Buch-Tipp: „Lästige Liebe“ von Elena Ferrante Eine Frau verschwindet

Von  

Alles, was Elena Ferrantes Neapel-Zyklus zum Ereignis gemacht hat, ist in ihrem ersten Roman bereits angelegt. Jetzt erscheint „Lästige Liebe“ auf Deutsch.

Prekäre Kindheit: Die Erzählerin ist in einem ärmeren Viertel Neapels aufgewachsen. Foto: AP
Prekäre Kindheit: Die Erzählerin ist in einem ärmeren Viertel Neapels aufgewachsen. Foto: AP

Stuttgart - Warum war Elena Ferrantes Neapel-Saga um zwei Mädchen im Würgegriff von Herkunft, Freundschaft und Gewalt so ein Knaller, Pardon, so eine Entdeckung? Weil man getrost jedem säuerlichen Verdacht, nur einer schmissig erzählten Story auf den Leim gegangen zu sein, entgegenhalten konnte, dass es darin um wesentlich mehr geht als um raffiniert konstruierte Leservergnügungen.

Jetzt hat man die Gelegenheit den Antrieb, der sich unter dem romantechnisch perfekt gebauten Chassis des Hauptwerks verbirgt, in seiner komplexen Eigenart und Genese genauer zu betrachten. 1992 ist das Debüt der Autorin, deren wahren Namen niemand kennen soll, eher unbeachtet an deutschen Lesern vorbeigerauscht. In der kongenialen Neuübersetzung Karin Kriegers, die in Deutschland den Ferrante-Kosmos zugänglich gemacht hat, erweist sich der schmale Roman „Lästige Liebe“ als ein hoch konzentriertes Reservoir an Themen, psychologischen Einsichten, unerschrockenen Beschreibungen der Kampfzone zwischen den Geschlechtern: Gravierende Dinge, unter denen nicht nur die italienische Gesellschaft ächzt, die Ferrantes scheinbar so einfacher Realismus mühelos bewegt.

Wie in dem großen Neapel-Zyklus steht auch hier das Verschwinden einer Frau am Anfang, diesmal nicht das Alter Ego der Erzählerin, sondern ihre Mutter. In einer Frühlingsnacht ist sie im Meer ertrunken. Zwei Jungen finden ihren Leichnam, nur mit einem BH bekleidet. Davor drei rätselhafte Anrufe. Ein Mord, ein Krimi. Oder doch nicht? Die Erzählerin, die sich als Comiczeichnerin in Rom aus dem neapolitanischen Sumpf ihrer Herkunft gerettet hat, macht sich daran, herauszufinden, was geschehen ist. Je tiefer sie in längst überwunden geglaubte Hintergründe eindringt, die Stadt ihrer Kindheit, in der die Männer auf der Straße im Dialekt fluchen, den Frauen wüste Schimpfwörter hinterherrufen und in der überfüllten U-Bahn lüstern ihren Unterleib an sie drücken, desto mehr wird die Geschichte der Mutter zu ihrer eigenen. Und das nüchtern entwickelte Whodunit verwandelt sich in einen raffinierten psychologischen Roman, in dem sämtliche Gewissheiten dahinschmelzen und Obsessionen das Heft des Handelns an sich reißen.

Triebhafte Grausamkeiten

Immer wieder kommen neue Spuren ins Spiel, aus denen sich die Geschichte anders zusammensetzt. Ein Mutter-Tochter-Konflikt wird überblendet von Ausbruchsversuchen aus brutalen patriarchalen Machtverhältnissen einer Ehe, voll der triebhaften Grausamkeiten, die der viel gerühmten erotischen Grandezza lateinischer Liebeskunst ein tristes, abstoßendes Zeugnis ausstellen. Das Bild der Mutter als junger Frau verschwimmt mit dem der Tochter. Liebe und Schuld rinnen zusammen. Hat die Tochter als kleines Kind die Mutter an den bestialisch eifersüchtigen Vater verraten? Oder überschreibt diese Fassung nur einen ganz anderen noch viel schrecklicheren Vorfall? Mehr als in den jeweiligen inhaltlichen Wendungen liegt in dieser beunruhigenden Flexibilität und Biegsamkeit des Geschehens das eigentliche Faszinosum des Romans. Wo er von Begebnissen zu erzählen scheint, zeigt er die Psyche in Arbeit, Verschiebungen, Verdichtungen, Projektionen. Die Milieuschilderungen, neapolitanischen Straßenszenen, Mentalitätsstudien gehen auf in einer Psychohistorie, die in nuce enthält, was in dem großen Sozialepos über Neapel gärt, eine Stadt, die sich innerlich zerfrisst, prall von Gift und finsteren Begierden gegen alle.

Einmal erinnert sich die Erzählerin an einen Kinobesuch mit der Mutter, ein Hort verbotener Anzüglichkeiten, weniger auf der Leinwand als ringsherum. Männerkörper malt sich das Kind aus „in Form von Fröschen, die flink unter den Sitzreihen umhersprangen und nicht Tierbeine, sondern schlüpfrige Hände und Zungen ausstreckten“. Elena Ferrante bezieht aus den subtilen Einsichten in die Natur der Triebe eine Meisterschaft der Ambivalenz. Ihre so genau gezeichneten Figuren stehen allesamt auf einem doppelten Boden, was ihrer Wirklichkeitsdarstellung das Schwindelerregende verleiht.

So ist diese „Lästige Liebe“ weitaus mehr als eine bloße Etüde. Es zeigt die große Kunst der Autorin gewissermaßen nackt, ohne epischen Schutzmantel: klug, kompromisslos und schonungslos kühn in der Schilderung des Körpers, seiner Schicksale, Funktionen und Missbräuche.

Elena Ferrante: Lästige Liebe. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger. Suhrkamp. 206 Seiten, 22 Euro.