Kult-Imbiss und Mittagstisch: Der Brunnenwirt bringt Partyvolk, Stammgäste und Geschäftsleute zusammen. Foto: Scheffel/StZN
Der Brunnenwirt ist nicht nur eine der kultigsten Adressen für einen schnellen Imbiss. Auch der Mittagstisch bringt seit Jahrzehnten Stuttgarter aus allen Ecken zusammen. Ein Besuch.
Schräg gegenüber soll ein modernes Haus für Film und Medien entstehen, in der Nachbarschaft eröffnen neue Bars, alte Lokale und Geschäfte schließen, es schwelt der Streit um Lärmbelästigung und Prostitution – das Leonhardsviertel befindet sich im Wandel. Gleichzeitig findet man an kaum einem anderen Ort Stuttgarter Originale wie hier.
Eines, das sich das Treiben seit Jahrzehnten scheinbar unbeteiligt mit ansieht und immer der Alte bleibt, ist der Brunnenwirt am Leonhardsplatz. Seit 48 Jahren trifft sich Stuttgart hier auf Currywurst Spezial oder Schweinebauch – der Imbiss ist gerade bei Nachtschwärmern beliebt. Doch wie geht es dort tagsüber zu? Und wer kommt hier zum Mittagessen ins Lokal nebenan? Ein Besuch gibt Einblicke.
Matthias Mangold und seine Kollegin Melina kommen regelmäßig zum Mittagessen in den Brunnenwirt. Foto: Scheffel/StZN
Brunnenwirt im Stuttgarter Leonhardsviertel – wer isst hier zu Mittag?
„Am Freitag ist oft am meisten los“, hat uns der Wirt vorab verraten. Er selbst und sein Team möchten lieber nichts über sich in der Zeitung lesen – „es geht hier ja hier nicht um mich, sondern um die Gäste“. Und die sind bei unserem Besuch an einem Freitagmittag im Februar reichlich vertreten. Im Radio trällert Wolfgang Ambros gerade seinen Hit „Schifoan“, als wir den mit braunem Holz verkleideten und gefliesten Gastraum betreten. Leises Stimmengewirr, Lachen und Geschirrgeklapper schwappt herüber. Es riecht nach Braten, Pommes und ein bisschen auch nach abgestandenem Rauch. Die meisten Tische sind belegt.
Die Gäste, die hier sitzen, genießen ein gediegenes Mittagessen. Hier steht ein Viertele Rosé oder ein Bier mit auf dem Tisch, da wird genüsslich gequalmt. Fast wie aus der Zeit gefallen erscheint diese Szenerie – gleichzeitig hat man Lust, sich dazu zu setzen. Na dann los.
Currywurst Spezial und Schweinebauch: „Kult-Essen“ im Brunnenwirt
„Wir kommen regelmäßig zum Mittagessen her“, sagt Matthias Mangold. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen lässt er sich gerade den Freitagsklassiker Backfisch mit Kartoffelsalat schmecken. Die drei arbeiten in der Nähe, da bietet sich der Brunnenwirt in der Mittagspause an, erzählen sie. „Der Fisch schmeckt immer hervorragend“, sagt die Kollegin. Es sei schon fast zur Tradition geworden, freitagmittags im Brunnenwirt einzukehren. Die andere Kollegin zieht nach dem Essen genüsslich an ihrer Zigarette – sie schätzt es, dass man im Brunnenwirt noch rauchen darf. „Das findet man nicht mehr oft.“
An einem Ecktisch gleich nebenan lassen sich Tim und seine zwei Freunde die Currywurst Spezial und Schaschlik schmecken – serviert in Porzellanschalen wohlgemerkt, nicht wie am Imbiss in Pappschalen. Die drei kommen nicht von hier – wenn sie aber mal in Stuttgart unterwegs sind, darf ein Abstecher im Brunnenwirt nicht fehlen, erzählen sie. „Das Lokal ist ja sehr bekannt“, sagt Tim. „Die Pommes und die Currywurst hier sind super.“ Er schätzt aber auch die lange Tradition des Brunnenwirts. „Wenn die Wände sprechen könnten, sie hätten sicher viel zu erzählen“, sagt er und lacht.
Auch wir würden diese Geschichten gerne hören, hoffen aber auf ähnlich spannendes bei den Gästen Klaus und Richy. Auch für sie ist der „gute Mittagstisch“ immer wieder Grund für einen Besuch. „Wenn es in unserer Kantine nichts Gescheites gibt, kommen wir her“, sagt Klaus. Der Brunnenwirt ist von seiner Arbeitsstelle nur einen Katzensprung entfernt. Richy ist bereits seit 30 Jahren Stammgast im Lokal – ein, zwei Mal die Woche sind Gaisburger Marsch, Schnitzel, Schweinebauch oder Maultaschen und Co. für ihn ein Muss. „Hier bekommt man noch ehrliche, schwäbische Küche und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt noch“, sagt er.
