Der Innenarchitektur-Wettbewerb „Best Workspaces“ 2024 beweist: Ein Tischkicker im Büro macht noch keinen Arbeitsplatz zum Wohlfühlen. Auch Architekten aus Stuttgart zeigen, wie es besser geht.

Volontäre: Maximilian Kroh (kro)

Auf den ersten Blick fällt sie kaum auf, doch wer sie einmal entdeckt hat, kann den Blick kaum mehr von ihr lösen. Eine goldene Rolltreppe steht im Foyer des Hagelofts in Osnabrück. Es wirkt zunächst einigermaßen bizarr, dass die Mitarbeiter und Gäste der Beratungsagentur „Muuuh Group“, die dort ihren Firmensitz hat, ins nächste Stockwerk gelangen als wären sie in einem Einkaufszentrum. Und doch fügt sich die Rolltreppe ins Konzept des Gebäudekomplexes ein, das den Mut zur Innovation in den Mittelpunkt stellt. Schließlich gibt es im Gebäude sogar eine firmeneinige Disco. Die Jury des „Best Workspaces“-Wettbewerb hat der Bürokomplex überzeugt, sie hat ihn mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

 

Das Hageloft beherbergt auf seiner Grundfläche von 6120 Quadratmetern neben der Bürofläche auch Loftwohnungen, Fitnessstudio, Multifunktionshalle und eine Bar im 60er-Jahre-Stil. „Der sogenannte Workspace startet beim Kommen und muss über den Tag verteilt unterschiedliche und flexible Möglichkeiten bieten“, erklären die Architekten des Büros Kresings in Münster im Bildband „Best Workspaces“.

Die große Frage: Wie lockt man Menschen noch ins Büro?

Das zieht sich in unterschiedlicher Ausprägung durch sämtliche der im Buch vorgestellten Bürogebäude. Sie alle eint die Auseinandersetzung mit der großen Herausforderung der Jahre nach der Corona-Pandemie: Wie schafft man es überhaupt noch, die Mitarbeiter aus dem Home-Office zurück ins Büro zu locken? Architekten und Innenarchitekten greifen dabei auf bewährte Methoden zurück. Viel Helligkeit, viele, große Fenster, großflächige Räume.

Und auch der Faktor Nachhaltigkeit bleibt wichtig. So entstand das Hageloft im Gebäude einer Chemiefabrik aus den 1880er-Jahren. Das ebenfalls mit dem ersten Preis ausgezeichnete Grünwalder Carré in München war früher eine Druckerei. CO2-sparende Umnutzung statt Neubau, das ist ein Trend – eindrücklich umgesetzt auch vom Architekturbüro Wolf. Die Heidenheimer haben eine Jugendstilvilla aus dem Jahr 1907 zur Arbeitswelt für ihre 25 Mitarbeitende umgestaltet.

Stuttgarter Architekturbüro ist doppelt vertreten

Ansonsten geht es auffällig oft grün zu. Etwa bei der Immobilienfirma Bauteile C+D in Wien. Deren gesamte Bürofläche erinnert an ein übergroßes Urban-Gardening-Projekt. Das von der Stuttgarter Ippolito Fleitz Group entworfene „Baumhaus“ für den Getränkehersteller Hassia in Bad Vilbel verdankt seinen Namen den beiden eigens gepflanzten Apfelbäumen auf dem Vordach und auch im Innern sprießt das Grün an jeder Ecke.

Das Stuttgarter Architekturbüro ist bei dem Wettbewerb gleich zwei Mal vertreten, es hat auch die Schoko-Zentrale von Ritter Sport in Waldenbuch entworfen, bei der die markanten Farben der Schokoladenverpackungen ins Auge stechen.

„Nur mit entsprechend gestalteten Räumen bin ich als moderner Wissensarbeiter in der Lage, meinen Arbeitsplatz so zu rhythmisieren, dass er für das Unternehmen Sinn ergibt und für mich selbst sinnstiftend funktioniert“, schreibt Jurymitglied Alexander Gutzmer in der Einleitung des Bildbands. Es ist der Leitsatz, auf dem Buch und Jury-Urteile aufbauen. Räumliche Konzepte sollen verhindern, dass Arbeit und Wirtschaftssystem die Arbeitnehmenden völlig vereinnahmen.

Tatsächlich belegen wissenschaftliche Studien, dass gerade Pflanzen sich positiv auf Wohlbefinden und Produktivität am Arbeitsplatz auswirken. Es geht um Freiraum statt Beobachtung, die enge Büro-Zelle hat ausgedient. Gleichzeitig legt der „Best Workspaces“-Wettbewerb nahe, dass für ein Raumkonzept mit Wohlfühlfaktor mehr notwendig ist als ein Tischkicker auf dem Büroflur.

Manche Fragen kann natürlich auch das beste Raumkonzept nicht beantworten: Was bringen dem Arbeitnehmer viele schöne Pflanzen im Büro, wenn einem der Leistungsdruck im Nacken sitzt? Hängt einem nicht auch der schönste Arbeitsplatz irgendwann zum Hals heraus, wenn man dort ständig Überstunden schiebt? Fängt ein innovatives Raumkonzept eine toxische Unternehmenskultur auf? Auch ohne Antwort darauf: Inspirieren kann der „Best Workspaces“-Wettbewerb mit dem dazugehörigen Bildband allemal.

Das Buch

Best Workspaces
Arbeitswelten neu gedacht. Das Jahrbuch des Wettbewerbs 2024 umfasst auf 352 Seiten alle ausgezeichneten Büroprojekte. Neben Gebäudeporträts sind Interviews und Kurzporträts enthalten. Der von Alexander Gutzmer und Andreas K. Vetter herausgegebene Bildband ist im Callwey Verlag erschienen kostet 98 Euro.