Buch-Tipp: Jeanine Cummins, „American Dirt“ Engagierte Literatur oder Trauma-Porno?

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Jeanine Cummins Roman „American Dirt“ über ein mexikanisches Flüchtlings-Schicksal galt in den USA als wichtigstes Buch des Jahres und hat eine heftige Debatte ausgelöst. Nun ist es auf Deutsch erschienen.

Debattenstoff: Jeannine Cummins’ Roman „American Dirt“. Weitere interessante Neuerscheinungen finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: dpa/Joseph Kennedy, Rowohlt 6 Bilder
Debattenstoff: Jeannine Cummins’ Roman „American Dirt“. Weitere interessante Neuerscheinungen finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: dpa/Joseph Kennedy, Rowohlt

Stuttgart - Am besten, man macht sich völlig frei von allem, was im Vorfeld über dieses Buch zu lesen war und geht erst einmal in Deckung. Denn das erste, was man hört, ist der Einschlag einer Kugel auf der gefliesten Wand eines Badezimmers. Je weiter man sich mit der Mutter, die ihren Sohn gerade zum Pinkeln begleitet hat, aus dem Tumult dieser Eröffnungsszene wieder hervorwagt, desto deutlicher wird das ganze tödliche Desaster, in das man hier geraten ist.

Wir sind in Mexiko, wo sich ein Journalist mit einem der mächtigen Drogenkartelle angelegt hat. Was die Frau und der achtjährige Junge gerade durch Zufall überlebt haben, war ein blutiger Racheakt, bei dem der Rest ihrer Familie ausgelöscht wurde. Sie werden die nächsten sein. Von der Polizei, die in Teilen mit der Verbrecherorganisation unter einer Decke steckt, ist keine Hilfe zu erwarten. Das einzige, was bleibt, ist die Flucht in Richtung Norden aus einem Land, das für die beiden Hauptfiguren zur Hölle geworden ist. Die legalen Wege sind versperrt von korrupten Beamten und Clan-Mitgliedern. Also müssen sie auf die illegalen ausweichen, auf denen sich auch jene Verzweifelten durchzuschlagen versuchen, die aus Lateinamerika alljährlich in Richtung USA aufbrechen, wo der amtierende Präsident die Zäune vor dem Ziel ihrer Hoffnung in den Himmel wachsen lässt.

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Schauplatzwechsel. Für die in Spanien geborene, in den USA als Enkelin einer puertoricanischen Großmutter lebenden Autorin Jeanine Cummins hat das Jahr gut begonnen. Ihr Roman „American Dirt“, was so viel bedeutet wie amerikanischer Schmutz, wurde vor dem Hintergrund der repressiven US-amerikanischen Einwanderungspolitik schon vor Erscheinen als eines der wichtigsten Bücher des Jahres gefeiert. Zahlreiche Verlage wetteiferten um die Rechte. Euphorische Besprechungen folgten, die TV-Literatur-Päpstin Oprah Winfrey adelte das Buch in ihrer Sendung. Doch dann drehte sich der Wind. Hispanische Autoren warfen Cummins vor, sie nutze das Leid der Migranten aus, um es in einem „Trauma-Porno“ für einen von Weißen dominierten Literaturmarkt zu verwursten. Unter verschiedenen Hashtags wurde gegen den Roman protestiert.

Den weiten Resonanzraum für die kritischen Stimmen bildet eine seit einigen Jahren heftig geführte Diskussion um die sogenannte „kulturelle Aneignung“: Ausdrucksformen einer gesellschaftlichen Gruppe werden von der herrschenden Dominanzkultur übernommen und deren eigenen modischen oder kommerziellen Interessen eingegliedert. Beispielsweise wenn sich in den USA weiße Musiker, Designer oder Werbeleute der Stile und Insignien bedienen, in deren Zeichen Afroamerikaner noch immer gegen Ungleichheit und soziale Benachteiligung rebellieren. Oder eben, wenn sich eine saturierte weiße Autorin das harte Schicksal der diskriminierten lateinamerikanischen Migranten schnappt, um daraus literarischen Profit zu schlagen.

