Buch-Tipp: Christine Wunnicke, „Die Dame mit der bemalten Hand“ Seltsame Dinge an einem seltsamen Ort

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In Christine Wunnickes Werken treffen historische Tatsachen auf groteske Fabulierlust: ihr neuer Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ erzählt Geschichte als umwerfend komisches Stille-Post-Spiel - ein heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis.

Hallo, ist da jemand? Die Höhlen von Elephanta sind Schauplatz von Christine Wunnickes neuem Roman. Foto: imago/robertharding/imago stock&people 8 Bilder
Hallo, ist da jemand? Die Höhlen von Elephanta sind Schauplatz von Christine Wunnickes neuem Roman. Foto: imago/robertharding/imago stock&people

Stuttgart - Treffen sich zwei auf einer lausigen Insel irgendwo in Indien um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der eine ein kurzsichtiger persischer Astronom unterwegs nach Mekka, der andere ein Mathematiker aus Bremen, der letzte Überlebende einer Forschungsreise in die Vorgeschichte, um einige wichtige Fragen zu klären, die ein sonderbarer Göttinger Orientalist an das Morgenland stellte. Zum Beispiel ob es sich bei dem Ungeziefer, das Ägypten im achten Buch Mose plagte um Mücken, Schnaken oder doch eher Bremsen handelte. Wissenschaft eben.

Im Moment geht es dem bremischen Gelehrten nicht besonders gut – vermutlich das Sumpffieber. Der persische Kollege hat ihn zunächst für eine Ziege gehalten, wie er da in dieser Höhle kauert, voller dicker Säulen und indischer Götter. Alles ist ziemlich ramponiert, überall raschelt lästiges Getier, Schlangen, Affen, Fledermäuse – wie gesagt eine lausige Insel. Und als der Astronom das Wort an den bläulich weiß wie entrahmte Milch schimmernden Europäer richtet, erst auf Persisch, dann auf Arabisch, kippt dieser erst einmal um.

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Und vielleicht sollte man die Gelegenheit nutzen, zu erklären, wo man hier eigentlich gelandet ist. Im neuen Roman der Münchner Autorin Christine Wunnicke, „Die Dame mit der bemalten Hand“, deren Werk zu den großen Verheißungen literarischer Entdeckungsreisen zählt. Abseits der Hauptverkehrsstraßen des Literaturbetriebs hat sie mit ihren Romanen und Erzählungen anmutig verschlungene Schleichwege gebahnt, auf denen sich historisch verbürgte Tatsachen und groteske Fabulierfreude, Wissenschaft und haarsträubender Aberwitz so begegnen als wäre es das Normalste auf der Welt. Doch wie es scheint, ist dieser bisher unter der Verborgenheit des Geheimtipps stattfindende Austausch dabei entdeckt zu werden.

Gestempelte Lügen

Gerade wurde „Die Dame mit der bemalten Hand“ mit dem Raabe-Preis ausgezeichnet, am 12. Oktober könnte der Deutsche Buchpreis folgen. Es gibt Ratgeber zur Vermeidung interkultureller Missverständnisse. Würde man im Gegensatz nach einem Zeugnis suchen, welche wundersamen Situationen aus dem Aneinandervorbeireden entstehen können, und welche kuriosen Gebilde aus dem Aufeinandertreffen kultureller Halsstarrigkeiten, wäre das Werk dieser auch als Übersetzerin arbeitenden Autorin die ergiebigste Quelle.

Womit es höchste Zeit wird, auf die Insel zurückzukehren. Denn inzwischen ist der fiebernde Europäer wieder aus seiner Ohnmacht erwacht. Er heiße Nibbur und mit Rufnamen Kurdistan, stellt er sich vor, so kommt der Name Carsten Niehbuhr zumindest bei dem persischen Sternenkundigen an, der seinerseits einen ziemlich langen und komplizierten Namen trägt und hier der Einfachheit halber Musa genannt werden soll. Die Lingua franca, in der sich beide verständigen, ist Arabisch, das der Deutsche, wie sein Gegenüber findet, falsch und lustig spricht, weil er immer wieder heimische Redensarten unumwunden in die fremde Sprache einfügt. So trägt er beispielsweise Affen des Mundes zu Markte, während Musa „wie gestempelt“ lügt, wenn er Kurdistan Nibbur erzählt, seine Mutter sei die Tochter des Oberkämmerers des Großwesirs des Schahs zu Isfahan.

