Buchtipp: Alem Grabovac „Das achte Kind“ Auf die Väter ist kein Verlass
Der Autor Alem Grabovac erzählt von einer Kindheit zwischen einem kroatischen Bergdorf, der schwäbischen Provinz – und drei Vätern, denen man nicht trauen kann.
Der Autor Alem Grabovac erzählt von einer Kindheit zwischen einem kroatischen Bergdorf, der schwäbischen Provinz – und drei Vätern, denen man nicht trauen kann.
Stuttgart - Das Problem sind die Väter, zumindest im Leben des jungen Alem Grabovac. Denn er hatte gleich drei von der eher problematischen Sorte. Einen Luftikus, der ihn im Stich gelassen hat. Einen Pflegevater mit einem Faible für den Nationalsozialismus. Und einen Stiefvater, dem man besser nicht über den Weg läuft, wenn er getrunken hat.
Alem Grabovac ist Protagonist und Erzähler des Romans „Das achte Kind“, dessen Autor den Namen mit seiner Hauptfigur teilt. Und vielleicht ist diese literarische Vaterschaft die einzig vertrauenswürdige des ganzen Buches.
Eines Tages, in einer fernen Zeit, als in Jugoslawien noch überall Bilder des Marschalls Tito in einem blütenweißen Anzug hingen, macht sich Alems Mutter aus einem kargen Bergdorf im kroatischen Hinterland auf, um als Gastarbeiterin, wie es damals hieß, in Deutschland die Schokoladenseite des Lebens kennenzulernen. Stattdessen schließt sie Bekanntschaft mit den Mühen und Qualen der Fließbandarbeit und einem windigen Filou aus ihrer alten Heimat, der sie irgendwann mit Schulden, vielen Lügen, der Erinnerung an einige kostbare Momente des Glücks und dem kleinen gemeinsamen Sohn sitzen lässt. Eben jenem Alem.
Kitas waren noch nicht erfunden. Dafür gab es die Familie Behrens. Während Alems Mutter unter der Woche in der Fabrik schuftet, findet ihr Sohn in dem vielleicht ersten multikulturellen Laufstall der Bundesrepublik im Haus der Behrens Zuflucht, zusammen mit den Joãos, Dileks und Fatimas, deren Eltern im Maschinenraum des Wirtschaftswunders den Wohlstand anheizen: „Unsere Eltern haben keine Zeit: Sie arbeiten auf Baustellen, in Putzkolonnen, in Restaurants, in Fabriken oder klauen den Einheimischen die Brieftaschen.“
Weil die Verhältnisse von Alems Mutter auch mit ihrem neuen, alkoholbedingt äußerst entflammbaren Partner Dusan trotz einer neuen Arbeit instabil bleiben, wächst der Junge, von Wochenendbesuchen abgesehen, in der deutschen Pflegefamilie auf, erst in Warmbronn bei Stuttgart, dann in der Nähe Herrenbergs, später in Rexingen bei Horb.
Und diese Behrens’ sind keine Unmenschen. Sie nehmen den Jungen herzlich auf, als achtes neben sieben eigenen Kindern. Eine ganz normale deutsche Familie, die im Sommer Italienurlaub macht und kein Opfer scheut, dem Jungen die komplexen Übergänge zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie, Prekariat und Wohlstand, jugoslawischem Balkan-Pop und deutschem Schlager so leicht wie möglich zu machen. Nein, Unmenschen sind sie wohl nicht oder nicht mehr. Aber eben doch deutscher, als einem lieb sein kann.
So kommt es, dass der kleine Alem während des jährlichen Besuchs in dem kroatischen Bergdorf, seinem Großvater, der im Krieg als Partisan gegen die deutschen Besatzer gekämpft hat, ein selbstgemaltes Bild mit Wehrmachtspanzern überreicht, und nicht ganz verstehen kann, weshalb der alte Mann dieses Werk wutentbrannt zerfetzt. Und wenn der eigentlich ganz gemütvolle Pflegevater sich wieder einmal darüber ereifert, dass das Deutsche Volk durch den Versailler Vertrag gedemütigt und verraten worden sei, antwortet dessen patente und in vielerlei Hinsicht sehr sympathische Frau: „Papi, lass gut sein. Wir haben schon genügend Probleme wegen deinem ständigen Gerede über Hitler und die Juden. Willst du, dass man Alem von der Schule verweist?“
Es sind solche heimelig unheimlichen Alltagsszenen, die, gerade weil sie nichts mit grobkörnigen Nazi-Klischees zu tun haben, umso befremdlicher an die Banalität erinnern, in der so viel Schrecken wurzelt. Grabovac erzählt Nachkriegsgeschichte aus einem Blickwinkel, wie man ihn bisher nicht gekannt hat. Sein Alem ist ein Bewohner mehrerer Welten, der mit Mühe die widerstreitenden Prägungen, Werte und Neigungen, die ihm mit auf den Weg gegeben werden, auszubalancieren versucht. Und dabei wohl gescheitert wäre, hätten der Fußball und später die Literatur ihm nicht einen Fluchtwinkel aus der Bedrängung seines Daseins offengehalten - und hätte die Liebe seiner beiden Mütter ihn nicht resistent gemacht gegen die ideologische und körperliche Gewalt der Männer an ihrer Seite.
Während Alems Pflegevater nach der Wiedervereinigung am rechten Rand auf dem Sprung ist, in die Partei der „Republikaner“ einzutreten, um Deutschland wieder groß zu machen, zerbricht am allseits gärenden Nationalismus der jugoslawische Vielvölkerstaat. Titos Bilder werden abgehängt. Auf die Väter ist kein Verlass.
Alem Grabovac‘ so geradlinig wie gerecht erzählter Roman ist ein eindrucksvolles Gegenstück zu Sasa Stanisic‘ „Herkunft“. Er endet am Grab des leiblichen Vaters auf einem Friedhof in Belgrad. Dem patriarchalen Chaos von Herkunft und Zugehörigkeit setzt der Autor den verschlungenen Lebenslauf seiner Geschichte entgegen.
Alem Grabovac: Das achte Kind. Roman. Hanserblau. 256 Seiten, 22 Euro.