Buch: „Von ABBA bis Zappa“ Als Böblingen und Sindelfingen Pop-Mekka waren
ABBA, Queen, Pink Floyd, Metallica, Johnny Cash und viele weitere Musiklegenden traten einst in Böblingen und Sindelfingen auf. Ein Buch erzählt, wie es dazu kam.
ABBA, Queen, Pink Floyd, Metallica, Johnny Cash und viele weitere Musiklegenden traten einst in Böblingen und Sindelfingen auf. Ein Buch erzählt, wie es dazu kam.
Was für ein Anblick: Vom Schlagzeug auf der Bühne sieht man auf ein Meer erwartungsvoller Gesichter. Es ist der 24. Januar 1972. Gleich wird Fleetwood Mac in der Ausstellungshalle Sindelfingen auftreten. Der Raum ist so überfüllt, dass die Bandmitglieder außen um die Halle herum laufen müssen, um überhaupt auf die Bühne zu gelangen.
Die Szene, festgehalten von Kreiszeitungsfotograf Michael Schmidt, erinnert an eine vergangene Ära. Damals galt der heute als Klosterseehalle bekannte und stark baufällige Raum zusammen mit der 2008 abgerissenen Böblinger Sporthalle als Rock- und Pop-Tempel des Südwestens. In seinem Buch „Von ABBA bis Zappa: Als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten (1964 – 1984)“ erinnert Buchautor Christoph Wagner an legendäre Auftritte von Musiklegenden wie Queen, Genesis, Deep Purple, Van Halen, AC/DC, Pink Floyd, The Police, Santana, Dire Straits, Depeche Mode, BAP oder Johnny Cash. Sie alle und viele mehr machten einst hier Station und bescherten den oft von weit her angereisten Musikfans unvergessliche Konzerterlebnisse.
Viele dieser Erlebnisse sind in Wagners Buch festgehalten. Dutzende Zeitzeugen kommen darin zu Wort, darüber hinaus erzählen eine Vielzahl von Fotos, Plakaten und Eintrittskarten ihre ganz eigenen Geschichten rund um die Jugend- und Konzertkultur dieser Zeit, die speziell in Sindelfingen eine ganz eigene und sehr lebendige Bandszene hervorbrachte.
Bei einer Pressekonferenz im Sindelfinger Kulturamt ist der Autor per Videokonferenz aus seiner nordenglischen Wahlheimat zugeschaltet. Mit am Tisch sitzen Illja Widmann, Leiterin des Sindelfinger Stadtmuseums, und Böblingens Kulturamtschef Sven Reisch. Das Buch ist in Kooperation der beiden Nachbarstädte entstanden. Den Impuls hatte im Jahr 2017 eine stadtgeschichtliche Ausstellung über Sindelfingen in den 1970er-Jahren gegeben, bei der besonders die städtische Jugend- und Konzertszene im Fokus stand. „Es war relativ schnell klar, dass dies ein Thema ist, das man größer aufziehen muss“, sagt Illja Widmann.
„Der Grund, warum Böblingen und Sindelfingen damals zu einer Art Pop-Metropole wurden, war das Stuttgarter Pop-Verbot“, erklärt Christoph Wagner. Weil es in der Stuttgarter Liederhalle oder in den Killesberg-Messehallen bei Konzerten von Bands wie The Rolling Stones oder Deep Purple immer wieder zu Krawallen gekommen war, ließ die Landeshauptstadt dort von 1970 bis 1972 keine Auftritte bekannter Rockgruppen mehr zu. Schon in den Jahren zuvor war es immer wieder zu Tumulten und Sachbeschädigungen gekommen, weswegen Konzertveranstalter schon ab Mitte der 60er-Jahre nach Sindelfingen und Böblingen ausgewichen waren.
Was die Sache so besonders macht, ist, dass es neben professionellen Veranstaltern auch eine Gruppe von Schülern war, die sich für die Gründung eines Jugendhauses einsetzten. Mit den Pop-Initiativen Club Q, Bird-Laden und Kultureller Verein Sindelfingen holten sie aber auch internationale Bands und Stars nach Sindelfingen. Von Starallüren waren die späteren Musiklegenden jedoch noch weit entfernt, wie Wagner erfahren hat.
„Da war zum Beispiel Martin Schultz. Der ist damals als 19-Jähriger mit einem Presseausweis von seiner Schülerzeitung einfach Backstage zu Pink Floyd durchmarschiert“, erzählt der Autor mit einem amüsierten Lächeln. Auch die Konzertticketpreise – gegen die teils heftig protestiert wurde – erscheinen Wagner aus heutiger Sicht geradezu lächerlich. Eine Karte für das Queenkonzert am 13. Februar 1979 in der Sporthalle Böblingen kostete beispielsweise 16 D-Mark im Vorverkauf.
Den Auftritt des Miles Davis Quintets am 8. Oktober 1964 in der erst zwei Jahre zuvor eröffneten Stadthalle Sindelfingen nimmt Wagner als Ausgangspunkt für sein Buch. „Das war damals das erste große Konzert mit populärer Musik in Sindelfingen“, sagt der Journalist. In den folgenden zwei Jahrzehnten hatten in Böblingen und Sindelfingen mehr als 300 internationale Popkonzerte mit weit mehr als 600 Bands und womöglich rund einer Million Musikfans stattgefunden. Wagner war einer dieses Fans. „Als 16-Jähriger habe ich King Crimson in der Ausstellungshalle gesehen und später die Pogues in der Böblinger Sporthalle“, erinnert sich der gebürtige Balinger.
In den 70er-Jahren habe die Vielzahl an Konzerten nach Wagners Ansicht zu einer regelrechten Übersättigung geführt. „Den Teenagern ist bei diesem Überangebot sicher das Taschengeld ausgegangen. So erklärt sich wohl auch, warum manche Konzerte zu Flops wurden“, meint der Buchautor.
Zwei Jahre hat der Musikjournalist für das Buch recherchiert, hat Zeitungsartikel gewälzt und im Archiv der Kreiszeitung Böblinger in mühevolle Kleinarbeit Negative gesichtet – hauptsächlich vom langjährigen KRZ-Fotografen Michael Schmidt. Die Mühe dürfte sich gelohnt haben: Die Nachfrage nach dem Buch scheint bei einigen Plattformen und Händlern schon jetzt so groß, dass die erste Auflage von 1000 Stück wohl schon bald vergriffen sein dürfte.
Autor
Christoph Wagner (Jahrgang 1956) stammt aus Balingen. Er war Dorfschullehrer und arbeitet seit 1984 als freier Musikjournalist, Musikhistoriker, Rundfunk- und Buchautor. Er lebt in Hebden Bridge, West-Yorkshire.
Buch
Das 264 Seiten starke Werk „Von ABBA bis ZAPPA – Als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten (1964 – 1984)“ ist ab Mittwoch, 17. September, im Buchhandel sowie über die Städte Böblingen und Sindelfingen erhältlich. Das Buch ist beim Verlag Regionalkultur erschienen und kostet 29,80 Euro.
Begleitprogramm
Die Sindelfinger „Buchtaufe“ mit Buchautor Christoph Wagner und diversen Zeitzeugen findet am Freitag, 10. Oktober um 19 Uhr im Odeon der SMTT statt. In Böblingen stellt Christoph Wagner das Buch am Samstag, 18. Oktober, um 20 Uhr im Kulturnetzwerk Blaues Haus vor. Ein Flyer mit weiteren Infos und Terminen findet sich unter www.sindelfingen.de unter der Rubrik „ Stadtmuseum“.