Eigenartige Marotten und irrwitzige Nichtigkeiten

Auch die ewigen Sterne, das Spezialgebiet der beiden Himmelsvermesser, sind der Interpretation nicht entzogen: wo dieser eine Dame namens Kassiopeia zu erkennen glaubt, sieht jener nur deren bemalte Hand. Aber ehrlich gesagt waren auch die Verhältnisse an der Göttinger Universität alles andere als eindeutig. Die Wissenschaft, die Niehbuhr dort gelehrt wird, kann es an weitschweifiger Geschwätzigkeit durchaus mit dem gewundenen Pomp aufnehmen, den Musa so am Sanskrit verabscheut, in dem er sich mit den Inselbewohnern verständigen zu können hofft: „Lasst Feuerbeschaffungseile walten, oh Hundesöhne!“, ruft er sie zur Hilfe, „opfert ein Tuchgewirk blitzgeschwind, denn ich will es betauen!“

So nehmen die Dinge ihren Lauf, der eigentlich vor allem darin besteht, hin und wieder mit merkwürdigen Inselbewohnern konfrontiert zu sein, sich von Musas Diener Malik eine Ziege braten zu lassen und über die Darstellungen der demolierten Steinfiguren zu rätseln, die ein eifriger portugiesischer Jesuit mit einem Kanönchen zerschossen hat. Götzenbilder. So kann sich der Leser von Ereignissen weitgehend unbeeinträchtigt der heiteren Sachlichkeit von Wunnickes Sprache überlassen, die sich mit anmutigem Achselzucken in die eigenartigen Marotten und irrwitzigen Nichtigkeiten fügt, über die getreu zu berichten ihr obliegt.

Was ist hier eigentlich los?

Irgendwann landen Briten an, künftige Kolonialisten, vielleicht die komischsten Vögel von allen, die wieder ihren eigenen Blick auf die Szene haben: „Was ist hier eigentlich passiert?“ – „Es ist ein seltsamer Ort“, erwidert Niehbuhr. Damit endet die sich anbahnende wunderbare Freundschaft zwischen dem bremischen Gelehrten und dem persischen Astrolabienbauer Musa, der diesem Kurdistan Nibbur eigentlich ganz gerne die bemalte Hand seiner Tochter anvertraut hätte.

Was wir Geschichte nennen ist das Ergebnis eines universalen Stille-Post-Spiels. Unter dieser Voraussetzung ist alles, was hier erzählt wird, wahr und verbürgt. Nachzutragen bleibt, dass die kleine indische Insel Elephanta wegen ihrer indischer Götterstatuen 1987 zum Unesco Weltkulturerbe erklärt wurde. Und dass spätestens jetzt Christine Wunnicke als Kandidatin für höchste literarische Ehren gelten muss. Höchste Zeit.

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand. Roman. Berenberg Verlag. 168 Seiten, 22 Euro.

Info

Christine Wunnicke, geboren 1966 in München, studierte in Berlin und Glasgow Linguistik, Altgermanistik und Psychologie. Sie veröffentlichte neben Romanen, Novellen, Erzählungen zahlreiche Radiofeatures und Hörspiele. In ihren Büchern über vergessene Kastraten, schottische Rockmusiker, Filmpioniere, Gespenster und den japanische Nervenarzt Shimamura verspiegelt sie auf unvergleichliche Weise Wissenschaft, Geschichte und poetischen Hintersinn.

„Die Dame mit der bemalten Hand“ steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde gerade mit Raabe-Preis ausgezeichnet. kir




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