Buchprojekt von Fellbacher Autoren Abrechnung mit dem Struwwelpeter

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Das bekannte Kinderbuch soll als kommentierte Fassung neu erscheinen, die Autoren suchen auf einer Internetplattform noch Sponsoren. Die beiden stammen aus Fellbach – und wollen mit hintergründigen Reimen „Partei für Kinder“ ergreifen.

Niklas (links) und Johannes Kizler sehen den „Struwwelpeter“ als Erwachsene mit anderen Augen. Foto: privat
Niklas (links) und Johannes Kizler sehen den „Struwwelpeter“ als Erwachsene mit anderen Augen. Foto: privat

Fellbach - Wer als Erwachsener vom Suppenkaspar, Zappelphilipp oder dem Daumenlutscher hört, hat mutmaßlich gleich Bilder dazu im Kopf. Nicht nur diese Figuren hat sich Heinrich Hoffmann 1844 ausgedacht und Geschichten dazu im „Struwwelpeter“ veröffentlicht. Es zählt zu den erfolgreichsten deutschen Kinderbüchern, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt – und polarisiert unverändert: Denn wenn der kleine Konrad zur Strafe die Daumen abgeschnitten bekommt oder Paulinchen beim Zündeln verbrennt, ist das kindgerecht oder schlicht grausam?

Im originalen Buch werde „sehr viel mit Angst“ gearbeitet

Das fragen sich auch die Fellbacher Brüder Johannes und Niklas Kizler, die als Antwort einen kommentierten „Struwwelpeter“ veröffentlichen wollen. Im originalen Buch werde „sehr viel mit Angst“ gearbeitet, sagt der 36-jährige Johannes Kizler. Die Idee zum eigenen Buch sei aus dem Nachdenken darüber entstanden, „warum sich die Kinder im ‚Struwwelpeter’ so verhalten, wie es dargestellt wird“.

Er selbst erinnert sich gut, wie das Werk bei der Oma griffbereit am Telefonschränkchen lag. „Das jagte mir Angst ein“, weiß er noch. Auch sein Bruder, inzwischen 40, habe es nicht toll gefunden. Als dann vor zwei Jahren ein Freund davon berichtete, wie er seiner Tochter bedenkenlos aus dem „Struwwelpeter“ vorlese, wurden „unsere Erinnerungen wieder aktiviert“, berichtet Johannes Kizler. Die geplante Veröffentlichung der Gebrüder Kizler mit dem Titel „Der Struwwelpeter – Die Abrechnung“ sei durchaus ein Stück Vergangenheitsbewältigung.

Der Struwwelpeter positioniert sich auf dem Buchcover eindeutig. Foto: Zeichnung Christina Mäckelburg
Für Kinder sei ihr Buch explizit nicht gedacht, sagt Johannes Kizler. Er definiert die Zielgruppe „ab 20 aufwärts“. Leute, die mit dem „Struwwelpeter“ aufgewachsen sind, könnten ihn künftig mit anderen Augen sehen.

„Wir gehen der Frage nach, warum die Kinder im Buch böse sind und schlechte Manieren haben“, sagt Johannes Kizler. Warum etwa war „der Friederich ein arger Wüterich“? Weil er es so zu Hause kennengelernt habe, geben die Fellbacher eine Begründung. Und Konrad, der Daumenlutscher, habe offenkundig Stress gehabt. „Seine Eltern, das Umfeld sind das Problem“, meint Johannes Kizler. Die „Abrechnung“ soll, wie er hinzufügt, ohne erhobenen Zeigefinger und eher ein Denkansatz sein, keine kinderpsychologische Abhandlung.

Ihre Zeichnungen sind wie beim Original teils blutrünstig, aber vielfach mit einem Augenzwinkern in die Jetztzeit geholt worden

Ihr Buch gehen die Brüder, entsprechend der Vorlage, in Reimform an, und sie wollen damit „Partei für Kinder“ ergreifen. „Einmal kräftig umgerührt, die Geschichten lustig fortgeführt oder ganz im Ernste hinterfragt, und deren Züchtigkeit beklagt“ schreiben sie im Vorwort. Den originalen Texten stellen sie ihre Sicht der Dinge gegenüber. Etwa beim Protagonisten Struwwel­peter. „Pfui“ ruft da ein jeder, „garst’ger Struwwelpeter“, heißt es bei Heinrich Hoffmann über den Jungen mit langen Haaren und ungeschnittenen Finger­nägeln. „Das Struwweln ist sein Schrei nach Liebe, stattdessen gibt es Zucht und Hiebe“, dichten die Kizlers dazu. „Und auch die Nägel lässt er lang, um nicht zu sein wie jedermann!“

Auch beim Suppenkaspar, der seine Essensverweigerung mit dem Leben bezahlt, haben sie eine launige Erklärung: „Des Kaspars Mutter Amelie war in der Küche kein Genie. Doch trotzdem kochte sie mit Spaß, heraus kam dabei schrecklich Fraß.“ Optisch ergänzt werden alle Reime mit ­Illustrationen von Christina Mäckelburg, die in Stuttgart Kommunikationsdesign studiert. Ihre Zeichnungen sind wie beim Original teils blutrünstig, aber vielfach mit einem Augenzwinkern in die Jetztzeit geholt worden. Das zeigt schon der Titel, auf dem Struwwelpeter mit zwei ausgestreckten Mittelfingern zu sehen ist.

Die Brüder leben inzwischen in Berlin

Warum gerade jetzt diese Interpretation des Kinderbuch-Klassikers? „Wir erleben zunehmend rückwärtsgewandte Zeiten“, erklärt Johannes Kizler und verweist auf politische rechtsgerichtete Parolen. Auch werde der Ruf nach „harter Erziehung“ teils wieder lauter. „So ein Rückschritt wäre nicht sinnvoll.“ Bei Buchverlagen handelten sich die beiden Autoren mit ihrer Idee Absagen ein. „Keine Verwendung“ oder „passt nicht ins Portfolio“ bekamen sie als Feedback – gaben aber nicht auf. Auf der Onlineplattform „Startnext“ stellen sie nun sich und ihr Projekt vor. Per Crowdfunding suchen sie seit Mitte Oktober Menschen, die an ihre Idee glauben und – auch kleinere Beträge – investieren wollen. 6500 Euro sind die erste Hürde, die bis Mitte November geschafft sein soll. „500 hochwertige Hardcover-Bücher“ sollen dann gedruckt in Buch­läden und in Online-Shops bereitliegen. „Auch in Fellbach, Waiblingen und Stuttgart“, ergänzt Johannes Kizler den Hinweis auf „Startnext“, wo von Berliner Buchläden die Rede ist.

Denn die Brüder leben zwar inzwischen in Berlin, die Wurzeln nach Fellbach sind aber durch Familie und Freunde unverändert tief. Nicht nur als reimende Autoren sind die Kizlers aktiv, zusammen schreiben sie auch Drehbücher. Niklas Kizler lebt davon, dass er für Bühnenschauspieler sogenannte Showreels erstellt: Er schreibt für sie Szenen und dreht sie, auf dass sie sich damit für Filme bewerben können. Sein Bruder ­Johannes, der an der Filmakademie Ludwigsburg studierte, produzierte bis vor Kurzem Werbefilme und will sich nun wieder mehr auf Regie konzentrieren. „Ein Spielfilm“ wäre der Traum. Der Traum vom eigenen Buch rückt derweil in greifbare Nähe. Stand Donnerstag sind 5703 Euro per Crowdfunding erreicht. Unterstützer ab einem Betrag von 25 Euro werden als Anreiz im Werk erwähnt.