Bryan Adams in Stuttgart Ein sauberes Dutzend und ein ungelöstes Rätsel

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Der kanadische Rockstar Bryan Adams hat in der Stuttgarter Schleyerhalle mit seinen größten Hits gastiert – vor halbleeren Rängen. Denn in die Konzerthalle verirrten sich bloß ein paar tausend Besucher.

Bryan Adams in Stuttgart (Archivfoto 2012) Foto: Martin Stollberg
Bryan Adams in Stuttgart (Archivfoto 2012) Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Was war denn da bloß los? Einer der größten Stars im internationalen Rockzirkus kommt nach Stuttgart mit einem Riesensack voller Welthits, und gebucht ist für ihn selbst­verständlich die größte verfügbare Arena – und dann verirren sich in der Schleyerhalle bloß ein paar tausend Besucher. Halbleer ist das weite Rund. Man meint fast, dass sich auf den Sitzplätzen mehr Zuschauer befinden als vor der Bühne stehen. Beschämend schlecht ist Bryan Adams’ Konzert am Donnerstagabend besucht; so mager ­gefüllt hat man die Schleyerhalle noch selten gesehen.

Woran liegt’s? An allgemein zu hohen Ticketpreisen oder einem Überangebot an Veranstaltungen? Mag sein, ein paar Indizien sprechen jedenfalls dafür: Auch bei Elton Johns Gastspiel am vergangenen Sonntag an gleicher Stelle hätten noch ein paar mehr Leute Platz in der Schleyerhalle gefunden. Zwei weitere Konzerte in der zweitgrößten Konzerthalle Stuttgarts, die geplanten Auftritte von Mando Diao und Gaslight Anthem in der Porsche-Arena, sind jüngst in deutlich kleinere Hallen verlegt worden, und zum Gastspiel von Chris Rea in der Porsche-Arena kamen vor drei Wochen auch nur 2500 Besucher.

Oder liegt es vielleicht daran, dass die Musik des „Stark- und Hauptstrom­rockers“ – wie ihn ein Kollege so hübsch bezeichnet hat – nicht mehr recht zeitgemäß ist? Dass sich die streng im Mainstream verorteten Gitarrenriffs und die uralten Rockerposen, die Adams und seine Band in der Schleyerhalle zeigen – symptomatisch ist der orgiastisch sich auf dem Boden wälzende Gitarristen Keith Scott – ebenso überlebt haben wie die guten alten Wunderkerzenballaden? Und trägt der 55-jährige Kanadier gar selber zum Eindruck des Abgestandenen bei, indem er diese Tournee zu Ehren der Wiederveröffentlichung eines vor drei Dekaden erschienenen Albums „Reckless – 30th Anniversary Tour“ nennt? Am fehlenden Willen, das Motto in die Tat umzusetzen, scheitert es jedenfalls nicht. Adams spielt sein Album „Reckless“ in der Schleyerhalle nämlich komplett nach. Er bedient sich dabei eines Kunstgriffs, den man wahlweise trickreich oder vorhersehbar nennen kann. Auf jeweils einen nicht mehr ganz so präsenten Titel folgt im Konzert ein Gassenhauer. Und so kommen zwischen elf eher semiprominenten Stücken die zwölf Hits „She’s only happy when she’s dancing“, „Run to you“, „Heaven“, „It’s only Love“, „Somebody“, „Summer of ’69“, „(Everything I do) I do it for you“, „Cuts like a Knife“, „Can’t stop this Thing we started“, „Please forgive me“, „18 till I die“ sowie „The only Thing that looks good on me is you“.

Manometer, so ein Dutzend Pfeile muss man erstmal im Köcher haben. Hinzu kommt, dass diese Welterfolge von Adams und seinen Begleitern astrein gespielt werden, dass der Sound – zumal für Schleyerhallenverhältnisse – blitzsauber aus den Lautsprechern tönt und dass auch optisch buchstäblich alles bestens im Rahmen ist: Ein illuminierter Bilderrahmen fasst die Videowand ein, auf die in gediegener Schwarzweißästhetik sehr ansehnliche Begleitbilder geworfen werden (ganz so, wie es der talentierte Fotograf Adams auch in seinen eigenen Aufnahmen liebt).

Bryan Adams krönt das Ganze mit fünf Songs, die er solo an der Akustikgitarre vorträgt, gipfelnd im Abschluss der Zugabe. „All for Love“, dem letzten Welthit, den er zum Kehraus noch zu bieten hat. Dieses Konzert ist ein prachtvoller Ausflug in die Vergangenheit, es begeistert ein fleißig mitsingendes, in Erinnerungen schwelgendes, seliges Publikum. Und es hinterlässt die unbeantwortete Frage, warum das Interesse daran nicht größer ist.