Buch über Marc Aurel Cool bleiben – diese Esslingerin ist der Gelassenheit auf der Spur

Die Esslingerin Uta Korzeniewski, promovierte Philologin, hat ein Buch über die Stoiker geschrieben, das ebenso informativ wie unterhaltsam zeigt, dass diese philosophische Schule helfen kann, das Leben in einer komplexen Welt zu bewältigen. Foto: Gaby Weiß

Die Esslingerin Uta Korzeniewski hat ein Buch über Marc Aurel und die Stoiker geschrieben. Es zeigt, dass die antike Philosophie der Gelassenheit Nutzen in heutiger Zeit haben kann.

Nicht nur George Washington und Friedrich der Große zu ihrer Zeit, sondern auch Politiker, Leistungssportler und Manager heutzutage entdecken die Lehren des Stoizismus für sich: Die antiken Philosophen wie Marc Aurel, Seneca oder Epiktet, die vor mehr als 2000 Jahren lebten, waren davon überzeugt, den Herausforderungen des Alltags in unsicheren Zeiten mit Selbstbeherrschung und Gelassenheit begegnen zu können.

 

Uta Korzeniewski, promovierte Philologin, hat ein Buch über die Stoiker geschrieben, das ebenso informativ wie unterhaltsam zeigt, dass diese philosophische Schule durchaus helfen kann, das Leben in einer komplexen Welt zu bewältigen. „Die Menschen damals schlugen sich mit denselben Fragen herum wie wir heute“, schreibt die Esslinger Autorin im Vorwort.

Parallelen zur politischen Situation

Uta Korzeniewski kann in der politischen Situation, in der die Lehre der Stoiker entstand, eine Parallele zum Lebensgefühl heute erkennen: „Lange hatte man das Gefühl: Ich wähle und stimme als Bürger ab und kann damit etwas beeinflussen. Im Moment passiert so vieles auf der Welt, und viele Menschen fühlen sich hilflos: Vieles geht wie eine Welle einfach über uns hinweg. Was kann ich also überhaupt noch tun? Wie finde ich meine innere Ruhe wieder?“

Uta Korzeniewskis Buch „Marc Aurel & die Philosophen der Gelassenheit“ präsentiert in kurzen Kapiteln „99 Dinge, die zu wissen lohnt“ aus der antiken Denkschule der Stoiker. Foto: Gaby Weiß

Um mit dem Stress des Lebens und seinen Wirrungen zurechtzukommen, ist es für die Stoiker mit ihrer „Philosophie der Gelassenheit“ ausschlaggebend, sich auf das zu konzentrieren, was man selbst beeinflussen kann: Die eigenen Gedanken, Einstellungen und Handlungen. Und dabei auch zu akzeptieren, dass es äußere Umstände oder Schicksalsschläge gibt, die man nicht kontrollieren kann.

„Ich habe mich selbst – auf die harte Tour – mit solchen Gedanken auseinandersetzen müssen. Mein Mann ist vor dreizehn Jahren unheilbar an Krebs erkrankt und vor sieben Jahren gestorben“, erzählt Uta Korzeniewski. „Es war für meine Kinder und mich ein Segen, dass er nicht gehadert hat. Er hat jeden Tag gelebt, als ob’s sein letzter wäre, und er hat sich auf seine Mitmenschen konzentriert. Die sechs Jahre, die wir mit der Diagnose ‚unheilbar‘ lebten, gehören zu den kostbarsten unseres Lebens.“

Ist Mister Spock ein Stoiker?

Mit einem Team hat sie im Thorbecke-Verlag, wo sie als Lektorin arbeitet, unter dem Motto „99 Dinge, die zu wissen lohnt“ eine Buchreihe entwickelt, die Wissenswertes aus der Philosophie für jedermann gut verständlich präsentiert. „Es geht dabei um philosophische Gedanken, die Menschen auch im Alltag anwenden können“, erklärt die Autorin. Mit dem ersten Band „Marc Aurel & die Philosophen der Gelassenheit“ (120 Seiten, 19 Euro), den Uta Korzeniewski selbst verfasst hat, ist ein schmales Buch entstanden, mit dem man in den Tag starten kann, das zwischendurch für einen Gedankenimpuls sorgt oder das den Abend mit einer Reflexion ausklingen lässt.

