Wenn Akiz in seiner Berliner Wohnung über sich erzählt, kann man zweierlei hören: Das eine ist die Geschichte von einem jungen Stuttgarter, der ausgezogen ist, Kunst zu schaffen und Filme zu drehen, der in Los Angeles mit Hollywood-Größen zusammengearbeitet hat und zurück in Deutschland Romane von einer sinnlichen Wucht schreibt, als gelte es den Beweis zu erbringen, dass das beste Kopfkino immer noch die Literatur liefert. Das andere ist ein intensiver Ausdrucksdrang, der in der sprachlichen Ordnung, in der nun einmal Gespräche mit Journalisten stattfinden, nur ein unzureichendes Ventil findet. Man geht wohl nicht fehl, diese unter der Oberfläche rumorende unruhige Energie für die entscheidende Formkraft dessen zu halten, was in den Arbeiten des Vielseitigkeitskünstlers Gestalt gewinnt. Und das durchaus in wörtlichem Sinn.
In seinem gerade erschienenen neuen Roman „Die Königin der Frösche“ bricht eine jener Triebkonfigurationen aus dem Ohnmachtstraum einer jungen Infantin in die höfische Gesellschaft eines deutschen Duodez-Fürstentums in den letzten Tagen des 18. Jahrhunderts ein. Vom Titel her könnte man das für die gender-korrekte Variante jenes Grimms-Märchens halten, das einen mit nur allzu vertrauten Froschaugen anblickt. Doch der Durchlass, den die Neuerzählung öffnet, führt nicht in die geordnete Welt einer zeitgemäßen Revision alter Stoffe, sondern in die obsessive Wildnis einer „Ungeheuerlichkeit“, über die die daran Beteiligten aus unterschiedlichen Perspektiven berichten. In ihrer Sprache gärt die Vergangenheit so betörend befremdlich wie der Krötenkuss, der das junge Mädchen über sich hinausführt.
Romantische Chimären und moderne Versuchungen
Akiz, der eigentlich Achim Bornhak heißt, ist in Cannstatt aufgewachsen. Das Pseudonym hat er sich 2015 zugelegt, nach seinem Film „Nachtmahr“, dem ersten, der für ihn wirklich zählt – auch darin geht es um den Übertritt von Wahnfiguren in die Wirklichkeit, um das seltsame Niemandsland zwischen Jugend und Erwachsensein, um romantische Chimären und moderne Versuchungen. Er gehörte zum ersten Jahrgang der neugegründeten Filmakademie in Ludwigsburg. Zwei seiner dort entstandenen Kurzfilme wurden für den Studentenoscar nominiert. Auf seine Abschlussarbeit „Der Marianengraben“ wurde schließlich auch Roland Emmerich in Hollywood aufmerksam.
1999 wagte er den Sprung nach Los Angeles, mit seiner Frau, zwei Seesäcken und einer dreimonatigen Tochter auf dem Arm. „Ich weiß nicht, ob ich mir das heute noch trauen würde, aber die fünf Jahre dort zählen zu den schönsten meines Lebens“, erzählt Akiz. Eine Zeit wie im Rausch. Die Ideen für viele Projekte, die erst später umgesetzt werden sollten, fallen in diese Periode. „Die Königin der Frösche“ ist eines davon, ein anderes „Der Hund“, mit dem er 2020 als Autor debütierte und mit einem Satz auf den Bestsellerlisten landete. Abermals verschafft sich in dem Roman jemand, der von ganz außen kommt, ein Waisenjunge aus dem Kosovo, mit kreatürlicher Kraft Zugang zu Sphären, die ihm sonst versperrt sind. Der Straßenköter wird Spitzenkoch.
Wesen voller Exzessversprechen
Für die düstere, scharf gewürzte Geschichte recherchierte Akiz hinter den Kulissen der Sternegastronomie. So wie er sich für seinen jüngsten Roman die lexikalischen Nuancen und Ausdruckswerte der Sprache des 18. Jahrhundert aneignete. „Mit Werbeaufträgen habe ich gut verdient, jetzt konnte ich meine eigenen Stoffe entwickeln.“ Der Produzent Bernd Eichinger interessierte sich für ein gemeinsames Projekt. Damals waren die Genres noch sauber getrennt, Akiz ästhetisches Credo tendiert eher in die andere Richtung: alles auf einmal. Als er Eichinger von seinen Märchenplänen erzählte, griff der sich an den Kopf.
Vielleicht ist das gut so. Wer weiß, ob die Spezialeffekte, die Verwandlungen jener „Monstrosität“, die sich die Infantin ins Leben geküsst hat, auf der Leinwand ähnlich gut funktioniert hätten, wie im synästhetischen Wechselbad der Sprache. In ihm brodeln Fleischlichkeiten aller Art und ihre peristaltischen Folgen, Gestank und „Geschiss“, üppig und morbid. Aus dem historischen Sud kriecht ein hybrides Wesen voller Exzessversprechen – und was bedeutet Exzess anderes als Grenzüberschreitung. An dem Froschmann, der wie Kaspar Hauser aus anarchischer Wildnis in die hochreglementierte Hofwelt gerät, exekutiert ein schmallippiger Aufklärer mit ausgeprägter Jagdleidenschaft ein fatales Erziehungsprogramm. Und plötzlich trennt uns gerade mal ein Froschsprung von Fragen, mit denen wir heute umgehen, Fragen der Identität, Fremdheit, Macht und Unterwerfung.
Märchen sind beliebte Tummelplätze für Küchenpsychologie. Doch bevor die Mutmaßungen ins Kraut schießen, noch einmal zurück nach Berlin. Den Impetus, der Akiz voranpeitscht in immer neue Rollen und Fertigkeiten – zu den genannten kommt der Drehbuchschreiber, Bildhauer, Fotograf, Maler –, hat er nicht immer nur als Segen empfunden. „Ein Freund hat einmal gesagt, wen Gott hasst, den beschenkt er mit vielen Talenten – ich kann das nachvollziehen.“ Bis zu seinem 22. Lebensjahr wurde Akiz von epileptischen Attacken heimgesucht. Erfahrungen wie Absencen, Überwältigungen, Einbrüche der Wildnis sind ihm vertraut: Wenn die Synapsen aus allen Rohren feuern, ein Overload an Wahrnehmungen über einen hinwegfegt. „Ich habe als Schüler immer sehr darunter gelitten. Doch es gibt eine andere Seite: Wenn man ohnmächtig wird, geht man in einen anderen Zustand über, in eine Parallelwelt – als Künstler kann ich daraus bis heute Kraft ziehen.“
Müßig darüber zu spekulieren, wie sich solche Erfahrungen im Werk vermitteln. Aber vielleicht liegt hier der Schlüssel für die Bereitschaft, mit dem man sich in diese Geschichten hineinziehen lässt: Weil hier einer nicht einfach beliebte Mythologeme von Schönen und Biestern effektvoll neu arrangiert, sondern weiß, wovon er spricht.
Info
Akiz: Die Königin der Frösche.
Roman. Hanser. 176 Seiten, 20 Euro.