Buch-Tipp: „Geisterbahn“ von Ursula Krechel „Zigeuner“ sagt niemand mehr

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Ursula Krechel lädt in ihrem eindrucksvoller Roman „Geisterbahn“ zu einer Fahrt, die unter die Haut geht. Es ist der Schlusstein ihrer Trilogie über das Schicksal der Opfer des Faschismus in der BRD.

Auf der Seite derer, die alles verloren haben: die Autorin Ursula Krechel Foto: dpa
Auf der Seite derer, die alles verloren haben: die Autorin Ursula Krechel Foto: dpa

Stuttgart - Für den Karussellbesitzer Alfons Dorn laufen im Frühsommer 1936 die Dinge gar nicht schlecht, auch wenn sich Anlieger vor Kurzem beim Anhören einer Hitlerrede gestört gefühlt hatten, und er den Betrieb bis zum Ende der Rede aussetzen musste. Seine Frau schenkt ihm Kind um Kind, in Trier wohnt die aufstrebende Sinti-Familie im eigenen Haus, dem sich verdunkelnden politischen Horizont zum Trotz hat das Jahrmarktgeschäft zweifellos glänzende Aussichten. Alles scheint wohlgetan – wie bei Hiob, bevor der Herr ihn gestraft hat.

Doch mit der Reise nach Berlin, wo er sein Unternehmen um eine Autoscooter-Anlage zu vergrößern gedenkt, ändert sich alles. Man verkauft nicht mehr an „Zigeuner“, und weil sich die Stadt für die Welt vor den Olympischen Spielen als weiß, arisch und aufgeräumt herausputzt, will man sie auf den Straßen auch nicht mehr sehen. Es beginnt eine Geisterbahnfahrt durch die jüngere deutsche Geschichte, an deren Ende Alfons Dorn als gebrochener Mann einsam zurückbleibt, in einer Zeit, in der ihn zwar niemand mehr „Zigeuner“ nennen darf, es aber trotzdem tut. Fünf seiner Kinder hat er im Konzentrationslager verloren, die übrigen wurden zwangssterilisiert, seine Frau um den Verstand geprügelt, sein Besitz zerstreut.

In Deutschland leckt man vor allem die eigenen Wunden

Der Roman „Geisterbahn“ der in Trier 1947 geborenen Autorin Ursula Krechel ist der monumentale Abschluss einer Trilogie, die den Untergrund erkundet, auf dem die stehen, denen die Geschichte den Boden unter den Füßen weggezogen hat. In „Shanghai fern von wo“ sind das jüdische Exilanten, die den Nationalsozialismus in China überlebt haben. Nach ihrer Rückkehr geht es ihnen wie dem Richter Richard Kornitzer des mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans „Landgericht“, der an der Unmenschlichkeit der bundesrepublikanischen Nachkriegsbürokratie und -gesellschaft scheitert. Denn dort leckt man vor allem die eigenen Wunden, prägt Begriffe wie „Entnazifizierungsopfer“ und blickt ansonsten zynisch und kalt nach vorn. „Nicht jeder aus einem Konzentrationslager entlassene Häftling ist des Mitleids der Bevölkerung würdig“, heißt es in einem Aufruf des Trierer Bürgermeisters, der aus dem Dunkel dieser Geisterbahn hallt.

Es ist der Schock des fortbestehenden Schreckens in einem Land, das nach dem Krieg lange gebraucht hat, sich auf den Begriff der Befreiung statt auf den der Niederlage zu einigen, der Krechels Schreiben vorantreibt, in eine Gegenwart, die sich heute der Lehren der Geschichte nicht mehr so sicher sein kann, wie sie es sich zugutehält. Gegen die Verhärtung und Vergletscherung der Gefühle setzt die auch als Lyrikerin hervorgetretene Autorin die Magie der Sprache: Totem historischem Wissen bläst sie den Odem ein, damit es erwacht und Zeugkraft gewinnt, für Menschen wie Alfons Dorn, die nach der Rückkehr aus den Konzentrationslagern als Opfer des Faschismus hundert Mark und zehn Flaschen Wein in die Hand gedrückt bekamen: „Der Wein konnte ausgetrunken werden zum Trost für jedes ermordete Familienmitglied, und je nach Größe der Familie war es nur eine halbe Flasche Wein.“

Kaleidoskopisches Erzählen

Krechel erweist ihren Figuren nicht dadurch Gerechtigkeit, indem sie sie der historischen Einfühlung überantwortet, sondern weil sie deren Geschichte in einem komplexen literarischen Kunstwerk aufhebt. Und die Größe und Eigenart ihres Schreibens liegt nicht im Schließen einer Lücke der Aufarbeitung, vielmehr in der visionären Kraft, mit der sie durch diesen Spalt die Gesamtheit des zeitgenössischen Lebens sichtbar macht.

Denn dieser Roman zielt aufs Ganze. In der Geisterbahn der Geschichte haben neben den Dorns auch die anderen Platz genommen: Opportunisten, die gelernt haben, sich mit der Strömung treiben zu lassen und immer oben zu bleiben; Kommunisten wie die Turgaus, der jüdische Rechtsanwalt Cobler, verfemt, zusammengetrieben, misshandelt, ermordet von Jedermännern wie dem Vater des Erzählers, die immer nur unerbittlich ihre Pflicht getan haben. Sie und ihre Kinder, die in den fünfziger Jahren wie die Autorin in Trier die Bank unter den Schlägen von Lehrern der alten Schule drücken mussten, fahren mit, auf verschlungenen Wegen vorbei an Schlagzeilen wie „Furtwängler dirigiert wieder“, durch Wirtschaftswunder, Auschwitzprozesse, Anpassung und Revolte ins Jetzt. Wo ein Sinto wie der jüngste Sohn der Dorns zwar ein Restaurant eröffnen kann, allerdings damit rechnen muss, dass Neonazis alles kurz und klein schlagen und die Polizei, die an Nazis nicht glauben will, nichts unternimmt.

Krechel begnügt sich nicht mit den Pappkameraden des Unheils. Den Fluch der Vereinseitigung und Reduktion bannt entfesselte Fülle. Von den Glücksverheißungen des Jahrmarkts hat sie sich das Prinzip der Überwältigung geborgt. In ihrem kaleidoskopischen Erzählen durchdringt sie die Freiheit der Fantasie mit genaustens recherchierter Faktizität. Dem Verbrechen der Sprache in dürren Erlassen und Verordnungen setzt sie die poetische Kraft der Wirklichkeitsdarstellung entgegen. Und je transparenter der Schreibprozess wird, umso schärfer erscheint das darunterliegende Bild der Wirklichkeit.

So ist das vergessene und verdrängte Leiden der Dorns nicht ein verdienstvoller Stoff unter anderen. In den ernsten Sprachspielen der Autorin wird er zum Stoff schlechthin, um den es in dem zentralen Weltverhältnis geht, das Kunstwerke wie epochale Romane eröffnen: den aus der Geschichte gezeugten Kosmos der Gegenwart.

Termin: Die Autorin stellt ihren Roman an diesem Dienstag um 19.30 Uhr im Literaturhaus Stuttgart vor.