Buchtipp: Benno Gammerl: „Anders fühlen“ Eine Geschichte der Homosexualität in Deutschland

Zwei Männer stehen 2017 bei einer Veranstaltung für die Ehe für alle vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Mit einer historischen Entscheidung hatte der Bundestag zuvor mit Ja zur Ehe für alle gestimmt. Foto: dpa/Michael Kappeler

Benno Gammerl erkundet in seinem Buch „Anders Fühlen“ die Emotionsgeschichte der Homosexualität in Westdeutschland – mit einigen Einsichten für die Identitätsdebatte.

Stuttgart - Wie findet man heraus, wie Menschen früher gefühlt haben? Das ist für Historiker eine knifflige Frage. Sie können schriftliche Quellen analysieren. Dabei entgehen ihnen aber Erkenntnisse über die Gefühlswelt einfacher Menschen, die wenig Schriftliches hinterlassen haben oder des Schreibens unkundig waren. Sie können, zumindest wenn es um Zeitgeschichte geht, die Lebenden befragen. Deren Gefühle von damals sind aber Erinnerungen, überlagert von den Erfahrungen und Reflexionen späterer Jahre.

 

Trotz dieser Schwierigkeiten ist Emotionsgeschichte ein Trend unter Historikern. Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung besteht dazu seit 2008 sogar ein eigener Forschungsbereich. Dort war Benno Gammerl fast zehn Jahre lang tätig. Inzwischen ist er Professor für Geschlechterforschung und Sexualität am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Seine beiden Forschungsschwerpunkte hat Gammerl nun in einem populärwissenschaftlichen Buch zusammengefasst: einer Emotionsgeschichte schwulen und lesbischen Lebens in der Bundesrepublik.

Aus dem Dunkeln ans Licht

Diese Geschichte werde gemeinhin, so Gammerl, in einem einfachen Narrativ – der inzwischen überdehnte Terminus kann auch hier nicht ausbleiben – zusammengefasst: aus dem Dunkeln ans Licht. In den 1950er Jahren versteckten männerbegehrende Männer und frauenbegehrende Frauen (der Autor verweigert sich weitgehend dem Begriff Homosexualität) ihre Neigungen so weit wie möglich. Kein Wunder, denn schwulen Männer drohte eine Verurteilung nach dem Paragrafen 175. So trafen sie sich verhuscht in ebenso schummrigen wie plüschigen Bars, in die man nur nach Klingeln und Gesichtskontrolle eingelassen wurde. Und auch dort waren sie Gefahren ausgesetzt, zum Beispiel der Erpressung. Wer auf dem Land lebte, flüchtete in die Großstadt für ein kurzes Sexabenteuer auf einer Klappe, einer öffentlichen Toilette. Aber selbst in den Metropolen musste man sein Lieben und Begehren im Untergrund ausleben. Lesbische Frauen hatten es etwas leichter. Sie konnten ihre Beziehung als harmlose Frauenfreundschaft tarnen.

Die Wirklichkeit war vielschichtiger als es der Autor aufzeigt

Dann kam die sexuelle Revolution der 1970er Jahre mit Gay Pride, schwuler Emanzipation und Frauenbewegung. Das Leben wurde plötzlich bunt und frei. Ein Einbruch noch für die Schwulen durch den Ausbruch von Aids in den 80er Jahren. Danach folgte bis heute eine wachsende allgemeine Akzeptanz, eine fast schon spießige Normalität bis hin zur Ehe für alle.

Dieses Narrativ ist nicht falsch. Das zeigen die vielen von Gammerl geführten Interviews mit Zeitzeugen unterschiedlichen Alters, die der Autor in einer geschickten Collage mit analytischen Passagen und schriftlichen Quellen aus der Zeit zusammengefügt hat. Allerdings war die Wirklichkeit – wie stets – vielschichtiger. Nicht alle Schwulen und Lesben haben sich in den frühen Jahren der Bundesrepublik versteckt. Manche versuchten durch beharrliche Aufklärung die Heterosexuellen von der „Normalität“ ihres Begehrens zu überzeugen. Viele empfanden einen gewissen Reiz an den vielfältigen Codes, den subtilen Zeichen, die man erlernen musste, wollte man Gleichfühlende erkennen.

In den 60er und 70er Jahren wiederum waren nicht alle Aktivisten, die schwule Happenings oder Lesben-Workshops veranstalteten. Nicht wenige standen, mehr oder weniger wohlwollend, am Rande. Und selbst manche Aktivisten verschwiegen ihre Neigung am Arbeitsplatz oder vor den Eltern. Mann oder Frau, alt oder jung, Akademiker oder Arbeiter, Stadt oder Land, extrovertiert oder introvertiert – all das spielte für das schwule und lesbische Leben des Einzelnen in allen Phasen der letzten sieben Jahrzehnte eine wichtige Rolle.

Alle Zeitzeugen sind Teil einer diskriminierten Minderheit

Benno Gammerls Buch ist von Neugier auf die Vielfalt und Widersprüchlichkeit menschlichen Empfindens ebenso geprägt wie vom analytischen Blick des quellenkritischen Historikers. Mehrfach tritt der Autor aus seiner Rolle als Wissenschaftler heraus und reflektiert, wie sein eigenes Schwulsein auf die Zeitzeugen wirkt. Man kann daher das Buch auch im Licht der grassierenden Debatte über linke Identitätspolitik lesen.

Alle Zeitzeugen sind ohne Zweifel Teil einer diskriminierten Minderheit. Aber ihre Emotionen und Identitäten sind nie eindeutig. Einige davon hängen mit ihrer sexuellen Identität zusammen, andere sind universell. Nur wenn man dies versteht, darf man darauf hoffen, dass auch Heterosexuelle dieses Buch mit Gewinn lesen.

Buchinfo

Benno Gammerl: Anders fühlen. Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte. Hanser, München. 416 Seiten. 25 Euro.

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