anfielen. „Bei einer Wiederherstellung der Brücke in wetterfesterer Form wäre mit Kosten im sechsstelligen Bereich zu rechnen gewesen. Die Herstellung des Schotterweges hat rund 9000 Euro gekostet“, heißt es vonseiten der Stadtverwaltung.
„Richtig wäre die Aussage, dass der neue Weg 7000 Euro mehr gekostet hat, als eine Instandsetzung der Brücke“, hält Harald Dürr dagegen. Gerade in Zeiten von finanziellen Engpässen und einer angespannten Haushaltslage sei es „eine Ungeheuerlichkeit, ein intaktes Bauwerk abzureißen und die Kosten dafür und die unnötige Ersatzmaßnahme dem Steuerzahler aufzubürden“.
Die Stadtverwaltung teilt derweil mit, es seien auch schon positive Rückmeldungen zum neuen Weg eingegangen. An diesem Donnerstag, 18. September, veranstaltet sie ab 16.30 Uhr einen öffentlichen Vororttermin, bei dem die Bittenfelder Ortsvorsteherin Nicole Grüner den neuen Weg vorstellt und „über die Hintergründe und Entscheidung zum Wegebau informiert“. Harald Dürr wird auf jeden Fall mit dabei sein.