Brüdergemeinde Forderung erfüllt und Betroffene verärgert

Von und Julia Schweizer 

Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal hat nach langer Suche den Experten benannt, der die Heimgeschichte aufarbeiten soll. Die Betroffenen kritisieren das Vorgehen aber scharf und fühlen sich übergangen. Kann so die Aufarbeitung gelingen?

Die schweren Missbrauchsvorwürfe von ehemaligen Heimkindern beschäftigen die Diakonie der Brüdergemeinde, die nun einen Experten für die Aufarbeitung benannt hat. Foto: FACTUM-WEISE
Die schweren Missbrauchsvorwürfe von ehemaligen Heimkindern beschäftigen die Diakonie der Brüdergemeinde, die nun einen Experten für die Aufarbeitung benannt hat. Foto: FACTUM-WEISE

Korntal-Münchingen - Die Suche dauerte länger als gedacht, aber nun hat die Evangelische Brüdergemeinde Korntal jemanden präsentiert, der sich neutral mit den schweren Missbrauchsvorwürfen in den Heimen ihrer Diakonie befassen soll. Die Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Wolff solle die unabhängige Leitung des Projekts „Aufarbeitung und Prävention im Brüdergemeindewerk“ übernehmen, teilt die Diakonie mit. Damit kommt die Einrichtung zwar einer Forderung Betroffener nach. Aber die sind über die Vorgehensweise entrüstet. Der Ärger der ehemaligen Heimkinder rührt daher, dass die Brüdergemeinde im Alleingang einen Namen veröffentlichte, ohne sich zuvor mit den Betroffenen verständigt zu haben. Es sei verabredet worden, dass diese Position gemeinsam benannt werde, „und nicht, dass über unseren Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden“, sagt das ehemalige Heimkind Detlev Zander.

Fachlich gibt es, so scheint es, wenig Kritik an Wolff. Die 52-Jährige ist seit 2002 Professorin an der Hochschule in Landshut. Unter anderem war sie Mitglied eines Runden Tisches der Bundesregierung zum sexuellen Kindesmissbrauch, vergleichbar dem Runden Tisch zur Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren. Zudem begleitete die Expertin einen Aufarbeitungsprozess bei der Brüderschaft der Rummelsberger. Als Ergebnis stand dort 2012 nach zweieinhalb Jahren eine Dokumentation mit Empfehlungen, Richtlinien und Risikoanalysen bis hin zu einem Notfallplan.

Erfahrung aus der Aufarbeitung ähnlicher Fälle

Die Brüdergemeinde habe sich dort erkundigt, wie Aufarbeitung funktionieren könne, berichtet Mechthild Wolff, wenngleich die dortigen Missbrauchsfälle nicht so lange zurückliegen wie in Korntal. Sie ist zuversichtlich, auch bei der Brüdergemeinde erfolgreich zu sein. „Ich finde, die Vorzeichen sind eigentlich gut“, sagt sie, wohl wissend, dass ein erster Experte für diese Aufgabe im Herbst abgesagt hatte. Auch die Kritik aus den Reihen der ehemaligen Heimkinder ist ihr bekannt.

Die Brüdergemeinde habe mit der „Gesamtarchitektur einen ersten Schritt getan“ und sei aus ihrer Drucksituation ein Stück weit herausgekommen. Nun müsse man mit den Betroffenen – mit denen sie aber noch keinen Kontakt hatte – diskutieren, ob das die richtigen Wege seien. „Ich habe mich dabei sehr stark für einen Beteiligungsansatz eingesetzt“, sagt Wolff. Im Januar soll das Projekt präzisiert werden, denn noch ist auch offen, welche Ressourcen es für ihren Part – die historische Aufarbeitung – geben und bis wann diese laufen soll. Wolff ist es dabei wichtig zu betonen, dass sie Informationen über Missbrauchsfälle, die sie von den Betroffenen erhält, nicht an die Brüdergemeinde weitergibt.

Zudem möchte die Brüdergemeinde eine Ombudsstelle für ehemalige Heimkinder und Mitarbeiter einrichten. Die neutrale Stelle soll mit den Betroffenen klären, ob und gegebenenfalls welche rechtlichen Schritte und welche Therapien möglich sind. Ein übergeordnetes Gremium soll schließlich die Ergebnisse zusammenfassen und Anleitungen für die Zukunft geben.

Kritik an der Aufarbeitung der Brüdergemeinde

Unabhängig davon hatte unlängst auch die Brüdergemeinde ehemalige Mitarbeiter zu einem Treffen eingeladen. Doch anders als von ihr erwartet, sei es eher „um die schönen Erinnerungen“ gegangen, berichtet etwa die ehemalige Lehrerin Dorothea Schweigert. Erst kurz vor Schluss sei der weltliche Vorsteher Klaus Andersen in die Kleingruppen gekommen und habe um Informationen über Missbrauchsfälle gebeten. Sie selbst beispielsweise habe von entsprechenden Vorwürfen gegen zwei Mitarbeiter gehört. Anfang 2015, berichtet sie, will die Brüdergemeinde Termine für weitere Treffen suchen.

Warum geschieht das alles so spät? „Man muss das realistisch einschätzen. Es ist über Jahrzehnte nichts passiert, und jetzt soll alles in zwei Wochen geschehen“, erklärt Wolff. Wenn noch mehr Druck aufgebaut werde, bringe das niemandem etwas. „Es werden noch viele Steine im Weg liegen.“ Der Sprecher der Brüdergemeinde, Manuel Liesenfeld, betont, dass Wolff nicht die ebenfalls gesuchte Mediatorin sein, sondern mit der historischen Aufarbeitung betraut werden solle. Er kann die Irritationen bei den Heimopfern deshalb nicht nachvollziehen und spricht von einem „Missverständnis“. Die Verständigung auf einen Namen habe für den Mediator gegolten. Wer dies sein soll, ist offen. „Ich hoffe doch sehr, dass sie die benannte Person akzeptieren“, sagt er.

Detlev Zander will von einem Missverständnis nichts wissen. Der Opfer-Sprecher, der Anwalt Michael Erath, teilt dessen Einschätzung. „Diese Vereinbarung wurde torpediert, das muss man ganz klar sagen.“ Derweil sind die Betroffenen ihrerseits weiter bemüht, eine Person zu benennen. Sie haben Kontakt zu dem ehemaligen niedersächsischen Justizminister und Kriminologen Christian Pfeiffer aufgenommen. Der bestätigt diesen Kontakt zum jetzigen Zeitpunkt lediglich.