Buchtipp: Alex Schulman, „Verbrenn all meine Briefe“ Woher kommt diese verdammte Wut?
Unerschrocken setzt der schwedische Autor Alex Schulman in seinem Roman „Verbrenn all meine Briefe“ ein dunkles Familiengeheimnis in loderndes Licht.
Unerschrocken setzt der schwedische Autor Alex Schulman in seinem Roman „Verbrenn all meine Briefe“ ein dunkles Familiengeheimnis in loderndes Licht.
Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass Romane heute keine erfundenen Geschichten mehr erzählen, sondern austragen, was früher einmal Stoff für therapeutische Zwiegespräche oder aus dem Ruder laufende Familienfeste war. Belletristik gibt den Blick frei auf das Schlachtfeld von Auseinandersetzungen, die in anderen Zeiten von dem Bereich des Privaten umschlossen waren, peinlich vor fremden Blicken geschützt. Und doch hätte man die Geschichte nicht besser erfinden können, mit der sich der schwedische Autor Alex Schulman von der Seele schreibt, was ihm der Besuch bei einer Psychologin vor Augen führt: dass etwas nicht mit ihm stimmt und er eine Wut in sich trägt, die seine Umgebung vergiftet und terrorisiert.
Worin sie wurzeln könnte, ahnen vielleicht Leser von Schulmans im letzten Jahr in Deutschland erschienenen Roman „Die Überlebenden“. Auf so einfühlsame wie hellhörige Weise spürt er darin dem Entwicklungsweg dreier Brüder nach durch die emotionale Wildnis einer dysfunktionalen Familie. Nun folgt das Buch mit dem alles beginnt: „Verbrenn all meine Briefe“. Es dringt noch eine Schicht tiefer und persönlicher in das Generationendickicht. Was sich darin findet, ist die Geschichte der Großeltern.
Sie führt zurück in eine Heroenzeit, die man auf Google mitlesen kann. Schulmans Großvater Sven Stolpe war ein gefeierter Schriftsteller, verheiratet mit der Tochter eines Nobelpreisträgers, Karin von Euler-Chelpin. Und in das Drama, das der Enkel aus eigenen Kindheitserinnerungen, literarischen Texten und Briefen Stück für Stück rekonstruiert, ist mit dem Autor, Publizisten und langjährigen Chefredakteur der Dagens Nyheter, Olof Lagercrantz, ein weiterer Protagonist des schwedischen Kulturlebens verstrickt.
So befremdlich greifbar die Dramatis Personae in der realen Welt gegenübertreten, so mythisch erscheint das Verhängnis, das aus ihrer wechselseitigen Beziehung resultiert, und das sich wie ein Fluch über Generationen fortzeugt, bis in jene befremdliche Reizbarkeit hinein, über die der Erzähler an sich erschrickt. „Ich will die Dunkelheit in mir verstehen, die dabei ist, mein Verhältnis zu meiner Familie zu zerstören“, schreibt Schulman, der damit einrückt in den Handlungszusammenhang, der Mythos und Wirklichkeit miteinander verbindet.
Auf drei Ebenen spielt sich das Geschehen ab. Die eigenen Erlebnisse als Kind im Haus der Großeltern bilden die Mitte zwischen der voranschreitenden Recherche in der Gegenwart und den dabei ans Licht geförderten historischen Szenen, die mit allen Vollmachten auktorialer Einfühlungskraft gleichsam nachkoloriert werden. Sie gruppieren sich um ein unerhörtes Schlüsselereignis zu Beginn der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Was dabei ins Licht tritt, ist dreierlei: eine verboten Liebe, die ihr Erfüllung einzig in jenem imaginären Land findet, das es außerhalb der Literatur nicht gibt; eine der erbittertsten, höchstrealen Feindschaften, die die schwedische Kulturszene je erschüttert hat; und in Gestalt Sven Stolpes eine der furchtbarsten Ausprägungen von männlichem Geltungsdrang, zerstörerischem Narzissmus und Frauenhass, die sich auf gespenstische Weise vereinbar erweist mit höchsten akademischen und künstlerischen Weihen und dem kauzigen Greis, den Schulman und seine Brüder erleben. Das ist das Erbe, das die Glieder der Familie wie moderne Atriden weiterreichen, ein Erbe aus Hass, zerstörten Biografien, lebenslangen Konflikten.
Als Roman lässt das keine Wünsche offen. Als Aufarbeitung familiärer Verwerfungen muss sich der Autor-Erzähler freilich fragen lassen, ob die Gewalt, von der er sich kurieren will, nicht in der Enthüllung verborgenster Geheimnisse wiederkehrt: in der traumatischen Wiederholung jener brutalen Indiskretion, mit der Sven Stolpe in seinen Schriften intimste und schmerzhafteste Details aus dem Leben seiner Frau ausstellt.
So bleibt in dieser Selbsttherapie etwas Unaufgelöstes, ein Zweifel über die Möglichkeiten, sich mit den Mitteln der Literatur den Beginn einer neuen Geschichte über ein anderes Leben herbeischreiben zu können. Aber vielleicht ist es genau diese insistierende Energie hinter der existenziellen Entblößung, die diesen Roman über den gepflegten Voyeurismus hinweghebt, mit dem sich andernfalls die skandalösen Offenbarungen aus den besten Kreisen der Gesellschaft verfolgen ließen. Und am Ende ist dies der paradoxeste Effekt: Je tiefer man in das dunkle Kraftfeld der Familie eindringt, desto mehr springt die heilsame Wut auf unhaltbare gesellschaftliche Verhältnisse auf den Leser selbst über.
Alex Schulmann: Verbrenn all meine Briefe. Roman. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. DTV. 304 Seiten, 23 Euro.