Buch in Bad Cannstatt Cannstatter Gassen als Krimi- Kulisse

Von Georg Linsenmann 

Der Feuerbacher Werner Geilsdörfer hat einen Jugendkrimi geschrieben, der fast durchweg im Stadtbezirk spielt: „Diavoloi und Scouts – Spionage!“

Werner Geilsdörfer in der Küblergasse, die in seinem Buch Schauplatz einer rasanten Verfolgungsjagd ist. Foto: Georg Linsenmann
Werner Geilsdörfer in der Küblergasse, die in seinem Buch Schauplatz einer rasanten Verfolgungsjagd ist. Foto: Georg Linsenmann

Bad Cannstatt - Der 13-jährige Tobias ist eine Leseratte. Seine Leidenschaft, vor allem für Karl Mays Abenteuergeschichten, kann er allerdings mit niemandem teilen. Der Teenager aber will kein Außenseiter sein, sondern einfach dazugehören. Also nähert er sich der Jugendgang „Diavoli“, die ihm im Grunde nicht ganz geheuer ist. Trotzdem radelt er über die Wiesbadener Straße Richtung S-Bahn-Station, und als er „von der Remstalstraße in den Geiger“ einbiegt, nicht mehr weit weg von der Schrebergarten-Hütte der Diavoli, da bekommt er nicht nur wegen der strammen Radelei weiche Knie. Und doch lässt er sich auf eine Mutprobe ein, die ihm die Aufnahme in die Gang sichern soll: einem Drehorgel-Mann beim Kaufhof das Instrument entwenden. Ein „Dummer-Junge-Streich“, dessen Folgen sich dann kaum noch einfangen lassen.

Schon am Beginn erfasst einen die Versuchung, zum Stadtplan zu greifen und den Wegen der Hauptfigur zu folgen. Und je weiter Werner Geilsdörfer die Handlung vorantreibt, umso mehr bewährt sich die Platzierung an einem konkreten Ort: in geläufigen Straßen und verwinkelten Gassen, an bekannten Plätzen und Gebäuden. Eine stets nur skizzierte, angedeutete, bekannte Kulisse, die einen verblüffenden imaginativen Mehrwert ergibt. So, als ob man sich mit den Akteuren in einem vertrauten, großen „Wohnzimmer“ bewege. Zumal die Geschichte nicht nur enorm kompliziert wird, mit einer Prise Agenten-Thriller à la John le Carré versehen, sondern auch einen zunehmenden Sog entfaltet bis hin zur finalen Verfolgungsjagd durch die Küblergasse.

Zeitung und Politik als Inspiration

Ist das Cannstatt-Flair dieses in anspruchsvoller, keineswegs ranschmeißerisch-überflotter Sprache geformten Jugend-Krimis voller überraschender Winkelzüge und Wendungen eventuell auch eine Hommage an den Stadtbezirk? Der Autor zögert keinen Moment: „Ja, das spiegelt die Faszination, die Cannstatt auf mich bei der Erstbegegnung ausgeübt hat.“ Das war Anfang der 1980-er Jahre, als Geilsdörfer im Zuge seiner Ausbildung zum Diplom-Verwaltungswirt beim „Amt für Bodenordnung“, längst in das „Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung“ transformiert, in den Stadtbezirk kam: „Cannstatt hat was. Ein eigenes Gesicht, einen eigenen Charakter. Ich mag das.“

Just zu der Zeit las Geilsdörfer einen Zeitungsbericht, fast identisch mit dem Keimling seines Buches: „Ich wollte wissen, wer so etwas machen könnte. Ich wollte verstehen, was in jungen Leuten dabei vorgeht. Und ich wollte darstellen, wie etwas Kleines, scheinbar relativ Harmloses dramatische Folgen haben kann.“ Zudem hatte ihn der Ost-West-Konflikt beschäftigt, weshalb die jugendlichen Akteure in eine Story um Industrie-Spionage im Neckartal hineingeraten: Der Leierkasten diente zum Austausch von „stiller Post“.

Autor mit Bühnenerfahrung

Und die Bühne, in der das spielt, ist Bad Cannstatt. Wobei die effektvolle Dramaturgie des Krimis durchaus die Bühnenerfahrung des Autors spiegelt: Werner Geilsdörfer ist ein ausgebildeter Bariton: „Wolfgang Windgassen, der legendäre Heldentenor der Staatsoper Stuttgart, war mein großes Idol.“ Vier Jahre hatte er sich beurlauben lassen, um im festen Engagement mit dem Oberbayerischen Städtetheater durch die Lande zu touren. Seine Lieblingsrolle: Gabriel von Eisenstein in der „Fledermaus“-Operette von Johann Strauss. Nach der Wende war Geilsdörfer bereits für die Mozart-Oper „Figaros Hochzeit“ in Eisleben engagiert. Die Bühne wurde dann aber „abgewickelt“, weshalb Geilsdörfer ganz in seinen Beruf im Rathaus zurückkehrte. Mit Liederabenden und Kirchenkonzerten ist er aber weiter aktiv. Etwa am 13. März in der Leonhardskirche, wo er an der Aufführung von Pergolesis „Stabat mater“ mitwirkt.

Spannend ist auch die Geschichte der Veröffentlichung des Buches: „Als es fertig war, war der Kalte Krieg als Hintergrund vorbei. Und die Verlage haben mir gesagt, dass die Kids höchstens Hundert-Seiten-Bücher lesen.“ „Spionage!“ hat fast 300 Seiten: „Dann kam Cornelia Funke und der Harry Potter-Boom, und ich wurde aufgefordert, es noch einmal zu versuchen. Und der Hintergrund ist wieder verrückt aktuell.“ Sowieso zeitlos an diesem Jugend-Krimi: die Cannstatt-Kulisse.

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