Brüdergemeinde Vorwürfe weiten sich aus

Von Julia Schweizer 

Erneut haben sich Menschen getroffen, die einst in einem Kinderheim der Evangelischen Brüdergemeinde gelebt haben und die von Prügeln, psychischem und sexuellem Missbrauch berichten. Weitere Betroffene haben dabei ihre Absicht bekundet, wie Detlev Zander klagen zu wollen.

Ehemalige Heimkinder haben sich ausgetauscht – und sich darüber informiert, wie es mit einer Entschädigung und der Aufarbeitung weitergehen könnte. Foto: jsw
Ehemalige Heimkinder haben sich ausgetauscht – und sich darüber informiert, wie es mit einer Entschädigung und der Aufarbeitung weitergehen könnte. Foto: jsw

Korntal - Der Raum reichte kaum aus, die Luft war zum Schneiden. Und auch das, was einstige Heimkinder erzählten, dürfte manchem fast die Luft genommen haben. Immer wieder kommen sie zu ihren „Opfertreffen“ zusammen; so auch am Samstag, als rund 20 von ihnen im Korntaler Bürgertreff saßen, um sich über ihre Erlebnisse in Heimen der Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde auszutauschen. Zudem waren einige in Begleitung gekommen oder in Vertretung für Verwandte; auch eine frühere Lehrerin der zugehörigen Schule war dabei.

Viele berichteten, heftig verprügelt worden oder stundenlang oder gar bis zum folgenden Tag ohne Essen eingesperrt worden zu sein. Und viele bestätigten die von Detlev Zander erhobenen Vorwürfe des schweren sexuellen Missbrauchs. Dabei wurden nicht nur weitere Namen mög­licher Täter genannt – auch die Anzahl weiblicher Opfer soll größer sein als bislang bekannt. Zander, der von 1963 bis 1977 im Hoffmannhaus war und den Stein ins Rollen gebracht hat, will für das Erlittene 1,1 Millionen Euro einklagen. Die Gerichtsentscheidung über seinen Antrag auf Prozesskostenhilfe steht noch aus (wir berichteten).

Darauf warten auch einige Betroffene, die sich selbst einen Anwalt genommen haben und klagen wollen. Laut Zander kam nun ein fünftes einstiges Heimkind dazu. Zudem bot am Samstag der Stuttgarter Anwalt Michael Erath eine Beratung an. Dabei stellte eine weitere Betroffene fest, dass nach einer Gesetzesänderung ihre Ansprüche möglicherweise noch nicht verjährt seien – für sie rücke damit eine Klage näher, sagte sie. „Der ganze Fall ist nicht einfach“, sagte Erath aber auch. Dass die Vorfälle schon viele Jahre zurückliegen, erschwere die juristische Aufarbeitung.

Die moralische Aufarbeitung war ebenfalls Thema. Ursprünglich hatte die Brüdergemeinde im Herbst einen von beiden Seiten anerkannten Mittler präsentieren wollen, der sich der Heimgeschichte und der Vorwürfe wissenschaftlich annehmen soll. Doch ein Kandidat war wegen der juristischen Auseinandersetzung abgesprungen. „Wie lange sollen wir denn noch warten?“, fragte ein Mann. „Das erleben wir gar nicht“, sagte ein anderer. Viele fürchteten auch, dass es der Brüdergemeinde nicht um die Aufarbeitung gehe, sondern die Verantwortlichen Namen erfahren wollten, um Vorwürfe zu entkräften.

Dass das Misstrauen groß ist, zeigte auch die Diskussion über das Angebot der Brüdergemeinde, einen Raum für künftige Treffen zur Verfügung zu stellen. Einige fürchteten, dort dann nicht mehr unter sich zu sein. Für viele überwog als Gegen­argument aber die eigene Erinnerung: „Ich bin im Moment noch nicht bereit, diesen Schritt zu machen“, sagte eine Frau, wenngleich sie das Angebot anerkenne.