Buch-Tipp: Tom Kummer, „Von schlechten Eltern“ Geisterfahrt durch die Schweiz

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Tom Kummer gibt der großen Liebe seines Lebens in einer wuchtigen Road Novel das letzte Geleit.

Die dunkle Seite der Schweiz Foto: www.imago-images.de
Die dunkle Seite der Schweiz Foto: www.imago-images.de

Stuttgart - Eines sollte man vielleicht vorwegschicken: als Stimmungsaufheller ist dieses Buch eher nicht zu gebrauchen. Es hat eine geradezu lichtvernichtende Intensität, dass man beim Lesen im Leuchten des Frühjahrs schuldbewusst jede Wolke, die sich vor die Sonne schiebt, mit dem eigenen Lektürevorgang in Verbindung bringen möchte. Damit hätte es sich als Leseempfehlung für diese an deprimierenden und niederdrückenden Erfahrungen überreiche Zeit eigentlich schon erübrigt, setzte es nicht den paradoxen Effekt frei, dass man im Kontrast zu dieser feierlichen Schwarzmalerei alles, mit dem man sich sonst noch konfrontiert sieht, zwangsläufig als eher hoffnungsvoll und heiter empfindet.

Wem der Sinn also nicht unbedingt nach unterhaltsamen Alltagsfluchten steht, sondern nach einer Nachtfahrt durch schroffe Trauerlandschaften und Gefühlsabgründe, der nehme Platz in der schwarzen Limousine dieses Romans, mit dem vertrauenerweckenden Titel „Von schlechten Eltern“. Diesen darf man ohne Umschweife auf den Mann am Steuer beziehen: Tom Kummer. Seine journalistischen Geisterfahrten durch die Schein- und Glitzerwelt von Hollywood-Größen haben den in Bern Geborenen einst berühmt gemacht, bis sie sich als überhitzte Hirngespinste eines mit allen Wassern postmoderner Theorie gewaschenen Trickbetrügers erwiesen haben und in einem der größten Presseskandale vor dem „Spiegel“-Fälscher Claas Relotius kulminierten.

Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen

Es folgten diverse Neustarts, doch die dunklen Geister blieben Tom Kummer treu. Immer wieder lösten sich seine für verschiedene Medien verfasste Texte in haltlos zusammengestückeltes Gaukelwerk auf. Erst als er die Auf- und Abbrüche seiner eigenen Geschichte zum Gegenstand seines Schreibens machte, wendete sich das Blatt. Aus dem realen Stoff wurde bedeutende Fiktion. Der Roman „Nina & Tom“ erzählte in einer mutigen Direktheit von einer Liebesraserei in Los Angeles mit bis zum Anschlag durchgetretenen emotionalen Gaspedal, die mit dem Krebstod der Frau abrupt endet. Auf den kalifornischen Tag folgt nun die Schweizer Nacht, auf den Exzess der Leidenschaft die große Passion.

Und so wurde Tom Kummer Chauffeur. Einsilbig kurvt er im sonoren Takt eines schweren Luxusgefährts durch eine Gegend, die im Licht als Paradies erscheint, nachts aber als Hades. Im Fond reisen Geschäftsleute und Diplomaten aus Schwarzafrika zu rätselhaften Terminen, auf dem Beifahrersitz der Geist der toten Frau. Wie ein verdammter Fährmann pendelt er hin und her: zwischen dem Flughafen Zürich-Kloten und dem Totenreich, zwischen der Liebe zu dem lebenden Sohn und seiner großen Trauer. Im Zwischenreich dieser wuchtigen Roadnovel verschwimmen Fantasie und Wirklichkeit.

Dabei nimmt die gletschercoole Lakonik immer wieder auch durchaus komische Züge an. Was das für eine Gegend sei, will einer der Kunden wissen. „Greyerz. Hier wird Käse hergestellt“, lautet die Antwort. „Dieser berühmte Käse mit den großen Löchern?“ – „Nein, kleine Löcher.“

Mit dem Fahrer-Job hält der Ich-Erzähler namens Tom Kummer sich und seinen Sohn über Wasser, aber was er eigentlich leistet ist Trauerarbeit. So ambivalent und schonungslos die Liebe war, so überwältigend und ohne Maß ist der Schmerz, der ihr folgt. Dieses ungebärdige Requiem, das sich auch im Leid über alle Regeln der Wohlanständigkeit hinwegsetzt, trägt nicht die Handschrift eines Kopisten, sondern die eines tief verwundeten Herzens.

Im Schoß der Nacht

Doch das Verfahren, vorhandenes Material zu einem neuen Ganzen zu fügen, das dem Journalisten Kummer zum Verhängnis wurde, gerät dem Autor Kummer zum Heil. Zwanglos führt er neben seinem großen Schmerz eine ganze Ladung von Referenzen aus der Film- und Literaturgeschichte mit sich. Michael Scorseses „Taxi Driver“ grüßt im Vorüberfahren, Jim Jarmuschs „Night on Earth“ oder David Lynchs „Lost Highway“. Wie Undine lockt ihn der Geist der Geliebten in die Totengewässer nächtlicher Talsperren. „Die Nacht befreite uns von den Gesetzen der Realität, alles war möglich“, heißt es im Rückblick auf das gemeinsame Leben.

Tom Kummers Roman ist eine kunstvolle Litanei über die schöpferischen Möglichkeiten der Nacht. Aus dem schwarzen Loch der Trauer, in dem alles verschwindet, entsteht ein Werk von bezwingender Eigenart und Schönheit. Als Borderline-Journalist ist er einmal aufgebrochen, als nur noch der fiktionalen Wahrhaftigkeit verpflichteter Autor ist er in der Nacht seines Lebens angekommen.

Tom Kummer: Von schlechten Eltern. Roman. Tropen Verlag. 245 Seiten, 22 Euro.




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