Buchhandlung in Stuttgart-Süd Mit über 80 Jahren noch im Laden
Doris Siegle ist Buchhändlerin. Vor 64 Jahren begann sie ihre Lehre. Seit 1984 ist sie selbstständig und betreibt im Lehenviertel die Markus-Buchhandlung. Ans Aufhören denkt sie nicht.
Doris Siegle ist Buchhändlerin. Vor 64 Jahren begann sie ihre Lehre. Seit 1984 ist sie selbstständig und betreibt im Lehenviertel die Markus-Buchhandlung. Ans Aufhören denkt sie nicht.
Manchmal wundert sich Doris Siegle im Rückblick: „Ich kann mir das kaum vorstellen, dass ich jetzt schon über 40 Jahre die Markus-Buchhandlung mache. Die Zeit ist wie im Flug vergangen“, sagt sie und ihre dunklen Augen funkeln vergnügt. Ihr Vorgänger hatte bereits in den 1950er Jahren den kleinen Buchladen in dem alten Gründerzeit-Haus an der Filderstraße 29 schräg gegenüber der Markuskirche eröffnet. Doris Siegle übernahm die Buchhandlung offiziell am 1. Juli 1984, aber schon im Weihnachtsgeschäft 1983 war sie aufgrund der sehr schweren Erkrankung des damaligen Besitzers in das Geschäft eingestiegen.
Und dieses Leben zwischen Büchern und gedruckten Wörtern scheint für sie stets wie ein Lebenselixier gewesen zu sein. Es hält sie offensichtlich jetzt mit nunmehr 81 Lebensjahren weiterhin geistig fit und körperlich in Schwung: „Mein Hausarzt hat bei meinem letzten Besuch gesagt: Die Buchhandlung tut ihnen gut, Frau Siegle.“ Doch darauf wäre sie wohl auch ohne den diagnostischen Rat ihres Doktors gekommen: „Mein Beruf ist und war ja auch immer mein Hobby“, sagt die Buchhändlerin aus dem Lehenviertel.
Auch ohne Work-Life-Balance scheint ihr Konzept vom selbstbestimmten und freien Leben und Arbeiten aufgegangen zu sein. Ans Aufhören denkt sie jedenfalls nicht: „Solange es mir kräftemäßig gut geht, mache ich weiter.“ Leben und Arbeiten laufen bei ihr synchron nebeneinander her. Ihr Buchladen und ihre Wohnung im Erdgeschoss des Mehrparteienhauses liegen nebeneinander und gehen praktisch nahtlos ineinander über. Schon der vorherige Inhaber des Buchladens hatte einen Durchbruch zur benachbarten Wohnung geschaffen, inzwischen gehört ihr beides, alles abbezahlt. Der große finanzielle Druck ist also weg. Und so kann sie den Bücherverkauf entspannt angehen und trotzdem ihre monatliche Rente damit aufstocken. Allein wegen des Geldes mache sie das aber nicht. Sie liebt einfach den Job. Natürlich mache sie weniger Umsatz als früher, betont Siegle, doch das gehe vielen anderen in der Branche auch so: „Der Buchhandel wird halt immer weniger.“
Liest denn keiner mehr? Doch schon, es gebe gerade im Lehenviertel viele treue und lesebegeisterte Kunden, die den Markus-Buchladen und ihre Besitzerin gerne aufsuchen, berichtet die Inhaberin. Ihre Lieblingskrimis schreibt übrigens der Autor Andreas Pflüger aus Thüringen. Aber auch in der Kinder- und Jugendliteratur kennt sich die ehemalige Mitarbeiterin des Thienemann-Verlags sehr gut aus.
Drei Mitarbeiterinnen, die ihr bis zuletzt immer mal wieder in der Markus-Buchhandlung aushalfen, sind im vergangenen Jahr gestorben, berichtet Siegle mit Trauer in der Stimme. Nun dekoriert noch ein guter Freund und gestaltet immer sonntags die beiden Schaufenster. Ansonsten ist sie auf sich gestellt.
Wer zum allerersten Mal die Stiegen an der Ecke Pelargus-/Filderstraße hochsteigt, wird überrascht sein. Ein helles Glöcklein über der Eingangstür bimmelt freundlich zur Begrüßung. Und der Anblick der prallvollen Ständer und Regale gibt einem die Gewissheit: Sie existiert ja doch noch – die gute alte Bücherstube.
Ganz oben auf der Theke in diesem dichten Wald der Wörter steht für diejenigen, die sich bemerkbar machen wollen, eine kleine silberne Tischklingel zum Antippen. Daneben versammeln sich Quarzsteine, Engelsfiguren, ein Froschkönig in einer Glaskugel und eine kleine vergoldeten Miniatur des geflügelten Markus-Löwen. Der thront sonst in 30 Meter Höhe und in weit größerer Version auf dem Dachgiebel der Kirche gleich gegenüber – als Symbol eines der vier Evangelisten im Neuen Testament.
