Buchtipp: Clemens J. Setz, „Monde vor der Landung“ Innenwelt eines Querdenkers

Wie es im Inneren der Erde aussieht, hat die Fantasie schon manchen Autors beflügelt. Clemens J. Setz führt in eine Zeit, in der seltsame Propheten und falsche Priester wie Pilze aus dem Boden schießen. Foto: IMAGO/imagebroker/IMAGO/imageBROKER/alimdi / Arterra

Clemens J. Setz erzählt von den spirituellen Höhenflügen und Abstürzen eines hochbegabten Wirrkopfes, der glaubt, nicht auf, sondern in der Erde zu leben. Klingt fantastisch, ist aber wahr und auf eigentümliche Weise aktuell.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Könnte es sein, dass wir gar nicht auf der Erde leben, sondern in ihrem Inneren? Dass die Welt eine Hohlkugel ist, in deren Mitte Sonne, Mond und alle Planeten kreisen? Noch heute soll es Anhänger dieser seltsamen Theorie geben. Stoff für Romane ist sie allemal, auch wenn die Freude an fantastischen Querständen zu verbrieften Denk- und Wissensformationen mittlerweile etwas in Verruf geraten ist. Es sei denn, jemand wie Clemens J. Setz nimmt sich ihrer an.

 

In der literarischen Wunderkammer dieses Autors finden die Abweichenden, Deliranten oder Ausgemusterten dieser Welt Obdach. Umweht von renitenter Tragik und hoffnungsloser Heiterkeit gewinnen ihre eigenwilligen Vorstöße eine poetische Folgerichtigkeit, die sich in gelenkigem Aberwitz hinwegsetzt über die flache Vernünftigkeit herrschender Übereinkünfte. Etwa der beliebten kopernikanischen Vorstellung, wir würden allen Ernstes an der Oberfläche einer um die Sonne kreisenden Kugel kleben.

Höhenflüge und Abstürze

Wie es sich wirklich verhält, wurde dem königlich preußischen Fliegerleutnant und Schriftsteller Peter Bender zum ersten Mal bei einem Aufklärungsflug im ersten Weltkrieg bewusst, als er in einen unheimlichen Windkorridor geriet. Klar, so muss es sein: Wir leben in Wirklichkeit im Inneren eines Hohlglobus’ auf der konkaven Innenfläche der Erdschale. Dass es sich so verhält, hat der amerikanische Arzt und Religionsstifter Cyrus Teed schließlich zweifelsfrei bewiesen. Und Bender nimmt für sich in Anspruch, der deutsche Zweit- oder Drittentdecker dieser Weisheit zu sein, genau kann man es nicht sagen.

Wir befinden uns in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts und im neuen Roman „Monde vor der Landung“ von Clemens J. Setz, der von den spirituellen Höhenflügen und Abstürzen Peter Benders handelt. So versponnen sein Wirken, so wahr ist seine Geschichte; und bei dem österreichischen Büchnerpreisträger vielleicht noch etwas wahrer. Denn er erzählt sie nicht von außen, sondern von innen – wie sonst sollte man verstehen, was in einem Hohlweltbewohner vorgeht.

Ehe im Quadrat

Und das ist einiges. Im vom ersten Weltkrieg malträtierten Kopf Benders kreisen zeittypische Geistesblitze wie kleine Monde umeinander: Priestertum und freie Liebe, Emanzipatorisches und Esoterisches, Visionäres und Verblendetes. Es ist die Zeit, in der neue Propheten, Lebensreformer und Führerfiguren wie Pilze aus dem Boden sprießen, mag er nun im Äußeren oder Inneren der Erde liegen. In München putscht ein anderer Weltkriegsteilnehmer gegen die Räterepublik, Bender fühlt sich mit ihm antipodisch verstrickt.

In einem Lazarett lernt er seine Frau Charlotte kennen, eine polnische Jüdin. Mit ihr bildet er das Priesterpaar einer neuen Menschheitsgemeinde. Denn natürlich geht ein so grundlegend umgestülptes Weltbild mit einer eigenen Sozialethik einher. Zum Beispiel der Ehequadrat-Theorie, einer Form des fortgeschrittenen Konkubinats, die der charismatisch-charmante Scharlatan in einem Theaterstück über die „Doppelehe des Landgrafs von Hessen“ erläutert. Und in Skizzen, die parallel zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung Hakenkreuzen immer ähnlicher werden.

Astrologen in Stuttgart

Der Kreis der Eingeweihten wächst, wenn auch in bescheidenem Rahmen, dank der Missionsarbeit, die Bender in muffigen Gasthöfen leistet, die den Eindruck erwecken, „als täte es dem Raum gut, sich einmal kräftig zu räuspern.“ Mit animistischer Inspiration folgt Setz der dokumentierten Gratwanderung dieses Universalfantasten durch die Hohlerde, zwischen Nervenheilanstalt und Gefängnis. Doch so einnehmende Point-of-View-Einstellungen er aus dem Inneren eines Wirrkopfs sendet, auf Dauer wären sie nicht gegen eine ermüdende Abweichungskulinarik gefeit. Aber dann beginnen die tausend Jahre.

Bei einem Astrologenkongress 1933 in Stuttgart, „die Stadt war ihm nie geheuer gewesen“, kommen sie alle zusammen: Anthroposophen, die das Uranus-Problem erörtern, Vertreter für Radiumöfen, die die Versorgung mit Heilstrahlung versprechen, Anhänger der Welteislehre, die der Reichsführer-SS Heinrich Himmler wenig später offiziell in den Bestand des dauerhaften deutschen Ahnenerbes aufnehmen wird. Beim Weg an den Bahnhof brummt Bender der Schädel, als wären einige deutsche Wörter in seinen Gesprächspartnern verrückt geworden.

Und hier gewinnt der Roman eine Vielansichtigkeit, die über die Weltbild-Freakshow hinausführt. Ein Wahnsystem entwickelt sich gegen das andere, der Nationalsozialismus gegen die Hohlwelttheorie. Plötzlich haben Spinner die Macht ergriffen. Und alle folgen ihnen. Für Bender und seine jüdische Frau, die ihr klandestines Priestertum mit Sprachunterricht subventionieren, werden die Räume immer enger. Kurz vor seiner Verhaftung wirft er seinen Hohlweltglobus quer durch das Zimmer. Das Paar wird im KZ ermordet.

Clemens J. Setz errichtet ihnen ein einfühlsames Denkmal. Zu seiner Vergegenwärtigungskraft gehört auch ein Aspekt, in dem sich Gegnerschaft und Komplizentum unfreiwillig verschränken: Mag sich Benders Heilslehre, die auch Führerkult und Übermenschentum kennt, antipodisch zum Nationalsozialismus verhalten, so ist sie doch Teil des umfassend hohltönenden Kosmos alternativer Wahrheiten. Umso ratloser blickt man von hier aus auf heutige Querdenker, die sich Judensterne anheften.

Clemens J. Setz: Monde vor der Landung. Roman. Suhrkamp Verlag. 528 Seiten, 26 Euro.

Info

Autor
Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik und Germanistik studierte. Er ist Obertonsänger, Übersetzer und einer der wichtigsten Autoren der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Er lebt in Wien.

Werk
2011 wurde er für seinen Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein Roman „Indigo“ stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012. Für seinen Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ erhielt Setz den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. 2021 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.

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