Die 99 kurzen Kapitel sind fachlich fundiert aufbereitet, dabei jedoch locker formuliert. Da wird Pythagoras als „der mit dem Dreieck“ charakterisiert oder ganz nebenbei erklärt, dass die Figur des Mister Spock, des langohrigen, seine Gefühle unterdrückenden Star-Trek-Außerirdischen, an die Stoiker angelehnt ist.

So soll Marc Aurel ausgesehen haben. Diese Skulptur steht in Trier. Foto: imago/Chromorange

Wie viele Menschen ist auch Uta Korzeniewski vom Ideal der Gelassenheit, das die Stoiker anstrebten, fasziniert: „Wenn Dich etwas ängstigt, benutze Deinen Verstand: Tritt einen Schritt zurück, versuche, das ganze Bild einzufangen, setze die Sache in Relation zu wirklich bedrohlichen Dingen.“ Geschult durch die gründliche Stoiker-Lektüre hat Uta Korzeniewski pragmatische Tipps für Furchtsame, Haderer und Zweifler parat: „Schreib’ abends Deine Sorgen auf, dann stehen sie auf dem Papier und sind nicht mehr in deinem Kopf. Und fasse den Vorsatz: ‚Eine Stunde am Tag mache ich mir Sorgen. Die Sorgenstunde ist heute Abend von sieben bis acht, nicht jetzt“, sagt sie lächelnd.

Bringen Gefühle nur Unruhe?

Trotzdem will und kann Uta Korzeniewski die reine Theorie der Stoiker nicht leben. „Da heißt es: Bloß keine Gefühle, die bringen nur Unruhe. Dabei sind es für mich gerade die Gefühle, die das Leben lebenswert machen. Stoiker sollen sich im Grunde an guten Dingen nicht übermäßig freuen, sondern sich klarmachen, dass sie sie wieder verlieren werden. Denn am Ende wird jeder von uns ohne alles im Grab liegen.“

Mit Blick auf materielle Dinge sei das sicherlich keine ganz schlechte Einstellung: „Viele Menschen lassen sich folgenden Satz aus dem Umfeld der Stoiker tätowieren: Omnia mea mecum porto. All meinen Besitz trage ich bei mir. Der wahre Besitz des Menschen liegt in dem, was er in seinem Inneren trägt, in seinen Fähigkeiten, seinen Eigenschaften, seinem Charakter, was ihm niemand nehmen kann.“

Wenn man sich jedoch wie die Stoiker an nichts Vergängliches binden wolle, nicht einmal an andere Menschen, sei das der Lebensfreude sicherlich abträglich, meint Uta Korzeniewski. Doch sie gibt zu bedenken: „Aber vielleicht erinnert die stoische Philosophie mit ihrem Streben nach Gelassenheit und innerer Unabhängigkeit gerade deshalb an die Vergänglichkeit des Lebens, damit man jeden einzelnen Tag umso mehr schätzt?“

Die zeitlose Weisheit der Stoiker

Name
Die Philosophenschule der Stoa verdankt ihren Namen dem Ort, an dem ihr geistiger Vater Zenon von Kition um 300 v. Chr. üblicherweise seine Vorlesungen hielt: In der „Stoa Poikile“, einer bunt bemalten Säulenhalle auf dem Marktplatz von Athen, lehrte er seine Zuhörer die Grundlagen der stoischen Denkweise.

Marc Aurel
Vor fast 2000 Jahren schrieb der römische Kaiser Marc Aurel während seiner Feldzüge seine Gedanken in ein Tagebuch. Diese kurzen philosophischen Betrachtungen wurden später als „Meditationes“, „Selbstbetrachtungen“ oder „Wege zum Selbst“ bekannt. Marc Aurels Werke entstanden in einer Zeit der Kriege, Naturkatastrophen, Missernten und Pandemien und betonen, wie wichtig es ist, gerade in schwierigen Zeiten gelassen zu bleiben.

Philosophie
Der Stoizismus gilt als eine der wirkmächtigsten philosophischen Lehren der abendländischen Geschichte. Er hat spätantike, mittelalterliche und neuzeitliche Denker beeinflusst und dient heute auch über die Philosophie hinaus als Grundlage für Ratgeber in Sachen Karriere, Selbstoptimierung und gelassener Lebensführung.

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