Buchtipp: Claudia Durastanti, „Die Fremde“ Auf Du und Du mit der Stille

Claudia Durastanti wurde in Brooklyn geboren, wuchs in Süditalien auf und lebt heute in London. Foto: Lucas Agutoli
Claudia Durastanti wurde in Brooklyn geboren, wuchs in Süditalien auf und lebt heute in London. Foto: Lucas Agutoli

Die italienische Autorin Claudia Durastanti hat der Taubheit ihrer Eltern einen bemerkenswerten Roman abgewonnen.

Kultur: Stefan Kister (kir)
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Stuttgart - Kennengelernt haben sich die Eltern, als sie sich gegenseitig das Leben gerettet haben. Die Mutter hat den Vater von einem selbstmörderischen Sprung in den Tiber zurückgehalten, er hat sie kurz darauf vor einem Überfall bewahrt. Daraus hätte nun eine große melodramatische Liebesgeschichte entstehen können. Doch was die beiden verbindet, ist Tieferes als Liebe. Es ist die gemeinsame Taubheit: „Sie sprachen die gleiche Sprache aus Röcheln und zu laut ausgestoßenen Worten.“ Auch dafür hätte ein gängiges literarisches Muster bereitgestanden: das empathische Ausleuchten der großen Stille, in der sich die Eltern eingerichtet haben. Claudia Durastantis Roman „Die Fremde“ vermeidet das eine wie das andere. Und auch die dritte Eingemeindung in das gegenwärtig stets wachsende Massiv autofiktionaler Familiengeschichten führt nicht wirklich weiter. Aber vielleicht ist es gerade diese Distanz zu allem Vorgezeichneten, in der sich umso eindrucksvoller entfaltet, was der Titel verspricht: eine Demonstration des Nicht-Dazugehörens und der damit verbundenen schmerzlichen Freiheit, eine Geschichte der Fremdheit und ihrer Vergesellschaftung mit dem Seltsamen, Merkwürdigen und Komischen.

Vibrationen in der Luft

Die Menschen, denen man hier begegnet, haben nichts Anschmiegsames, sie nomadisieren hin und her zwischen dem Subproletariat einer süditalienischen Armutsregion und den Auswanderergettos im New Yorker Stadtteil Brooklyn, sie machen keine Tellerwäscherkarrieren, haben schlechte Zähne und ein unmanierliches Lachen, sie nehmen Drogen und schubsen auf der Straße Passanten, ohne sich umzudrehen oder um Entschuldigung zu bitten. Und in der Weise, in der Durastanti von ihnen erzählt, kollidieren Erinnerungen und Erlebnisse mit reflexiver Ausschweifung und essayistischer Nüchternheit.

Je „vulgärer und absichtlich widerwärtig“ die gegen ihre Beeinträchtigung rebellierenden Outcast-Eltern sprachen, desto genauer drückten die Kinder sich aus, „weil wir überzeugt waren, in der Wortwahl korrekt zu sein, würde bedeuten, auch im Leben korrekt zu sein, endlich befreit von ihren Eigentümlichkeiten“. Die Eltern misstrauen der Sprache außerhalb ihres buchstäblichen Gebrauchs, aus Angst, die Menschen könnten sich hinter ihrem Rücken zu heimlichen Bedeutungen verschwören. Während sie stattdessen feinste Schwankungen und Vibrationen in der Luft wahrnehmen, versucht die Tochter, durch Schreiben Ordnung in eine Welt zu bringen, in der alles durcheinanderläuft: Armut und Weltläufigkeit, Aberglaube und Rationalität, Brooklyn und die Basilicata, die Leidenschaft der Mutter für Musiksendungen und ihre leicht verzögerte Synchronisation durch Untertitel.

Spröde Schönheit

Mit wissenschaftlicher Akribie systematisiert Claudia Durastanti das Chaos, das diese Familiengeschichte aus sich entlassen hat, unter Begriffe: Familie, Reisen, Gesundheit, Arbeit und Geld, Liebe. „Du isst wie eine arme Frau“, bekommt die Icherzählerin von ihrem Professor einmal gesagt. Doch zu den feinen Unterschieden, die sie durch das Leben trägt, gehört eben auch, zu Tode gelangweilt zu sein, wenn ihr das aufgeklärte Bürgertum gönnerhaft auf die Schultern klopft, voller Bewunderung, was sie trotz ihrer Dickens-Kindheit aus sich gemacht habe. Und so wird aus dieser Fremden eben nicht die Verfasserin einer soziologischen Studie, sondern eine Autorin, die die Stille, die sie von ihren Eltern abschnürt, überschreibt.

Ihr Roman, der für den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, nominiert war, wirft sich niemandem an den Hals. Er ist von einer spröden Schönheit und selbstbewussten Eigenart. Aber es gibt eine Macht, die den Bann von Familie, wirtschaftlichen und geografischen Bedingungen bricht. Die, der das Abseitsstehen zur Grunderfahrung wurde, macht die Entdeckung, dass die Liebe von dieser ursprünglichen Fremdheit lebt, die ihr zum Wesen wurde, „diesem zwischen Liebenden kristallisierten Ungesagten“. Das ist kein Happy End, aber das wäre von einem Roman, der das eigene Leben zum Gegenstand hat, vielleicht auch zu viel verlangt.

Claudia Durastanti: Die Fremde. Roman. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Zsolnay Verlag. 304 Seiten, 24 Euro.




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