Brückeneinsturz in Genua Die ersten Schuldigen sind schon gefunden

Von Almut Siefert 

Nach dem dramatischen Brückeneinsturz in Genua sind noch immer hunderte Helfer im Einsatz und suchen nach Überlebenden und Opfern. Auch über die Schuldfrage wird diskutiert.

Am Tag nach dem Brückeneinsturz gehen die Rettungsarbeiten weiter. Foto: ANSA/AP 14 Bilder
Am Tag nach dem Brückeneinsturz gehen die Rettungsarbeiten weiter. Foto: ANSA/AP

Genua - An diesem Mittwoch sind die Wolken verzogen, die Sonne scheint auf die Trümmer der Unglücksstelle in Genua, wo am Morgen noch immer hunderte Helfer im Einsatz sind und nach Überlebenden und Opfern suchen. 11 Häuser wurden vorsorglich evakuiert, 440 Menschen sind an Ferragosto quasi Obdachlos. Dieser Tag, der 15. August, ist in Italien ein Feiertag, der Tag, an dem Familie und Freunde sich am Meer treffen, zusammen essen, feiern, das Leben und den Sommer genießen. Doch in diesem Jahr herrscht Staatstrauer an Ferragosto, Mariä Himmelfahrt. Das Unglück vom Vortag, als im norditalienischen Genua eine vierspurige Autobahnbrücke plötzlich zusammenbrach und mindestens 39 Menschen in den Tod riss, lähmt das Land.

Aus mehr als 40 Metern Höhe in die Tiefe gestürzt

Ein etwa 100 Meter langes Stück des Polcevera-Viadukts, das auch Ponte Morandi genannt wird, war am Dienstagmittag aus mehr als 40 Metern Höhe in die Tiefe gestürzt. Neben dem Schock und der Trauer wird am Tag nach der Tragödie auch die Wut der Italiener immer lauter: Wie konnte das nur passieren?

Auch wenn der frühere Verkehrsminister Graziano Delrio anmerkt, es sei respektlos gegenüber den Opfern, politische Spekulationen aufzuwerfen, sind genau diese nun in vollem Gange. Die Vize-Premiers Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung und Matteo Salvini von der Lega haben ihren ersten Schuldigen schon gefunden: Die Betreibergesellschaft Autostrade per Italia. Sie ist laut „Corriere della Sera“ für 3020 Kilometer Autobahn und 1866 Brücken und Viadukte in Italien zuständig.

Firma soll zu Rechenschaft gezogen werden

Die Regierung werde die Firma zur Rechenschaft ziehen, die Auflösung des Vertrages mit Autostrade werde eingeleitet, sagt Verkehrsminister Danilo Toninelli am Mittwoch an der Unglücksstelle. „Der Widerruf der Konzession ist das Minimum“, schreibt Innenminister Matteo Salvini auf seiner Facebook-Seite. Luigi Di Maio, Minister für Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung, spricht von „mindestens 150 Millionen Euro Strafe.“ Verkehrsminister Toninelli forderte außerdem die Führungsriege des Unternehmens auf, zurückzutreten.

Und noch einen Schuldigen machte Salvini bereits am Dienstagabend aus: Die Europäische Union. Die Sicherheit der Italiener gehe vor EU-Defizitregelen, so der Innenminister der rechten und euroskeptischen Lega. Sein Vorwurf: Durch die strengen Haushaltsregeln, die die EU Italien alljährlich auferlegt, damit das Land von seinem Schuldenberg herunterkommt, hätten nötige Investitionen nicht getätigt werden können. Der Einsturz der Brücke zeige, wie wichtig es ist, mehr Geld in die Hand zu nehmen. „Wenn äußere Zwänge uns davon abhalten, in sichere Straßen und Schulen zu investieren, dann müssen wir wirklich hinterfragen, ob es Sinn macht, diese Regeln zu befolgen.“ Dabei kann es am Geld nicht gelegen haben: Gerade in den Ponte Morandi wurde in den vergangenen Jahren viel investiert, erst 2016 wurde die Brücke einer Generalüberholung unterzogen. Auch zum Zeitpunkt der Tragödie waren laut Betreibergesellschaft Autostrade Bauarbeiten im Gange.

Italien ächzt unter einem Schuldenberg

Politisch steckt viel hinter den Aussagen Salvinis: Bis zum 15. Oktober muss Italien der EU-Kommission seinen Haushaltsentwurf für das kommende Jahr vorlegen. Schon in den vergangenen Jahren ging damit das Geschacher los, wie weit die Defizitgrenze ausgereizt werden darf. Italien ächzt noch immer unter einem Schuldenberg von 2300 Milliarden Euro, was einem Defizit von rund 132 Prozent des Bruttoinlandproduktes entspricht – erlaubt sind nach EU-Regeln 60 Prozent. Daher schaut die EU immer ganz genau, wieviel Geld Italien plant auszugeben. Di Maio und Salvini fordern ein Aussetzen der EU-Regeln nach dem Maastricht-Vertrag, um Ausgaben zu erhöhen und die Steuern zu senken.

