Lese-Tipps 11 Bücher, auf die man sich im Frühjahr 2026 freuen kann
Die Tage werden länger, aus den Neuerscheinungen der Saison haben wir elf Titel ausgewählt, um sie zu füllen.
Die Tage werden länger, aus den Neuerscheinungen der Saison haben wir elf Titel ausgewählt, um sie zu füllen.
Warum gerade elf? Gegenfrage: Was hätte man denn weglassen sollen? Die Literaturlandschaft dieses Frühjahrs bietet einiges. Hier nur die Spitzen, an denen unser Blick hängen bleibt. Mehr geht immer, in der Beschränkung liegt die Kunst.
In seinem in der Alltagskunstsprache Broken German verfassten interkulturellen Verwirrspiel „Eine runde Sache“ hat Tomer Gardi die Transitzonen der Gegenwart durchquert. Ein sprechender Schäferhund namens Rex begleitete ihn durch ein gefährliches Dickicht aus grotesker Komik, Mythologie und Wirklichkeit. In „Liefern“ folgt der in Israel geborene und in Berlin lebende Autor der Spur jener, die überall in der Welt für einen Hungerlohn das Päckchen der Essenswünsche Privilegierter zu tragen haben. Mal gespannt, was da kommt.
Was tun, wenn die Welt im freien Fall ist? Man spannt ein Netz aus Beziehungen auf, in dem sich verfängt, was uns zu entgleiten droht: Freundschaften, Überzeugungen, Hoffnungen. In „Sommer 24“ verknüpft Navid Kermani die Unheilskataloge der Gegenwart mit einer Reihe von privaten Ereignissen, die ihm der Zufall zugespielt hat. Wie ein Mystiker rührt er vom Einzelnen ausgehend an die großen Fragen unserer Tage, um sie über die Entzweiung hinauszuführen.
Im Sommer 1941 war der Großvater von Judith Hermann als Mitglied der Waffen-SS in Polen stationiert, der zentralen Zone des Schreckens. Zuletzt hat die Autorin in dem Memoir „Wir hätten uns alles gesagt“ verborgene Kammern und Türen in ihre Innenwelt geöffnet und zugleich gezeigt, wie jede Geschichte sich wie ein schützendes Gespinst um den existenziellen Kern legt, der sie bedingt. Aber was heißt das für das offene Geheimnis der Familiengeschichte, dem sie sich nun zuwendet?
Durch das Schaffen des österreichischen Schriftstellers Josef Winkler bebt der initiale Schock des Doppelselbstmords zweier schwuler Jugendlicher, die dem engherzigen Mief seines kärtnerischen Heimatdorfs nur so entkommen zu können glaubten. In barocker Todeslust hat der Büchnerpreisträger auf dieser traumatischen Schlüsselszene das immer weiter ausgreifende Gebäude seiner Antiheimatsliteratur errichtet. Nun kommt mit der Geschichte seiner Schwester ein weiterer Anbau dazu: „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“.
Es gibt in diesem Jahr entscheidender Wahlen Grund genug sich mit ostdeutschen Befindlichkeiten auseinanderzusetzen. Der 1994 in Sachsen geborene Lukas Rietzschel hat zwischen den Diskurslinien westdeutscher und ostdeutscher Meinungsbastionen einen eigenen Weg in die gesellschaftlichen Erosionslandschaften gefunden, in denen dunkle Sentimente prächtig gedeihen. Sein neuer Roman „Sanditz“ handelt von den Bewohnern einer fiktiven Kleinstadt in der Lausitz, von denen man viel über die bundesrepublikanische Wirklichkeit von heute erfahren kann.
Über vierzig Jahren prägte Paul Auster zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Siri Hustvedt, das Erscheinungsbild der intellektuellen Boheme in New York. Im April 2024 ist er gestorben, aber sein Geist lebt. „Ghost Stories“ ist der Titel des Erinnerungsbuchs, in dem seine Frau eine Verbindung beschwört, die der Tod nicht scheidet – und aus der von beiden eine Fülle von Büchern hervorgegangen sind, die man nicht so schnell vergisst.
In dem neuen Roman von Thomas Hettche wird ein nicht mehr ganz junger Okularist, der künstliche Augen herstellt, von einer Liebe auf den ersten Blick heimgesucht. In seinen Romanen und Essays operiert der genau wie sein Protagonist nicht mehr ganz junge Autor an den Schnittstellen von intellektueller Anschauung und Kreatürlichkeit am offenen Herzen unserer Zeit. Mal sehen, was das für das Zentralnervensystem der Literatur bedeutet, auf das sich der Titel bezieht: „Liebe“.
Mit Rausch kennt sich Christoph Peters aus, der mit seinem flirrenden Großstadtroman „Innerstädtischer Tod“ gerade dem Klagerausch eines Berliner Galeristen entkommen ist. Heute ist der Autor ein passionierter Teetrinker, der der „wunderbaren Bitterkeit“ dieses Getränks ein eigenes Buch gewidmet hat. Aber das war nicht immer so. Sein neuer Roman „Entzug“ erzählt vom verzweifelten Kampf gegen seine lebensbedrohliche Alkoholsucht.
Das Schöne am Romankosmos der Pulitzerpreisträgerin Elizabeth Strout ist, dass er sich immer weiter ausdehnt, egal ob Ehekrisen, die Plagen des Alters oder ein Lockdown über die Bewohner des fiktiven Küstenstädtchens Crosby in Maine herfallen. Und vermutlich wird die frühere Mathematiklehrerin Olive Kitteridge auch die Wiederkehr eines von ihr verabscheuten Präsidenten überleben. In dem neuen Roman begegnet man ihr wieder ebenso wie der Schriftstellerin Lucy Barton. Das sollte reichen, um über „Erzähl mir alles“ nicht zu viel zu verraten.
Wer mit Judith Schalansky unterwegs ist, kommt weiter herum, als der „Hals der Giraffe“ lang ist. Ihr „Atlas der abgelegenen Inseln“ kartografiert die Eilande der Fantastie, ihr „Verzeichnis einiger Verluste“ das im Strom der Zeit Versunkene. Und auch ihre jetzt als Buch erscheinenden Frankfurter Poetikvorlesungen „Marmor, Quecksilber, Nebel“ versprechen bahnbrechende Erkenntnisse: über den Nährwert von Marmorschweinen, das Gewicht der Erde, den Belegungsplan der Arche Noah oder die Wahrhaftigkeit mexikanischen Wrestlings.
Alles begann mit dem rätselhaften Aufgang eines Himmelskörpers, dessen endzeitliches Zwielicht auf das Leben einer Reihe von Personen während zweier ungewöhnlich heißer Sommernächte scheint. Seitdem verfolgt man fasziniert die vielen Fäden, die durch das Labyrinth von Karl Ove Knausgards „Morgenstern“-Zyklus führen, in denen ein spätmoderner Alltag zum Schauplatz eines faustischen Ringens zwischen Licht und Dunkelheit wird. Bringt der fünfte Band „Arendal“ die Auflösung? Wer noch nicht in den Bann dieses Textgestirns geraten ist, kein Problem, jeder Band lässt sich für sich lesen. Aber Vorsicht: so leicht kommt man davon nicht mehr los.