Brüssel nach dem Brexit Eine kalte Dusche für Pro-Europäer

Von Von Markus Grabitz 

Brüssel ist mit „Remain“ ins Bett gegangen und mit „Leave“ aufgestanden. Nicht nur deshalb rechnen auch die größten Optimisten mit Chaos. Ein Stimmungsbericht.

Brüssel - Um 2:39 Uhr Brüsseler Zeit twittert die englische Fußballlegende Gary Lineker noch: „50:50, gibt es Elfmeterschießen.“ Da steht das Duell um Leave or Remain noch auf des Messers Schneide. Wenn ja, so der Ex-Stürmer weiter, „können wir dafür ein paar Deutsche hinüberbringen auf die Insel?“ Der Mann hat Humor. Galgenhumor. Um 5:41 Uhr Brüsseler Zeit meldet die britische BBC dann, dass die Sache gelaufen ist. Bei den Auszählungen liegt das „Leave“-Lager uneinholbar vorn. Das Spiel haben die Pro-Europäer verloren, anders als erwartet gehen die „Brexit“-Anhänger um Nigel Farage als Sieger vom Platz.

Brüssel steht zu diesem Zeitpunkt gerade auf. Der Hauptstadt der EU steht ohnehin ein Tag Chaos bevor. Wieder einmal streiken Busse und Bahnen. Der Öffentliche Nahverkehr liegt lahm, um 6 Uhr rauschen die ersten Pendler mit dem Auto ins Europaviertel. Der britische Feldherr Bernhard Law Montgomery steht in Form einer lebensgroßen Statue breitbeinig am Kreisverkehr unweit des Kommissionsgebäudes, die Hände verschränkt auf dem Rücken. Um 6:30 Uhr bekommt ein Politiker die Aufmerksamkeit von Kameras und Mikrophonen, die er lange nicht mehr gehabt hat. Bernd Lucke , AfD-Gründer, nun Europaabgeordneter von Alfa, fordert als erstes den Rücktritt von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker: „Juncker ist der Architekt des Euro, er ist verantwortlich für das verheerende Bild Europas.“

Deutschland müsse nun voranschreiten und die EU reformieren. „Die EU sollte sich wieder auf die Zuständigkeiten für den europäischen Binnenmarkt konzentrieren“, fordert Lucke. Sie solle die Sozialpolitik, den Verbraucherschutz und alle anderen Kompetenzen, die sie im Laufe der Jahre an sich gezogen habe, wieder an die Mitgliedsländer abgeben. Eigentlich wollten die Europäischen Konservativen und Reformer (ECR) im EU-Parlament - zu der Fraktion gehören die Alfa-Leute um Lucke ebenso wie die britischen Tories – hier in einem Hotel im Europaviertel, feiern, dass die Briten bleiben.

Die Deutschen werden die Briten noch vermissen

Nun müssen sie die Niederlage für den britischen Premier David Cameron interpretieren. Said Kamal, Brite, dunkelhäutig und Fraktionschef der ECR, windet sich nicht lange. Er räumt ein, dass ihn das Ergebnis auf dem falschen Fuß erwischt: „Ich bin überrascht.“ Es helfe nichts, der Wille der Wähler müsse akzeptiert werden. „Es wird keine Nachverhandlungen geben. Juncker hat das ausgeschlossen.“ Raus ist raus. Jetzt müsse die britische Regierung mit der Kommission und den anderen EU-Ländern über die Konditionen des Ausstiegs verhandeln. Er gibt der EU auf den Weg: „Das war ein Warnschuss, die EU kann nicht bleiben wie sie ist.“ Mit einem in der kritischen Lage typisch britischen Sinn für Humor sagt er, die Deutschen werden die Briten noch vermissen: „Deutschland bleibt zurück mit Frankreich und dem Club Med.“

Der Ökonom und Alfa-Europaabgeordnete Joachim Starbatty warnt, die Reaktionen an den Finanzmärkten zu dramatisieren. „Die Kurse werden sich wieder normalisieren.“ Er rechne weder politisch noch ökonomisch mit großen Verwerfungen: „Es wird alles seinen geordneten Gang gehen, wir haben jetzt zwei Jahre für die Austrittsverhandlungen.“