Buch-Tipp: Hans Joachim Schädlich, „Die Villa“ Interieur des Grauens

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Hans Joachim Schädlich ist der literarische Chronist der deutschen Unrechtsgeschichte. Sein Roman „Die Villa“ zeigt die Schauseite einer Zeit, in der sich Unaussprechliches anbahnt und vollzieht.

Hans Joachim Schädlich erzählt von einer Kindheit während des Krieges. Weitere interessante Neuerscheinungen finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: dpa/Carmen Jaspersen/Verlag 6 Bilder
Hans Joachim Schädlich erzählt von einer Kindheit während des Krieges. Weitere interessante Neuerscheinungen finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: dpa/Carmen Jaspersen/Verlag

Stuttgart - In diesem Mai jährt sich das Kriegsende zum 75. Mal. Ganze Bibliotheken ließen sich füllen, mit der literarischen Erinnerungsarbeit im geschichtlichen Trümmerfeld des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens. Im letzten Jahr verschaffte sich das schmissige Buch eines gewieften Geschichtenerzählers Aufmerksamkeit, der sich bedenkenlos historischen Materials bedient hat, um aus den Bruchstücken menschlichen Leids eine effektvolle Naziglamour-Schaubude zu errichten. Bei näherer Betrachtung zeigte sich schnell die zutiefst unsolide Konstruktion des Ganzen, nichts passte zusammen. Im Rückblick bleibt von Takis Würgers Roman „Stella“ vor allem die Erinnerung an eine peinliche Literaturaffäre. Kein größerer Gegensatz zu diesem aufgemotzten Gebilde lässt sich denken, als die Villa, von der aus der 1935 geborene Hans Joachim Schädlich, in seinem neuen gleichnamigen Roman die Zeit in den Blick nimmt, in die seine eigene Kindheit fällt.

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Statt fremde Innenwelten dem eigenen Zeitgeschmack anzupassen, konzentriert sich der literarische Chronist deutscher Unrechtsgeschichte, der zuletzt mit „Felix und Felka“ zwei in Auschwitz ermordeten jüdischen Künstlern ein Denkmal gesetzt hat, auf die stumme Sprache des Interieurs. Und so beginnt sein neuer Roman mit einer akribischen Bestandsaufnahme dessen, was eine Villa in sich schließt: großzügige Raumfluchten, Stuckverzierungen, Bleiglasfenster, schmiedeeiserne Rankenornamente. Dem gründerzeitlichen Pomp entgegen steht die radikale Sparsamkeit der sprachlichen Mittel, zwei Verben auf einer Seite, das muss reichen. Das Schweigen der Dinge zu beleben, bleibt der Imaginationskraft des Lesers überlassen.

Diese strikte Zurückhaltung waltet nicht nur in den Partien, die die einst in jüdischem Besitz befindliche Villa betreffen, in der die Familie des schon früh vom Nationalsozialismus überzeugten Drogistensohnes Hans Kramer 1940 ihren Aufstieg besiegelt. Lakonische Nüchternheit charakterisiert auch die Szenen eines bürgerlichen Mitläuferlebens, in denen dieser Roman vor mutmaßlich autobiografischem Hintergrund einen Alltag im Ausnahmezustand der Barbarei plastisch werden lässt. Weil kein Erzähler die Befindlichkeiten der Figuren modelliert und moderiert, entgeht die kühle Inventarisierung einer Periode den Fallstricken, über die andere Darstellungen in die relativistischen Problemgebiete stolpern, in denen unsere Väter und Mütter darauf warten, endlich von ihrer Schuld erlöst zu werden.

Der Krieg ist überall

Bei Schädlich ist es wiederum der Leser, der aus dem Beiläufigen von Kinderspielen, kurzen Dialogen, unmerklichen Veränderungen, dem Auftauchen eines französischen Zwangsarbeiters und dem Verschwinden jüdischer Honoratioren das Bild einer Zeit zusammenfügen muss, hinter deren geschäftiger Schauseite sich Unaussprechliches anbahnt und vollzieht. Es verbirgt sich in kurzen erst zuversichtlichen, später beklommenen Kommentaren zum sich ausbreitenden Kriegsgeschehen. Irgendwann trudelt die Nachricht vom unerklärlichen Tod des Schwagers ein, der zuletzt in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht war. Schließlich bekennt Hans Kramer im Gespräch mit seiner Frau in knappen Worten: „Ich fürchte mich. Der Krieg ist überall in Europa. Die Behandlung der Juden. KZs. Stalingrad. Die vielen Toten. Das sind Verbrechen! Ich habe meine besten Jahre Verbrechern geopfert.“ Mehr Einsehen ist nicht. Wenig später stirbt er an einem Herzfehler, knapp zwei Jahre vor Ende des Krieges.

Nach seinem Tod wird die Villa verkauft. Am Ende erwirbt sie ausgerechnet ein schwäbischer Unternehmer für Aktenvernichter, der das Gebäude abreißt. Doch in Hans Joachim Schädlichs literarischer Gedächtniskunst steht es unversehrt. Wer eintritt, gelangt in ein Haus der Erinnerung. Alles ist noch da, sich einzurichten, bleibt dem Besucher selbst überlassen.

Hans Joachim Schädlich: Die Villa. Roman. Rowohlt Verlag. 192 Seiten, 20 Euro.




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