Buchtipp: Christoph Ransmayr, „Der Fallmeister“ Die Welt versinkt

Vision uns Wirklichkeit fließen in Christoph Ransmayrs neuem Roman ineinander. Foto: imago images / Westend61/Martin Siepmann

Das fossile Zeitalter ist vorbei, was kommt, steht im Zeichen des Wassers. Davon erzählt Christoph Ransmayrs rauschender Endzeitroman „Der Fallmeister“.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Alles fließt. Seit die Polkappen rasant dahinschmelzen, steigt die Flut. Und wer künftig nach Ausdruck ringt angesichts einer Welt, der das Wasser bis zum Hals steht, wird an dem neuen Roman von Christoph Ransmayr nicht vorbeikommen. Hier gischten und schwallen brodelnde Kehrwasserwirbel, das Donnern des großen Falls schluckt jeden anderen Laut, und zwischen sonnenhellen Räumen und dem tosenden Hintergrundrauschen schlägt die Sprache einen Bogen, der in allen Farben schillert.

 

„Der Fallmeister“ ist die Geschichte eines Hydrotechnikers, von ihm selbst erzählt. Sie spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die großen Staatengebilde der alten Weltordnung in kleinste miteinander verfeindete Clans, Stämme und Zwergenreiche zersplittert sind. Während der Meeresspiegel steigt, ganze Inselgruppen versinken, hat die industrielle und zivilisatorische Verseuchung zu einer dramatischen Verknappung des Wassers geführt. Kriege toben um den kostbaren Rohstoff. Statt der Ölkonsortien des fossilen Zeitalters bildet ein Kontinente überspannendes Netz von Wassersyndikaten die einzig übrig gebliebene Ordnung von globaler Gültigkeit, aus der eine neue Aristokratie hervorgeht.

Und doch begnügt sich der Roman nicht damit, eine düstere Zukunft effektvoll auszumalen. So beklemmend wahrscheinlich sich manche Details dieses apokalyptischen Zeit-Aquarells ausnehmen, sein Horizont öffnet sich mehr auf die Gestade einer visionären Einbildungskraft als auf den dystopischen Realismus einer von Klimawandel und gärendem Nationalismus angetriebenen Zivilisationskritik. Es ist vielmehr die Zeit als solche, auf die hier alles unaufhaltsam zuläuft, jener gewaltige Strom des Vergehens, der alles mit sich reißt, Kulturen begründet und wieder auflöst.

Besessen von der Vergangenheit

In Ransmayrs letztem Roman „Cox“ gab der Kaiser von China bei einem englischen Uhrmacher die Konstruktion einer Ewigkeitsuhr in Auftrag, aus der sich die Vergänglichkeit befreien würde wie ein Insekt aus seinem Kokon. Auch der „Fallmeister“ erzählt von einer Rebellion gegen das Unabwendbare, vom frevelhaften Versuch, den Zeitfluss umzukehren, um etwas Überlebtes wieder herzustellen.

Der Vater des Hydrotechnikers übt in einer jener Duodez-Grafschaften, in die Europa zerfallen ist, das Amt eines Schleusen- und Museumswärters am Weißen Fluss, der, als er noch auf seinem Weg ins Schwarze Meer von unzähligen Brücken überspannt war, einmal Donau hieß. Aus jener Zeit ragen nur noch rostgebräunte und unter Moospelzen zerfallene Reste „wie die Gespenster einer in Schande untergegangenen Welt“ herein. Der Fallmeister ist besessen von der Vergangenheit, und wie der Sohn vermutet, hängt damit ein Unglück zusammen, das fünf Menschen das Leben gekostet hat. In einer Machtanwandlung, über Tod und Leben gebieten zu können, soll er die Schleusentore geöffnet und ein vollbesetztes Langboot dem Untergang in tobendem Wildwasser überantwortet haben. Ein Jahr später ist er auf demselben Weg verschollen.

Fluides Geschehen

Zusammen mit seiner an der Glasknochenkrankheit leidenden filigranen Schwester wächst der Erzähler in einem Zwischenreich auf, in dem Wasserlegenden mit einer totalitären Wirklichkeit verschwimmen. Aber am besten versucht man erst gar nicht, das Geschehen auf den festen Boden einer zwingenden Handlungslogik zu ziehen, sondern überlässt sich dem von unterirdischen Wirbeln durchzogenen Strom des Erzählens. Er führt von den paradiesischen Anfängen im mesopotamischen Schwemmland, über diverse Sündenfälle in das Quellgebiet menschlicher Schuldverstrickungen. In manchen flacheren Gebieten sonnen sich wie Zierfische seltene Wörter. Aber so eigenwillig die Geschichte durch Vergangenheit und Zukunft, Mythen und Religionen mäandert, so beunruhigend spiegelt sich an der Oberfläche die Ahnung eines Wiedererkennens: als wären es wir, die hier unaufhaltsam auf die Katastrophe des Versinkens der Welt zutrieben. Doch sobald man etwas zu greifen sucht, ist es auch schon wieder zerflossen.

Für das fluide Geschehen konstruiert Ransmayr beeindruckende sprachliche Bollwerke, die über ein kunstvolles System von Haupt und Nebensätzen die messerscharf beobachteten Einzelheiten in die Sphäre einer sich dahinter öffnenden parabelhaften Bedeutung schleusen. Das klingt zuweilen, als würde der Roman selbst anknüpfen wollen an eine vergangene literarische Herrlichkeit und sich damit gegen das Gesetz vergehen, aus dem hier alles Unheil entspringt: Dass man den Lauf der Zeit nicht umkehren kann, „um zu Asche zerfallene Glorie neu zu entflammen.“

Europa zersplittert

Der ungestüme Versuch des Erzählers, ein frühes inzestuöses Glück wiederherzustellen, bricht der Schwester das Genick – Glasknochen. So wie unter dem Ansturm nationalistischer Eiferer Europa in tausend Splitter zerspringt, die am Ende der Geschichte ein Mittelalter souveräner Stadtstaaten parodieren.

Es ist eine böse funkelnde Welt, in der Kinder Hornissen im Flug zerschneiden und selbst die Vögel Hassgesänge anstimmen, eine Welt ethnischer Säuberungen, in der Mütter in ihre verseuchten, ausgedörrten Herkunftsorte deportiert werden und Väter töten. Man würde sie für ein rauschendes Hirngespinst halten, doch der Strom des Erzählens reißt alles mit sich. Alles fließt – und wir mitten darin.

Christoph Ransmayr: Der Fallmeister. S. Fischer Verlag. 224 Seiten, 22 Euro.

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