Willkür, Gewalt und Schikanen

Unter dem Eindruck der Debatte revidierten zunächst wohlmeinende Rezensenten ihr Urteil über „American Dirt“, prominente Fürsprecher distanzierten sich, eine Lesereise wurde wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Und damit wird es Zeit, auf das Dach des Güterzuges zurückzukehren, auf dem sich die Mutter und ihr Sohn zusammen mit anderen aus verschiedensten Motiven zum Unterwegssein Verurteilten inzwischen gerettet haben - wobei man von Rettung unter diesen haarsträubend lebensgefährlichen Reise-Bedingungen kaum reden kann.

Es mag sprachlich geschmeidigere Darstellungen geben, was auch an der etwas schlampigen deutschen Übersetzung liegen kann. Nicht jede dramaturgische Entscheidung ist geglückt. Dass die Mutter ausgerechnet mit ihrem Peiniger eine gemeinsame Vorgeschichte verbinden soll, würde eine größere psychologische Gestaltungskraft erfordern, als sie der Autorin ganz offensichtlich zu Gebote steht. Das gilt auch für das Katastrophen-Maß, das den zarten Schultern eines Kindes aufgebürdet werden kann, ohne es als glaubwürdige Figur in die Knie gehen zu lassen. Dafür aber teilt sich dem Leser in atemloser Eindringlichkeit mit, wie es ist, aus seinen Lebensbezügen herausgerissen zu werden, um zur Manövriermasse von Willkür, Gewalt und Schikanen zu werden: die hoffnungslose Ausgesetztheit, in der alle Errungenschaften und Distinktionen der Persönlichkeit erlöschen, das Zurückgeworfensein auf die nackte Existenz. Es gibt Genregesetze, die sich ihren Gegenstand suchen. Hier ist es umgekehrt: Das Formeninventar des Thrillers, die permanente Zuspitzung, die existenzielle Ungewissheit, das Hangeln von Cliffhanger zu Cliffhanger erweist sich als natürlicher Darstellungsmodus für die Realität von Flucht und Migration.

Literatur ist keine Nabelschau

Ist das nun Trauma-Porno, einmal abgesehen davon, dass man dieses Etikett auch ohne weiteres Aischylos‘ „Orestie“ verpassen könnte? Soviel lässt sich auf jeden Fall sagen, dass die zigtausend Leser, die den Wohlstand der Autorin mehren werden, im kommenden US-Präsidentschaftswahlkampf anders auf die sich wieder abzeichnenden populistischen Instrumentalisierungen reagieren dürften, nachdem sie dem Leidensweg dieser Verdammten gefolgt sind.

War der ganze Streit um kulturelle Aneignung also unnötig, ein weiterer Beweis, wie sich gut gemeinte identitätspolitische Absichten in ihr überspanntes Gegenteil verkehren? Ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Die Absurdität, von einem Autor zu verlangen, nur über die eigenen Belange zu schreiben, liegt auf der Hand. Literatur ist keine Nabelschau, und ob man den drängendsten Probleme unserer Zeit gerecht wird, ist keine Frage der Zugehörigkeit, sondern des Gestaltungsvermögens.

Doch ebenso evident ist die strukturelle Ungleichheit, die sich wie in allen Teilen der Gesellschaft auch im Buchmarkt niederschlägt. Zurecht empören sich Latino-Autoren darüber, dass erst eine Angehörige des weißen literarischen Establishments kommen muss, um Beachtung und verlegerische Unterstützung für die Themen und Stoffe zu finden, an denen sie sich seit je existenziell und künstlerisch abarbeiten. In jedem Fall, Grund genug, sich mit dem Buch intensiv auseinanderzusetzen. Was es als Roman nicht leistet, leistet es als Gegenstand der Debatte.

Jeanine Cummins: American Dirt. Roman. Übersetzt von Katharina Naumann. Rowohlt rororo. 560 Seiten, 15 Euro.




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