Doch gerade die Partei von Di Maio, die populistische Fünf-Sterne-Bewegung, die vor etwa zehn Jahren vom Ex-Komiker Beppe Grillo ins Leben gerufen wurde, muss sich nach dem Unglück Vorwürfe gefallen lassen. Denn Kritik gab es an dem am Dienstag eingestürzten Polcevera-Viadukt schon lange. Kostspielige Renovierungen sorgten immer wieder für Diskussionen. Die Brücke, die im Westen von Genua unter anderem über Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet führt, wurde in den 1960er Jahren erbaut. Laut Experten war sie dem heutigen Verkehrsaufkommen mit etwa 5000 LKWs pro Tag nicht gewachsen.

Gravierende Versäumnisse

Bereits in den 1980er Jahren kam die Idee auf, den Ponte Morandi daher mit einem neuen Autobahnzubringer zu entlasten. Das Projekt mit dem Namen „Gronda“, in Anlehnung an das italienische Wort „grondaia“ für Regenrinne, wurde aber von Anwohnern und Umweltverbänden abgelehnt. Und auch die Fünf-Sterne-Bewegung sprach sich 2013 gegen eine solche Alternativlösung aus. „Die Wahrheit ist, dass Maßnahmen um die Brücke zu entlasten, bereits in den 1980er Jahren hätten getroffen werden sollen“, sagt Enrico Rixi, Staatssekretär im Verkehrsministerium. „Stattdessen stehen wir nun hier.“ Rixi ist von der Lega, sein Chef, Verkehrsminister Danilo Toninelli von der Fünf-Sterne-Bewegung.

Ein Video, dass die Zeitung „La Repubblica“ am Mittwoch wieder aus dem Archiv auf ihre Internetseite hebt, zeigt den Gründer der Bewegung im Jahr 2014, wie er in Rom auf dem Circus Maximus eine seiner leidenschaftlichen Reden schwingt. Gegen die „Gronda“ in Genua, die nur eine Verschwendung öffentlicher Gelder von Seiten der Regierung wäre. „Wir müssen sie stoppen“, ruft er in die Menge, „Wir müssen sie mit der Armee stoppen“. Und Paolo Putti schiebt auf der Bühne hinterher: „Zu uns hat die Firma Autostrade gesagt, dass die Brücke weitere 100 Jahre stehen bleiben wird.“ Vier Jahre später brach sie in sich zusammen.

Um die 300 Brücken und Tunnel in Italien marode

Premierminister Giuseppe Conte versprach den Italienern nun, dass die Regierung einen außerordentlichen Plan zur Kontrolle der Infrastruktur voranbringen werde, in dem strenge Kontrollen vorgesehen sind. Laut der Zeitung „La Repubblica“ sind um die 300 Brücken und Tunnel in Italien marode. Die veraltete Infrastruktur und eine lückenhafte Instandhaltung seien die Gründe. Wieviel es kosten wird, die Infrastruktur Italiens auf Vordermann zu bringen, kann aktuell noch niemand sagen. „Es ist viel zu tun, es ist viel zu analysieren“, sagte Innenminister Salvini am Mittwoch. Das Unglück von Genua ist leider kein Einzelfall. Immer wieder gibt es in Italien Berichte über marode Straßen und Brücken. Im März 2017 war die Brücke über die Autobahn A 14 während Instandhaltungsarbeiten eingestürzt, zwei Menschen starben. Wenige Monate zuvor war Ende Oktober 2016 in Norditalien eine Schnellstraßenüberführung Zwischen Mailand und Lecco in sich zusammengebrochen, nachdem ein genehmigter Schwertransporter darüber gefahren war. 2017 wurde außerdem der Ponte di Agrigento wegen Abnutzung des Betons geschlossen. Die Brücke stammt ebenfalls aus der Feder des 1989 gestorbenen Ingenieurs Riccardo Morandi.

Um die Ursache des Einsturzes der Morandi-Brücke in Genua herauszubekommen hat die Staatsanwaltschaft der Stadt Ermittlungen eingeleitet. Der ermittelnde Staatsanwalt sagte am Mittwoch, er schließe einen schicksalhaften Einsturz aus. Experten sehen derweil keinen Anhaltspunkt dafür, dass das Unwetter, das zum Zeitpunkt des Einsturzes über der Brücke und der Stadt wütete, etwas mit der Tragödie zu tun haben könnte. Ein Blitz soll kurz vor dem Einsturz in die Brücke gefahren sein.