Buch-Tipp: Juli Zeh, „Über Menschen“ Mein Nachbar, der Dorf-Nazi

Juli Zeh blickt in ihrem neuen Roman hinter die Mauer unserer Gewissheiten. Foto: Peter von Felbert

Eine Berliner „Großstadttante“ flieht vor urbanen Bescheidwissern und pandemischer Panik aufs Land. Was dort passiert, erzählt Juli Zeh in ihrem neuen Roman „Über Menschen“.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Weitermachen ist der Fluch dieser Zeit. Eingesponnen in Kokons von Aufgaben und Überzeugungen, saust man auf endlosen Kreisbahnen dahin. Und was daraus schlüpft, sind keine Schmetterlinge, sondern neue Aufgaben und Überzeugungen. Bis zum Burn-out. Oder dem Entschluss, aufs Land zu ziehen, um beispielsweise ein altes Gutsverwalterhaus fernab der Großstadt herzurichten. Und dann steht man erst wieder in einem Geviert neuer Pflichten wie der mühevollen Aussaat von Frühkartoffeln, und das Einzige, was bleibt, ist – weitermachen.

 

Wie es scheint, muss man sich an den Rand begeben, wenn man wissen will, wie es um das große Ganze der Gesellschaft bestellt ist. Und wie man es aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick rückt, hat die landerprobte Autorin Juli Zeh bereits in ihrem Dorfroman „Unter Leuten“ demonstriert. Nicht nur im Titel knüpft sie nun mit „Über Menschen“ daran an.

Politischer Waschzwang

Die 36-jährige Werbetexterin Dora, die zu Beginn auf ihrem Flurstück ackert, hat sich aus der urbanen Lebensschaltzentrale Berlin in ein kleines brandenburgisches Dorf geflüchtet, um in der Idee eines Landhauses ihrem Nicht-mehr-Mitkommen ein Gehäuse zu geben. Auf was sie sich dabei eingelassen hat, wird ihr spätestens klar, als ihr neuer kahlköpfiger Nachbar sich als Dorf-Nazi mit dem schönen Namen Gote vorstellt und als Willkommensgruß ihre Mopshündin mit der Drohung über die Mauer schleudert, sie beim nächste Mal platt zu treten, sollte sie einmal wieder seine Beete zerwühlen.

Das klingt nicht nach dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Allerdings muss man wissen, dass Dora nicht nur das übliche Überlastungsgetümmel der Hauptstadt hinter sich gelassen hat, sondern auch die Beziehung mit einem Mann, der alles verkörpert, was man politische Rechtgläubigkeit nennen könnte. Das Auftreten Greta Thunbergs hat ihn zum fanatischen Klimaschützer gemacht, und als auch noch Corona dazukam, war der „politische Waschzwang“ perfekt. Aus einem nachdenklichen Menschen wurde ein Besessener. Dora aber mag keine absoluten Wahrheiten und Autoritäten: „In ihr wohnt etwas, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein.“

Rassistische Raumforderung

Übermenschen gibt es auf allen Seiten: hier die Superchecker, die sich in ihrem Bescheidwissen über andere erheben, dort die gestrandeten Feinripp-Indigenen, die das Gefühl ihres Zu-kurz-gekommen-Seins in rassistischen Trunkenheitsfantasien überhöhen und dabei schon einmal das Horst-Wessel-Lied grölen.

Von dem Berliner Nachhaltigkeits- und Fahrradfahrer-Biotop, in dem sich die Zielgruppe von Doras Weltverbesserer-Agentur tummelt, ist das brandenburgische Straßendorf ungefähr so weit entfernt wie der Weltraum. Weshalb dieser Roman auch etwas von einer Aliengeschichte hat. Als beruhigender Schutzpatron schwebt der Raumfahrer Alexander Gerst über den Köpfen im All und verfolgt den sich anbahnenden Handschlag zwischen der extraterrestrischen brandenburger Glatze und der „Großstadttante“. Denn darauf läuft es hinaus: auf das Überschreiten der Mauer unserer Gewissheiten, auch wenn auf der anderen Seite ein Dorf-Nazi haust.

Gote erweist sich bei näherer Betrachtung als ganz umgänglich, auch wenn ihm seine Ideologie der rassistischen Raumforderung so zu Kopfe gestiegen ist, dass aus einem politischen ein medizinischer Befund geworden ist. Das befriedigt nicht nur das Bedürfnis nach symbolischem Mehrwert, sondern hat zudem den Vorteil, für die abstoßendsten Ausraster gegenüber dem schwulen Pärchen im Dorf – ja auch dort leben ganz normale Menschen – den die Hirnfunktionen beeinträchtigenden Druck eines Geschwürs geltend machen zu können. Außerdem enthebt es die sich anbahnende gefährliche Liebschaft von der drohenden Gefahr der Idyllisierung in einer gemeinsamen Zukunft.

Aliens mit Macken, Tätowierungen und unkorrekter Sprache

Anders als eine Autorin wie Monika Maron oder die Tellkamps dieser Welt, lässt Juli Zeh keinen Zweifel daran, was sie von rechten Ideologien hält. Umso mehr interessiert sie sich für die Frage, was Leute in Ostdeutschland in die Arme der AfD treibt. Und warum manche der absoluten Wahrheiten aus gentrifizierten Großstadtquartieren auf dem Land ungefähr so hohl klingen wie die philanthropischen Bekenntnisse von Doras Greenwashing-Agentur, die bei der ersten lockoutbedingten Flaute in schmallippige Kündigungsfloskeln umschlagen.

„Über Menschen“ blickt unter die Oberfläche von Ideologien und Gesinnungen. Aus Aliens mit Macken, Tätowierungen und unkorrektem Sprachgebrauch werden . . . und hier würde man nun gerne Menschen schreiben, doch damit wäre man auf der anderen Seite der Mauer dieses Romans angekommen. Denn es gehört zu den Besonderheiten dieses Vorstoßes ins Offene, dass er mit der gleichen ausformulierten Überzeugtheit auftritt, der sein kritischer Vorbehalt gilt. Der einzige Übermensch, der hier nicht zurechtgestutzt wird, ist die Autorin, sie zieht unbeirrt die Fäden, an der die Figuren wie Funktionsträger einer unumstößlichen Beweisführung baumeln.

Wider das Bescheidwissen

Man hat jedenfalls nicht das Gefühl, in puncto Welterklärung zu kurz zu kommen. Doras Laptop spielt die Nachrichtenspur der laufenden Ereignisse herein, und damit Gelegenheiten genug, das Corona-Zeitgeschehen mit grimmigem Humor zu glossieren. „Über Menschen“ ist in Teilen eben auch der belletristische Arm jenes Deutungsbedürfnisses, das die Autorin immer wieder dorthin treibt, wo sich die Meinungsmannschaften sammeln.

Der Konflikt, den der Roman darstellt, tobt gewissermaßen in seinem eigenen Inneren. Und vielleicht wird man dem Plädoyer für das „Nicht-genau-Wissen“ am gerechtesten, wenn man seiner fulminanten Überzeugungskraft mit zartem Sträuben begegnet.

Info

Autorin Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren. Bekannt wurde die promovierte Juristin und Absolventin des Leipziger Literaturinstituts mit Romanen wie „Adler und Engel“, „Nullzeit“ oder „Unter Leuten“.

Engagement Als politisch engagierte Künstlerin bezieht Juli Zeh immer wieder zu gesellschaftlichen Fragen Stellung. 2018 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde sie zur Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburgs gewählt.

Buch Juli Zeh: Über Menschen. Roman. Luchterhand Literaturverlag. 416 Seiten, 22 Euro.

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