Buchtipp: Cristina Henríquez, „Der große Riss“ Dunkle Wolken über Panama

Der Panamakanal um 1925. Foto: imago/United Archives/imago stock&people

Cristina Henríquez erzählt in ihrem Roman „Der große Riss“ vom Bau des Panama-Kanals: ein Wunder der Ingenieurskunst und eine große Wunde, die in diesen Tage wieder aufzubrechen droht.

Kultur: Stefan Kister (kir)

In dem aktuellen Nachrichtengewitter kann es sich lohnen, einen Schritt zurückzutreten, zu einem Buch zu greifen und auf die kursierenden Reizthemen aus einer anderen Perspektive zu blicken. Ein solches könnte der Roman „Der große Riss“ von Cristina Henríquez sein. Schon lange bevor sich ein amerikanischer Präsident anheischig gemacht hat, das Rad der Geschichte in eine Zeit zurückzudrehen, in der eine Großmacht sich nach Belieben einverleiben konnte, wonach ihr der Sinn stand, hat sich die Autorin mit dem Bau des Panama-Kanals beschäftigt.

 
Cristina Henríquez Foto: © Brian McConkey Photography

In wundersamer Koinzidenz fällt ihr Blick in die geschichtlichen Tiefen eines titanischen Werks mit den neuen Tönen aus Washington zusammen, die bisher gültige Verbindungen gerade einzureißen drohen. Als fiktionaler Subtext zu aktuellen Entwicklungen erlaubt der Roman mitzulesen, was in dem imperialen Gepolter untergeht. Der Durchstich durch die mittelamerikanische Landenge, der zwei Ozeane zusammenbringt und einen Wasserweg zwischen der Ost- und Westküste der USA eröffnet, wird im literarischen Feld zur Großmetapher.

Unter Glücksrittern des Fortschritts

Der titelgebende Riss zieht sich von Anfang an durch das gewaltige Verbindungsprojekt als eine tiefgreifende Spur der Ambivalenz. Er trennt Jahrhunderte alte Kulturen von dem euphorischen Rumoren, mit dem die aus dem Norden einfallenden Glücksritter des Fortschritts die Welt umgraben. Er markiert die Grenzen zwischen Reich und Arm, Schwarz und Weiß, Mann und Frau, zwischen Herrschaft und Knechtschaft. In ihm versinken Lebensräume und -träume. Und um ein Haar wäre darin auch die Liebe des Fischers Francisco zu seinem Sohn Omar verschwunden. Während es den Vater Jahr und Tag allein aufs Meer zieht, sucht der Sohn sein Glück auf der dröhnenden Baustelle des Kanals.

La Boca, wie Francisco den künstlichen Schlund nennt, der sein traditionelles Leben zu verschlingen droht, ist zugleich ein Anziehungspunkt für Menschen unterschiedlichster Interessen und Herkunft. Der amerikanische Epidemiologe John Oswald versucht die grassierende Malaria zu bekämpfen, während seiner Frau mehr als Moskitos die Liebesunfähigkeit ihres Mannes und das Korsett starrer Rollen den Atem rauben. Die zu ihrer Pflege eingestellte junge Ada hat sich heimlich aus Barbados aufgemacht, um in Panama Geld zu verdienen, mit dem sie den ärztlichen Eingriff ihrer in der Heimat vom Tod bedrohten Schwester bezahlen könnte. Ein sadistischer Vorarbeiter lässt die ihm Unterstellten sich in der Goldgrube ihrer Hoffnungen zu Tode schuften. Und eine Gruppe Einheimischer versucht sich gegen den Ausverkauf ihres angestammten Lebensraumes zu wehren. Zu alldem regnet es in Strömen.

Rassistische Enklave

Die USA hatten sich ihre Unterstützung der Unabhängigkeit Panamas von Kolumbien mit dem Recht bezahlen lassen, den Kanal graben und verwalten zu dürfen. Nun soll all das, was sich die Leute aufgebaut haben, geflutet werden. „Sie sagen, dass ihr Vorhaben Dinge wie Fortschritt und Zivilisation und Modernität hierherbringen wird“, sagt einer der Aufrührer auf verlorenem Posten: „Als ob die Werkzeuge, die wir geschaffen haben, die Gebäude, die wir errichtet haben, das Land, das wir kultiviert haben, die Gesellschaft, die wir organisiert haben, aus irgendeinem Grund weder Fortschritt noch Zivilisation oder Modernität sind, und damit nichts zu tun haben.“

Zehn Millionen Dollar plus 250 000 Dollar pro Jahr haben die Heilsbringer der Zivilisation für die Rechte und die Hoheit über ein Gebiet gezahlt, das die Länge des Kanals und eine Breite von sechs Meilen umfasst. Eine amerikanische Enklave mitten durch Panama, mit Geschäften, in denen jemand mit Adas Hautfarbe nicht einkaufen darf. Die Amerikaner haben das technische Wunder vollbracht, aber Tausende von Omars Kollegen bezahlten dafür mit ihrem Leben. Sie und viele mutige Frauen wie die junge Abenteuerin aus Barbados, deren Beitrag die offizielle Geschichte notorisch unterschlägt, treten hier aus dem Schatten des kolossalen Risses hervor, der das Land zerschneidet.

Die intendierte Vielstimmigkeit könnte Gefahr laufen, immer nur das Echo zeitgemäßer Einstellungen und Positionen zurückzuwerfen. Doch Cristina Henríquez, deren Vorfahren aus Panama in die USA eingewandert sind, missbraucht ihre Figuren nicht als Sprachrohr. Weder versinken sie in der Kolportage eines prallen historischen Bilderbogens, noch schweben sie als blutleere Funktionsträger eines Lehrstücks über den Dingen. Alle haben das gleiche Recht auf Tragik, Verstocktheit, Stolz, Eigensinn und dunkle Geheimnisse – über ethnische und koloniale Grenzen hinweg.

Am 31. Dezember 1999 wurde der Kanal an Panama zurückgegeben. Das bewundernswerte Schleusenwerk funktioniert nach dem Prinzip kommunizierender Röhren, durch den Ausgleich von Druckverhältnissen werden die Schiffe auf das Niveau des künstlich aufgestauten Gatúnsee gehoben. Das Pendant in der Physik eines Romans ist poetische Gerechtigkeit. Sie bewirkt, dass die in der Zeit aufgestauten Einseitigkeiten einen Ausgleich finden, der die Lesenden auf eine Höhe hievt, von der aus manches deutlicher wird. Als Francisco nach seinem Sohn sucht, erscheint die Baustelle ihm wie eine riesige offene Wunde, die niemals heilen würde. Wie es scheint, könnte sie bald wieder aufbrechen.

Cristina Henríquez: Der große Riss. Roman. Aus dem englischen von Maximilian Murmann. Hanser Verlag. 416 Seiten, 26 Euro.

Info

Autorin
Cristina Henríquez wurde in Delaware geboren. Ihre Famile stammt aus Panama. Ihr Roman „The Book of Unknown Americans“ wurde 2014 von der „New York Times“ als eines der Bücher des Jahres ausgewählt. Es erschienen außerdem der Roman „The World in Half“ und der Erzählband „Come Together, Fall Apart: A Novella and Stories“. Sie schreibt regelmäßig Beiträge unter anderem für den „New Yorker“, die „New York Times“ und das „Wall Street Journal“. Cristina Henríquez lebt in Illinois.

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