Der Brunnenwirt als „Stadtbüro“
„Raucher & Nichtraucher“ steht am Fenster des Brunnenwirt. Am Imbiss herrscht reges Treiben. Foto: Scheffel/StZN
Mit ein Grund, warum auch Uwe, Andi und Brigitte den Brunnenwirt nicht missen wollen. Die beiden Männer sind sozusagen Teil des Mobiliars, schon seit Anfang der 90er Jahre kommen sie als Gäste, haben mittlerweile einen der zwei Stammtische am Fenster eingenommen. Manchmal kämen sie sogar zu zehnt, erzählt Uwe. Er und Andi sind in Rente, schauen meist freitags vorbei. Doch auch, als sie noch berufstätig waren, war das Lokal bereits ein fester Treffpunkt im Freundeskreis. „Damals hat man den Brunnenwirt auch ,das Stadtbüro‘ genannt“, sagt Andi. Sogar ihre Ruhestandsfeier und Uwes 60. Geburtstag haben sie hier gefeiert.
Uwe, Andi und Brigitte gehören zu den Stammgästen. Foto: Scheffel/StZN
Ihre Freundin Brigitte kommt seit 15 Jahren her, Uwe und Andi hatten sie damals dazu ermuntert, mitzukommen. „Anfangs dachte ich, als Frau kann ich da nicht allein reingehen, da sind ja nur Männer und man wird komisch angeschaut“, erzählt sie. Eine unbegründete Sorge.
Denn im Brunnenwirt sind alle willkommen. Während draußen die verschiedensten Kämpfe ausgefochten werden – zwischen Arm und Reich, Rechts und Links, Jung und Alt, Patriarchat und Emanzipation – scheint die Welt im Brunnenwirt noch in Ordnung zu sein. Hier geht es einzig und allein um die Currywurst und einen Humpen Bier oder ein Viertele – und sonst um nichts. So kultig viele den Brunnenwirt auch finden, er selbst will es nicht sein.
Was er jedoch sein will: Ein Ort, an dem man zusammenkommt – ganz unprätentiös. Man kennt sich hier, die Stammtischler verbindet mit dem Wirt sogar eine enge Freundschaft. „Das sind die treuesten Gäste“, sagt der. Über die Jahre hätten sich viele Freundschaften entwickelt.
Brunnenwirt in Stuttgart: „Hier gibt’s den Rostbraten noch für unter 30 Euro“
„Die meisten kennen den Brunnenwirt ja bloß wegen des Imbisses“, sagt Stammgast Uwe. „Die wenigsten wissen, dass man auch hier drinnen gut essen kann – und zwar gutbürgerlich und traditionell schwäbisch. Hier gibt’s den Rostbraten noch für unter 30 Euro.“ Für 20,50 Euro steht er derzeit auf der Karte. Der Stammtisch entscheidet sich heute jedoch für Schupfnudeln mit Kraut und Leberwurst, Gaisburger Marsch und Backfisch mit Kartoffelsalat und zwei Viertele Wein. „Da bleibt man schon auch mal länger sitzen.“ Im Brunnenwirt kein Problem, das Lokal hat täglich bis drei Uhr nachts geöffnet.
Zum Ende der Mittagszeit leert sich der Gastraum im Brunnenwirt bei unserem Besuch. Foto: Scheffel/StZN
Leider sei der Ruf des Brunnenwirt nicht der Beste, da sind sich die Freunde einig. „Aber er hat sich auch gewandelt“, findet Uwe. Der ehemalige Kripo-Beamte erinnert sich an Zeiten, als das Prostitutionsgewerbe in der Nachbarschaft auch im Brunnenwirt spürbar war. „In den 80ern waren hier hauptsächlich Leute aus der Altstadt vertreten. Nachts hat man halt auch das Publikum von nebenan angetroffen. Im Laufe der letzten 20 bis 30 Jahre hat sich das aber verändert – da hinten hocken zum Beispiel Geschäftsleute, das gab es so früher nicht“, sagt er und deutet auf einen Nachbartisch.
Gleichzeitig beobachtet der Stammtisch, dass das Wirtshaus Gäste verliert. Viele seien mittlerweile älter, manche Stammgäste bereits verstorben. „Die meisten Jungen kommen hier halt doch nicht her“, sagt Uwe. Der Eindruck an diesem Freitagmittag bestätigt das. Gegen 13 Uhr leert sich der Gastraum langsam. Am Imbiss draußen herrscht derweil reger Betrieb. Der Stammtisch bleibt noch eine Weile sitzen.
Veranstaltungshinweis: Family Business in der Gastronomie
Termin Am Mittwoch, 25. Februar 2026, findet die nächste Veranstaltung von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten statt – das Thema: Family Business in der Gastronomie.
Gäste Alina Meissner-Bebrout und Steffen Meissner (Bibraud, Edda, Maison Meissner), Sebastian Finkbeiner von der Traube Tonbach, Simon Tress von den Tress Brüdern von der Schwäbischen Alb
Moderation Anja Wasserbäch (Kulinarik-Autorin der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten)