Liebe mit Hindernissen: Eduard und Viktoria überstanden stürmische Zeiten. Foto: / privat
Viktoria Kollroß ist aufmüpfig. Doch der Vater zwingt die 1904 Geborene, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt. Das Schicksal einer starken Frauenfigur – Marianne Brugger aus Aichwald hat das Leben ihrer Großmutter aufgeschrieben.
Simone Weiß
15.12.2024 - 18:00 Uhr
Auf der historischen Aufnahme wirken sie wie eine Einheit. Viktoria und Eduard scheinen ein eingespieltes Team gewesen zu sein, das miteinander durch dick und dünn ging. Dabei hatte sie ihr Herz an einen anderen verschenkt. Diese Tragik, aber auch andere Tragödien und viel Trauer prägten Viktorias Leben zuerst im Böhmerwald in der heutigen Tschechischen Republik und nach dem Zweiten Weltkrieg im Kreis Esslingen. Ihre Enkelin, Marianne Brugger aus Aichwald-Aichelberg, hat Viktorias Leben aufgeschrieben und in ihrem Buch „Böhmerwaldgeraune“ große Weltgeschichte in den kleinen Privatbereich ihrer familiären Vergangenheit gepresst.
Die Schuldgefühle peinigten noch die Seniorin. Viktoria Kollroß, so wird in dem Buch beschrieben, hatte als junges Mädchen ihren Bruder Frieder vor dem Zugriff des prügelnden Vaters tagelang in ihrer Kammer versteckt. Das Verschwinden des Sohnes stachelte die Wut des Familientyrannen weiter an – als er Frieder schließlich zu fassen bekam, schlug er ihn windelweich. Der sensible Sohn nahm sich daraufhin das Leben. Viktoria gab sich eine Mitschuld – und das hat sie ein Leben lang nicht verwunden.
Hat das Leben ihrer Großmutter aufgeschrieben: Marianne Brugger aus Aichwald. Foto: Roberto/ Bulgrin
Der Suizid des Bruders war eine der Geschichten, die sie ihrer Enkelin wieder und wieder erzählte. Marianne Brugger hörte sich die Erzählungen der Großmutter an. Auf die Idee sie aufzuschreiben, kam sie aber erst viel später. 2008, so berichtet die Mutter dreier erwachsener Kinder, hatte sie bei einem internationalen Schreibwettbewerb den ersten Preis und damit eine Reise nach Prag gewonnen. Die Tage in der tschechischen Hauptstadt führten ihr die Erzählungen der Großmutter wieder vor Augen, weckten eine Verbindung zu familiären Wurzeln und ließen sie zur Feder greifen. Mit Hilfe von Zeitzeugen, Recherchen im familiären Umfeld und viel Schreibtalent verfasste sie die Familiensaga „Böhmerwaldgeraune“.
Der Buchtitel klingt mystisch-poetisch und verklärt den rauen, entbehrungsreichen Alltag einer sudetendeutschen Bauernfamilie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Böhmerwald. Geschickt lässt Marianne Brugger die großen Daten der Weltgeschichte fast wie beiläufig in den Plot einfließen. Zum 83. Geburtstag des österreichischen Kaisers Franz Joseph, bekannt als Ehemann der berühmten Sisi, gibt der Vater im Gasthaus eine Lokalrunde aus, obwohl das Geld im Haushalt knapp ist. Der Bruder Karl kehrt aus dem Ersten Weltkrieg mit Zitteranfällen zurück, die wohl durch die posttraumatischen Belastungen und Kriegstraumata ausgelöst worden waren.
Der Böhmerwald unter dem NS-Regime
Wie nebenbei, aber eindrucksvoll und verständlich, behandelt Marianne Brugger die wechselhafte Stellung der deutschen Minderheit im damaligen Böhmen. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Gründung der Tschechoslowakei haben „die Sudetendeutschen nichts mehr zu melden“. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht 1938 werden die Machtverhältnisse umgedreht. Die Familie, heißt es im Buch, steht den von der Bevölkerung jubelnd begrüßten Nationalsozialisten mit ihrem herrischen Gebaren skeptisch gegenüber: Eduard muss sein Amt als Bürgermeister aufgeben. Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg gelten die Deutschen als „unzuverlässige Personen“ und die tschechische Bevölkerung kann ihnen jederzeit den Besitz wegnehmen. Eduard und Viktoria müssen den heimischen Hof verlassen.
Marianne Brugger schildert die bedeutsamen historischen Ereignisse in einer leicht verständlichen, eingängigen Sprache. In die Handlung und den Text unvermittelt eingebundene Kochrezepte böhmischer Spezialitäten hemmen ein wenig den Lesefluss, bieten aber auch zeitgenössische Einblicke in die Vergangenheit ihrer Großmutter. Zur realistischen Darstellung der damaligen Lebensverhältnisse gehören nach Ansicht von Marianne Brugger auch die Erwähnung heute als rassistisch und diskriminierend empfundener Attitüden wie das Anführen des Spiels „Ist die schwarze Köchin da?“.
Realitätsnah schildert sie auch den schweren Neuanfang in Westdeutschland. Nach einem Aufenthalt in Bayern kommt die Familie in den Kreis Esslingen. Flüchtlinge werden in einer leer geräumten Halle der Maschinenfabrik Esslingen, in Baracken auf dem Zollberg, in der Hammerschmiede oder der Schwermühle untergebracht, bevor sie in Aichwald ein neues Zuhause finden. Die „Rucksackdeutschen“ werden von Einheimischen teilweise kritisch beäugt. Doch Viktoria und Eduard sind ein Team, das auch diese Situation meistert. Dabei war sie in einen jungen Mann mit tschechischen Wurzeln verliebt gewesen und hatte Eduard nur geheiratet, weil der Vater sie zu der Ehe gezwungen hatte. Mit den Jahren aber, so wird im Buch deutlich, stellten sich Liebe und Zusammengehörigkeitsgefühle ein.
„Böhmerwaldgeraune“ und seine Autorin
Autorin Marianne Brugger wurde 1954 in Aichwald geboren. Sie ist gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte, hat aber auch in anderen Berufen gearbeitet. Die Mutter dreier erwachsener Kinder hat zudem Kurzgeschichten verfasst und Beiträge für Heimatbücher wie dem „Aichwalder Blattwerk“ geschrieben.
Buch Das Buch „Böhmerwaldgeraune. Viktoria im Sturm der Zeit“ (ISBN: 9783758423437) ist ein 228 Seiten starker Roman, in dem die Lebensgeschichte der 1904 geborenen Bauerntochter Viktoria vor dem Hintergrund der beiden Weltkriege sowie der Flucht nach Westdeutschland beschrieben wird.
Anekdote Ein Einheimischer aus Aichwald hatte laut Buch einem Landsmann von Viktoria etwas über „Gselchts“ erzählt. In böhmischer Mundart hätte das Rauchfleisch bedeutet. Gemeint war aber das schwäbische Wort für Marmelade.
Mehr dazu steht unter http://www.mariannebrugger.de/