War es also vielleicht doch göttliche Fügung, dass Doris Siegle vor mehr als 40 Jahren hier gelandet ist? Denn davor war sie viel in der Welt und an ganz anderen Ecken unterwegs. Bei „Nikos“ im fernen Athen wäre sie damals fast hängengeblieben. „Der Liebe wegen“, sagt sie. Sogar ihre Eltern waren am Ende mal mit in Griechenland, um die gesamte Familie von Nikos kennenzulernen. Doch am Ende sagte sie „Ochi“ – also Nein zur Heirat.
Später war sie in Tokio bei einer Landesausstellung. Und nach Indien reiste sie mit der Stuttgarter Hermann-Gundert-Gesellschaft und dem inzwischen verstorbenen Pfarrer Albrecht Frenz. Es war eine Reise auf den Spuren des Geistlichen Hermann Gundert, dem Großvater von Hermann Hesse: Die Studienreise führte sie bis nach Kerala – ins Land der Kokospalmen: „Gundert schrieb dort einst das erste Malayalam-English-Dictionary“, sagt Siegle. Das sei nur eines von vielen Büchern gewesen, mit denen der Sprachwissenschaftler, Lehrer und Missionar einst zur europäisch-indischen Völkerverständigung beigetragen habe.
„Bei mir war das Tolle, dass die Veränderungen in meinem Leben immer auf mich zukamen und ich sie niemals selbst suchen musste“, fasst Siegle die Fülle dieser Lebenserfahrungen zusammen. Nach ihrem Abschluss am Fanny-Leicht-Gymnasium habe sie sich grundsätzlich drei Berufe vorstellen können: „Kindergärtnerin, Blumenbinderin oder Buchhändlerin wollte ich werden.“ Dass sie Buchhändlerin wurde, hat sie nie bereut.
Bei Lindemanns Buchhandlung in Stuttgart bewarb sie sich Anfang der 1960er Jahre und wurde auf Anhieb genommen. Nach einem Tübinger Gastspiel in der Buchhandlung Niedlich am Schimpfeck ging es zum Thienemann-Verlag zurück nach Stuttgart. Auf der Kinderbuchmesse in Bologna lernte sie Michael Ende, den Autor von „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ beim Abendessen kennen. Auch anderen Schriftstellern, die damals beim auf Kinder- und Jugendbücher spezialisierten Thienemann-Verlag publizierten, wie Otfried Preußler und Boy Lornsen – der Erfinder von „Robbi Tobbi und das Fliewatüüt“ – begegnete sie persönlich. Und bei den „Thiene-Festen“ in der Degerlocher Weitbrecht-Villa kamen alle zusammen: „Das waren wirklich schöne Feste“, erinnert sich Doris Siegle. Später organisierte sie einige Zeit für den Börsenverein und den Landesverband des Buchhandels die Stuttgarter Buchwochen.
Und so kreuzten spannende neue Aufgaben ständig ihren Weg. Das lief auch bei der Markus-Buchhandlung im Lehenviertel so. Zufällig hört sie nach einer Rückkehr aus einem Griechenland-Urlaub, dass da jemand gebraucht wird: „Ich habe sofort gewusst, dass ich das machen möchte. Die Markus-Buchhandlung war mein Wunschtraum.“
Viel Zeit zum Überlegen gab es nicht. Denn ihr Vorgänger war da schon schwer krank und musste notgedrungen aufhören. Eine Nachfolge-Lösung in seinem Sinne zu finden, war ihm wichtig. Und irgendwie schien ihm sein Lebenswerk bei ihr in den richtigen Händen zu sein. „Irgendwie war damals gleich ein Draht zwischen uns da“, erinnert sich Siegle. So stürzte sich die damals knapp 40-jährige Stuttgarterin ins neue Abenteuer.
Doch was kommt nun nach ihr? Schwer vorstellbar, dass sie irgendwann aufhört. Denn eine neue Kundenschicht wächst am Horizont schon heran: „Gerade in letzter Zeit kommen verhältnismäßig viele Jüngere zu mir“, berichtet Siegle. Manche wundern sich, wenn sie in ihren Laden kommen, dass es so eine Buchhandlung überhaupt noch gibt: „Aber so entstehen immer wieder interessante Gespräche und Diskussionen.“ Und das bleibt wohl auch so bis zu ihrem Lebensende. Doris Siegle ist und bleibt eine Buchhändlerin mit Leib und Seele.