Buch über NSU-Mordserie Über das Versagen der Sicherheitsbehörden

Von Stefan Geiger 

Ein Buch über die NSU-Mordserie deckt die Strukturen der rechten Terrorszene besser auf als der Prozess. Denn trotz der großen Anzahl an Zeugen entsteht immer noch kein klares Bild von den Geschehnissen.

Beate Zschäpe steht beim Prozess in München stets im Fokus der Beobachter Foto: dpa
Beate Zschäpe steht beim Prozess in München stets im Fokus der Beobachter Foto: dpa

München - Morgen verhandelt das Oberlandesgericht München den 117. Tag über die Verbrechen der rechten Terrorgruppe NSU. Hunderte Zeugen, viele Gutachter werden in München vernommen, oft quälend lange. Ein neues Buch belegt, wie unvollständig, wie einseitig, ja wie beliebig trotz der großen Zahl diese Auswahl der Zeugen noch immer ist. Man könnte auch sagen: wie sehr der Ablauf dieses Prozesses – und damit womöglich auch das Ergebnis – durch die Anklage der Bundesanwaltschaft geprägt wird.

Die vielen V-Leute der Geheimdienste, aber auch der Polizei in der rechtsextremen Szene, von denen etliche dem Terrortrio sehr nahe waren, spielen in dem Prozess bisher nur ganz am Rande eine Rolle. Aus der Anklageschrift wurden sie, so gut es ging, herausgehalten. Die Bundesanwaltschaft argumentiert, in München gehe es allein um die Schuld der Angeklagten – und damit nicht um mögliche Fehler der Ermittler. Tatsächlich aber spielt schon auch für das Ausmaß der Schuld der Täter eine Rolle, was die Behörden wussten – und was sie dann hätten verhindern können.

Stefan Aust und Dirk Laabs haben für ihr Buch „Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU“ unzählige Akten ausgewertet und viele Interviews geführt. Sie haben ein umfassendes Bild des NSU und seines Umfelds zusammengetragen. Vieles, vor allem viele Strukturen werden besser sichtbar als in dem Strafprozess, der nun schon länger als ein Jahr dauert.

Schon vor den Morden haben Behörden nach dem Trio gesucht

Der Bericht ist ein Dokument über das Versagen der Sicherheitsbehörden. Die geheimen Dienste und die Polizisten machten aber nicht deshalb so viele Fehler, weil sie auf dem rechten Auge blind gewesen wären. Im Gegenteil: Sie hatten zumindest in den Anfangsjahren des NSU ein ziemlich umfassendes und verblüffend zutreffendes Bild von der rechten Szene gerade in Thüringen – auch von deren Gewaltbereitschaft. Die Behörden suchten intensiv nach dem NSU-Trio, zu einem Zeitpunkt, da es noch keine Mörderbande war.

Manche der Fehler sind schwer erklärbar. Beispielsweise waren die Fahnder dem untergetauchten Uwe Böhnhardt so nahe, dass sie ihn mehrfach fotografieren konnten; trotzdem wurde er nicht festgenommen. Aust und Laabs legen nahe, dass eine solche Verkettung von Pleiten, Pech und Pannen kein Zufall sein könne. Aber man kann ihr Buch auch so lesen, dass es tatsächlich nicht mehr als diese Verkettung gewesen sein muss. Jedenfalls liefern auch diese Autoren trotz aller Mühen keinen habhaften Ansatz dafür, dass die Fahnder den Aufenthaltsort der Terroristen gekannt hätten, oder dass der NSU aus mehr als den drei Personen bestanden hätte.

Der Verfassungsschutz soll die rechtsextreme Szene beobachten, vor Terrorgefahren warnen. Strittig ist, wie weit er dabei gehen darf. Aust und Laabs zeigen auf, dass der Geheimdienst nicht nur beobachten ließ, sondern gerade Rädelsführer angeworben und bezahlt hat, die den Weg immer tiefer in den Extremismus und in die Gewalt betrieben haben. Vieles spricht dafür, dass diese V-Leute den Dienst an der Nase herum geführt und mit staatlichem Geld den Extremismus befördert haben.

Beate Zschäpe ist die einzige Überlebende

Zwei der NSU-Mitglieder sind tot. Neben Beate Zschäpe, der einzigen Überlebenden, stehen in München auch vier Unterstützer vor Gericht. Gerade für ein Urteil über das, was sie getan haben, ist bedeutsam, wie weit der Staat indirekt den Weg in die Gewalt befördert hat. Das wird sich aber nie mehr feststellen lassen, weil im Geheimdienst nach dem Auffliegen des NSU-Trios viele wichtige Akten geschreddert worden sind.

Zu den größten Rätseln gehört die Ermordung der Polizistin Michele Kiesewetter in Heilbronn. Die Bundesanwaltschaft konnte in ihrer Anklage ein nachvollziehbares Motiv für das Verbrechen nicht liefern. Der Münchner Prozess behandelte den Fall trotz der ausufernden Beweisaufnahme oberflächlich. Aust und Laabs gehen einer Vielzahl von Spuren nach, die ein Motiv liefern könnten – und scheitern mit diesem Versuch am Ende doch. Auch sie haben keine Antwort; sie suggerieren nur, dass Kiesewetter kein Zufallsopfer war.

Opfer müssen keine Helden sein

Immerhin werden in dem Buch die Person und die Lebensgeschichte der Polizistin ein bisschen deutlicher. Dies gilt auch für andere Opfer des NSU. Opfer müssen keine Helden sein. Zu dem Respekt ihnen gegenüber gehört, dass man sie mit ihren Stärken wie Schwächen akzeptiert. In dem Buch wird deutlich, dass manche Ermittlungsansätze der Polizei zunächst erklärbar waren, wenn sie von möglichen Schwächen einzelner Opfer ausgingen. Zum großen Unrecht wurden die Ermittlungen, als die Fahnder von ersten, schon widerlegten Theorien nicht ließen und den Blick für andere mögliche Täter nicht öffneten.

Das Buch erzählt die Geschichte des NSU fast nur im Indikativ und erweckt den Anschein: So war es. Das macht es gut lesbar, dies ist zugleich seine große Schwäche. Tatsächlich schöpft es seine Erkenntnisse vor allem aus Akten. Seit dem Münchner Prozess aber weiß man: auch Akten lügen, zumindest enthalten sie oft nicht die ganze Wahrheit. Zumal sie vor allem die Aussagen von Zeugen enthalten, die ihrerseits oft lügen, zumindest nicht die ganze Wahrheit sagen. Ein bisschen mehr Selbstzweifel hätten auch Aust und Laabs gutgetan.

Stefan Aust/Dirk Laabs – Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon-Verlag, München, 864 Seiten, 22,99 Euro.