Buch-Tipp Benjamin Quaderer: „Für immer die Alpen“ Aus dem Leben eines Datendiebs

Von  

Der junge Liechtensteiner Auto Benjamin Quaderer hat aus einem der größten Steuerskandale der Geschichte einen fulminanten Heimatroman gemacht: „Für immer die Alpen“.

O wie schön ist Liechtenstein Foto: AFP
O wie schön ist Liechtenstein Foto: AFP

Stuttgart - Die vielleicht kürzeste Umschreibung für die so neckisch klingende Gattungsbezeichnung Schelmenroman könnte so lauten: sein Held mag ein tückisches Bürschchen sein, doch seine Umgebung hat noch viel mehr Dreck am Stecken; in seinen Vergehen spiegeln sich die Übel der Welt, so groß oder klein diese sein mag.

Eine der kleinsten denkbaren Welten ist das Fürstentum Liechtenstein, aber weil ein großer Teil der vermögenden Restwelt dort gerne mit schwarzen Koffern anreist, um mit einer der 4000 im schönen Vaduz registrierten Gesellschaften „Transaktionen“ abzuschließen, hat es der kleine Alpenstaat mit seinen zwölf Dörfern und knapp 40000 Einwohnern zu erklecklichem Wohlstand gebracht. Und zu einiger Berühmtheit, für die eine der größten Steueraffären nicht nur der Bundesrepublik steht.

Ohne jenen schillernden ehemaligen Bankmitarbeiter, den Benjamin Quaderer in seinem Roman „Für immer die Alpen“ sein Leben erzählen lässt, wäre es nicht zu jenen Bildern gekommen, die etwa den früheren Vorsitzenden der Deutschen Post dabei zeigten, wie er in Begleitung von Steuerfahndern aus seinem Haus geführt wurde. Und er war nur einer von vielen anderen, Sportlern, Industriellen, Diktatoren, Neunmalschlauen, die ihr Rechtsbewusstsein ihrer Gier zum Fraß vorgeworfen haben.

Zum Helden taugt diese Figur in der Wirklichkeit eher nicht, im Roman aber schon

Mit dem Verkauf gestohlener Kundendaten, hat der Informant ein Millionenvermögen verdient, aber gleichzeitig aufgedeckt, wo und wie die Reichen ihr Geld verstecken. Im wirklichen Leben heißt er Heinrich Kieber. Seit der Affäre lebt er mit einer neuen Identität versehen und von Liechtenstein mit internationalem Haftbefehl gesucht an unbekanntem Ort. Ein Dokumentarfilm, eine Biografie und das von ihm selbst geschriebenes Buch „Der Fürst. Der Dieb. Die Daten“ beleuchten den Fall aus unterschiedlichen Perspektiven. Und sie bündeln sich zusammengenommen in der Überzeugung: zum Helden taugt diese windige Figur eher nicht. Wohl aber zum Protagonisten eines ausgebufften Schelmenromans, der Fiktion und Wahrheit schwindelerregend verspiegelt.

Mit heiliger Unschuld erzählt dieser wie er nun auch immer heißt, wie er in die Welt kam und von seinen Eltern ins Waisenhaus gesteckt wurde; als Verkäufer in dem Lebensmittelladen, in dem sich Deutsche Postvorstände und andere Zelebritäten der Schwarzen Koffer mit dem Nötigsten eindeckten, erwarb er die Gunst der Fürstin. Und getragen von luftigen Duodez-Schnurren, postmoderner Erzähltechnik und dem starken Aufwind einer Hochstaplergeschichte schwebt man bald weit über den Alpen von Liechtenstein, über Barcelona, Australien, die Cayman Inseln nicht zu vergessen, um den ganzen Globus, bis es zum harten Aufschlag auf einer argentinischen Hazienda kommt.

Würden Sie dieser Person trauen?

Hier verstrickt sich das Gespinst aus kleinen Mogeleien, Lebenslügen, Freundschaftsdiensten und Eigennutz mit der brutalen Realität der Gier. Aus Freunden werden Bestien, aus dem Schelm ein Folteropfer. Alles was folgt, die Rückkehr nach Liechtenstein, die Arbeit in der Bank, der Datendiebstahl, ist motiviert durch die Grausamkeit des unter reichen Leuten Erlittenen. Aber natürlich ist das nicht mehr als eine Lesart im Buch des Lebens eines Mannes, der sein Bild in der Zeitung findet, verbunden mit der Frage: Würden Sie dieser Person trauen?

Wem kann man hier schon trauen? Der junge Liechtensteiner Autor Benjamin Quaderer versteht es, in seinem Heimatroman durch eine Fülle echter und gefälschter Fußnoten dem Leser immer wieder den festen Boden unter den Füßen wegzuziehen. Dass dem Absolventen der Hildesheimer Schreibschule, seinen Tricks und metafiktionalen Taschenspielereien, selbst ein gewisser Zug zur Hochstapelei nicht abgeht, ist kein Einwand. Er beglaubigt im Gegenteil sein Roman-Debut, an dem er just genauso lange geschrieben hat wie seine Hauptfigur an ihrem Lebensbericht - fünf Jahre. Und ihm sind mindestens soviele Leser zu wünschen, wie sie der Summe entsprechen, die der fiktive Erzähler einst für den tatsächlichen Verkauf der Daten erhalten hat.