Buchtipp: Anne Serre, „Die Gouvernanten“ Gepackt, geleckt, gebissen

So ähnlich wie auf diesem Bild von John William Waterhouse muss man sich wohl das Treiben im Park der Familie Austeur vorstellen. Foto: IMAGO/Heritage Images/IMAGO/The Print Collector/Heritage Images

Die Gouvernanten, die Anne Serres gleichnamiger Roman entfesselt, wollen niemand erziehen – ganz im Gegenteil: Sie verteidigen ein literarisches Reich der Begehrlichkeiten sowohl gegen verschmockte Lüsternheit wie moralische Wohlanständigkeit.

Kultur: Stefan Kister (kir)

So, das hat man davon. Am Ende zerstiebt das Ganze wie ein Traum. Die eine löst sich in Luft auf, die andere wird eine Blume, die dritte flitzt als Eidechse davon. Und nun steht man da, benommen, und soll Rechenschaft darüber ablegen, was die Gouvernanten mit einem angestellt haben. Dabei ist es nicht einmal sicher, ob man sich bei der Lektüre von Annes Serres gleichnamigem Roman nicht selbst in irgendetwas Komisches verwandelt hat: in einen Baum, einen seltsamen Vogel oder einen Greis mit Fernrohr. Alles ist möglich, wobei schon einmal ein Begriff der Bedeutungsdimension des oft leichtfertig dahingeschwärmten, hier aber unbedingt angebrachten Adjektivs „bezaubernd“ gegeben wäre.

 

Doch bleiben wir zunächst am besten bei dem alten Mann mit dem Fernrohr. Er müsste am ehesten in der Lage sein, darüber Aufschluss zu geben, was hier eigentlich gespielt wird. Schließlich führt er genau Buch darüber, was er im Park der benachbarten Villa erspäht. Zum Beispiel das: „Gouvernanten rot gekleidet, liegen den ganzen Vormittag im Park auf dem Rasen. Mittags: verschwunden. Lauras Kopf am Fenster ihres Zimmers, Éléonores Bein auf der Vortreppe, nackt. Nachmittags: Gouvernanten im Wald, Éléonore in obszöner – wenngleich nicht unanmutiger – Pose rittlings auf einem liegenden Mann.“

Begehrlichkeiten und Ausschweifungen

Wie man sieht, handelt Anne Serres Roman einmal nicht von einer Autorin, die über sich selbst schreibt, es geht nicht um Klimawandel, Herkunft oder Zugehörigkeiten, nicht um all das, um was es heute mit durchaus guten Gründen in beinahe jedem Roman geht. Diese Gouvernanten wollen niemand zu besseren Menschen erziehen, sondern eher die eingeschlafenen Lebensgeister im Hause von Madame und Monsieur Austeur wieder zum Leben erwecken, wo sie für eine Schar von vier Knaben zuständig sind, die sie allerdings mehr schlecht als recht in Schach halten. Ständig geht irgendetwas Kostbares zu Bruch.

Hier gibt es einen Salon, Hausmädchen, mit Reifen spielende Kinder und Stoffarten, wie sie sonst allenfalls noch in Romanen Martin Mosebachs zu finden sind. Und doch inszenieren die Bewohner dieser aus der Zeit gefallenen Parallelwelt in keiner Weise die zwanghafte Wiedereinsetzung eines Früheren. Es sei denn, man versteht darunter das versunkene Reich von Begehrlichkeiten und Ausschweifungen, wie es der Mythos zähmt und entfesselt – je nachdem.

Kunstgeschichte statt Pornografie

Die nächsten Verwandten dieser Gouvernanten, die in die apollinische Langeweile einer in die Jahre gekommenen Ehe einbrechen, sind Mänaden, Amazonen, dionysische Wesen; eines ihrer Attribute ist die Peitsche.

Und wenn die drei in gelben Kleidern durch die Allee huschen, um durch das goldene Tor einen Fremden einzulassen, beginnt eine Jagd, als würden Raubkatzen ein fliehendes Wild verfolgen, und sie endet nicht eher, als bis die erschöpfte Beute nach allen Regeln der Kunst gepackt, geleckt, gebissen und verschlungen wurde. Und spätestens wenn ihr Opfer ausgeblutet und nackt wie ein Baby in salbeigrünem Gras liegt, müsste klar sein, dass solche Szenen außerhalb der Brennweite des üblichen voyeuristischen Blicks älterer Herren liegen.

Die Schaulust, die die erotische Raserei der drei stimulieren, hat eher mit Kunstgeschichte zu tun als mit Pornografie. Die eine eifert Artemis nach, der Göttin der Jagd, der Jungfräulichkeit, des Waldes und der Geburt. Irgendwann ist sie schwanger und mehrt die Knabenschar im Hause der Austeurs. Die anderen werden mit Bildern Bouchers oder Ingres’ verglichen.

Ihre Sinnlichkeit schillert allegorisch. Wenn die drei wie Hirsche mit einem Satz über die Straße springen, und sich dabei die Bahnen ihrer langen Röcke teilen und wie Flügel flattern, blitzt darin eine jener Pathosformeln der bewegten Frau auf, deren emanzipatorische Energie einst die Bildgeburten der Renaissance befruchtet hat. Doch dieser Freiheitsdrang beweist sich auch darin, dass sie sich allen Festlegungen entziehen: verschmockter Lüsternheit ebenso wie akademischer Kennerschaft.

Man könnte es sich nun einfach machen, und die Verschleifung der Grenzen zwischen der Wirklichkeit und den triebhaften Wucherungen der Vorstellungskraft in das Passepartout des Surrealismus zwängen. Aber gäbe man damit nicht die verblüffende Unmittelbarkeit der Beschreibung vorschnell an noch so unkonventionelle Darstellungskonventionen preis, die heitere Direktheit, das betörende Rascheln und Knistern, die Farben und Aromen? Wie gesagt, es geht schnell genug, dass der schwer zu fassende Zauber, den dieses rätselhafte Buch gewährt, wieder verfliegt.

Eine von Handlung und Aussage domestizierte Literatur empfängt von dem renitenten, wilden Einspruch dieser Gouvernanten einen unwillkürlichen Lebensimpuls. Vielleicht ist das die Erklärung dafür, dass der bereits 1992 in Frankreich erschienene Roman auf seiner Reise durch die Zeit gerade jetzt in Deutschland haltmacht.

Anne Serre: Die Gouvernanten. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Berenberg-Verlag. 104 Seiten, 22 Euro.

Info

Autorin
Anne Serre wurde 1960 in Bordeaux geboren. Seit ihrem Debüt „Die Gouvernanten“ 1992, das nun zum ersten Mal auf Deutsch erscheint, hat sie sechzehn Romane und Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Für „Im Herzen eines goldenen Sommers“ erhielt sie 2020 den Prix Goncourt de la Nouvelle. „Die Gouvernanten“ werden derzeit unter anderem mit Lily-Rose Depp in Hollywood verfilmt, unter der Regie von Joe Talbot.

Hörbuch
Für den Hörbuch-Verlag Der Diwan hat die Schauspielerin Therese Hämer den Roman eingelesen.

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