Brüderle-Buch Frust, der raus muss

Ein langes Interview als Buch: Rainer Brüderle bei der Präsentation in Berlin Foto: dpa
Ein langes Interview als Buch: Rainer Brüderle bei der Präsentation in Berlin Foto: dpa

Rainer Brüderle stellt in Berlin sein Buch „Jetzt rede ich“ vor. Der gescheiterte FDP-Spitzenkandidat sieht sich als Opfer der Medien. Selbstkritik ist nicht sein Ding.

Berliner Büro: Thomas Maron (tm)
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Berlin - Rainer Brüderle ist zurück, wenn auch nur für eine halbe Stunde. Seine Sicht der Dinge will er erklären. „Jetzt rede ich“, heißt das Interviewbuch, das der ehemalige FDP-Fraktionschef und Spitzenkandidat im Gespräch mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg auf den Weg brachte und das von ihm in den Räumen der Bundespressekonferenz vorgestellt wird. Klingt so, als wolle da einer aufräumen, reinen Tisch machen, abrechnen. Der Titel birgt das Versprechen, endlich auf die Sexismus-Vorwürfe einer Stern-Reporterin einzugehen, die ihm 2013 den Start als Spitzenkandidat vermasselten. Deshalb sind auch recht viele Journalisten gekommen, sich die Ansichten eines gescheiterten Spitzenkandidaten anzuhören, der nach dem historischen Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag vor allem eines zu sein scheint: verbittert.

Mag Brüderle auch noch so fröhlich und entspannt tun, das Erlebte scheint noch zu nah, als dass er zu etwas anderem als Selbstverteidigung in der Lage wäre. Nahezu nichts von dem, was in dem dünnen Buch zu lesen steht, ist wirklich neu oder gar überraschend. Brüderle ist schon auf dem Parteitag im Dezember 2013 zu dem Urteil gekommen, die Medien hätten kollektiv alles daran gesetzt, die FDP bei der Bundestagswahl zu vernichten. Und dass er sich vom Magazin Stern verraten und mit Blick auf die gegen ihn erhobenen Sexismus-Vorwürfe als Opfer einer von langer Hand geplanten Kampagne fühlte, hat er zwar bis zur Veröffentlichung des Buchs nicht selbst öffentlich zu Protokoll gegeben. Sein Umfeld hat dies aber während des Wahlkampfs fleißig alle wissen lassen, die es interessierte.

Öffentliche Selbstkasteiung? Nein, die will Brüderle nicht

Brüderle lässt nur geringe Spuren von Selbstkritik in die Seiten rieseln. Schuld an dem Wahldesaster sind im wesentlichen andere. Gut, die Zuspitzung der Zweitstimmenkampagne eine Woche vor der Wahl sei ihm womöglich in der Wortwahl misslungen. Aber das war es dann auch an öffentlicher Selbstkasteiung. Ihm ist mehr daran gelegen, das Bild eines Mannes zu zeichnen, der sich bis zur Selbstaufgabe im Wahlkampf aufrieb, geschwächt von mehreren Knochenbrüchen des Oberschenkels und der Hand. Das ist zweifellos richtig. Aber selbst die bösen Medien haben nie etwas anderes behauptet.

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, der die Aufgabe übernommen hat, das Brüderle-Buch vorzustellen, steht vor der undankbaren Herausforderung, das Buch zu kritisieren, ohne Brüderle zu kränken. Er tut dies, indem er von einem „Büchlein“ spricht, das wohl „sehr schnell geschrieben“ worden sei. Er hoffe deshalb, dass Brüderle mit mehr Abstand ein richtiges Buch schreibe, in dem er sein Leben Revue passieren lässt. „Ich verstehe das, da war Frust da, der musste raus“, so Gysi.

Hat der Stern das Thema Sexismus nur „benutzt“, wie Gysi sagt?

Immerhin: in einem Punkt springt Gysi Brüderle zur Seite. Er kritisiert, dass der Stern den Text über angeblich anzügliche Bemerkungen Brüderles gegenüber einer Reporterin an einer Hotelbar ein Jahr lang liegen gelassen und erst veröffentlichte habe, als Brüderle Spitzenkandidat wurde. Das Thema Sexismus sei zweifellos wichtig, aber hier sei es wohl nur „benutzt“ worden, um einen Spitzenpolitiker anzugreifen.

In der FDP-Spitze ist man von dem Buch wenig begeistert. Im Thomas-Dehler-Haus hat ein dezimiertes Team alle Hände voll zu tun, um vor den nahenden Europawahlen im Mai mit eigenen Themen und Kandidaten überhaupt wahr genommen zu werden. Der Auftritt des gescheiteren Spitzenkandidaten wird da als „wenig hilfreich“ empfunden. Brüderles Blick zurück werten sie in der Parteiführung als Versuch, Verantwortung abzuschieben. Vor allem Brüderles pauschale Medienschelte stößt auf Unverständnis. Das sei in der FDP, die seit der Wahlschlappe um einen entspannteren Umgang mit den Medien bemüht ist, „in keiner Weise das Mittel der Wahl“, heißt es.




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