Im Schatten des Elfenbeinturms: Raphaela Edelbauer Foto: Apollonia Bitzan/Verlag
Die Lüge triumphiert, der Populismus gärt – und in Raphaela Edelbauers Roman „Die echtere Wirklichkeit“ kämpfen intellektuelle Guerilleros gegen das postfaktische Zeitalter.
Was hat Philosophie mit dem wirklichen Leben zu tun? Mehr als man denkt. Im Guten wie im Schlechten. Irgendwann ist die absolute Wahrheit in Verruf geraten. Nun hat man das Schlammassel. Jeder zieht sich auf das zurück, was ihm gerade passt. Verschwörungstheorien, Desinformation und Lügen gedeihen, der Populismus blüht. Und auch wenn ein Donald Trump vermutlich nie auch nur eine Zeile Michel Foucault gelesen hat, ist die medial eingesickerte vulgäre Schwundform eines Denkens, das den Wahrheitsbegriff in Machtstrukturen und Kulturtechniken aufgelöst hat, mitverantwortlich für das herrschende Desaster.
Davon sind zumindest die Mitglieder der philosophischen Aktivistengruppe Aletheia überzeugt, die in Raphaela Edelbauers Roman „Die echtere Wirklichkeit“ alles daransetzen, der Wahrheit wieder ihr angestammtes Recht zu verschaffen. Zur Not auch mit Gewalt.
Bei diesem Antiterroreinsatz in Wien wird nur geübt. Den Aktivisten in Raphaela Edelbauers Roman ist es ernst. Foto: imago/Eibner Europa
Soviel lässt sich schon an dieser Stelle sagen: der Schatten des Elfenbeinturms fällt hier auf Fragen, die unter den Nägeln brennen. Wie man es schon von früheren Werken der österreichischen Autorin kennt, verbindet der Roman intellektuelle Flughöhe mit einer robusten erzählerischen Praxis. Die schöngeistigen Aktivisten haben ein Manifest verfasst, dessen einzelne Paragrafen sich durch den Roman ziehen. Und was sie diagnostizieren, klingt durchaus vernünftig: die Geburt des postfaktischen Zeitalters aus dem Geist des modernen Skeptizismus.
Einschlägige Kenntnisse explosiver Natur
Doch bevor man verfolgt, was die Theorie-Guerilla dem entgegensetzen will, seien die Handelnden kurz vorgestellt: Das Oberhaupt der Denkerzelle bildet ein gescheiterter Philosophiedozent, dessen Hoffnung auf eine feste Stelle im akademischen Haifischbecken solange unerfüllt blieb, bis er dafür zu alt war. Die „Chirurgin“ wiederum hat in allen möglichen Widerstandsbewegungen einschlägige Kenntnisse explosiver Natur erlangt. Zum inneren Kreis gehören noch die abtrünnige Erbin eines Immobilienimperiums und ein irrlichternder Student, angezogen zunächst wohl eher vom Angebot kostenlosen Wohnens im besetzten Wiener Haus der Gruppe als dem damit verbundenen Lektürekreis.
Nachdem sie aus einer Einrichtung für betreutes Wohnen geflogen ist, stößt die querschnittsgelähmte junge Frau mit dem Kampfnamen Byproxy zu dem Quartett. Sie ist die Erzählerin des Ganzen, treibt aber womöglich ihr eigenes Spiel. Zunächst im wörtlichen Sinn: Byproxy programmiert ein Computerspiel, dessen Idee darauf beruht, von einem bestimmten Ereignis auf die Umstände zurückzudenken, die es bedingen. Think Backwards – auf ähnliche Weise erfährt man auch von der gefährlich symbiotischen Beziehung zu einer Jugendfreundin, aus der ein tödlicher Unfall sie hinauskatapultiert hat.
Best of der Philosophiegeschichte
Aber die Kette zwischen Ursache und Wirkung ist nicht so, wie sie ein Laplacescher Dämon voraussetzen würde. Was ist nun das schon wieder? Eines aus einer ganzen Reihe von Denkmodellen, die Edelbauer als eine Art Best of der Philosophiegeschichte Revue passieren lässt. Der erwähnte Dämon veranschaulicht die Vorstellung, dass sich in Kenntnis aller Kräfte und Zusammenhänge, die in einem gegebenen Augenblick wirken, Vergangenheit und Zukunft lückenlos bestimmen lassen. Mit anderen Worten, dass die Welt durch und durch rational eingerichtet ist. Doch genau daran lässt sich zweifeln.
Edelbauer treibt ein spannendes Spiel mit der Wirklichkeit
Die Handlung spielt zu einer Zeit, zu der in Österreich gerade ein Bubenkanzler mit hymnischen Umfragewerten seinen Aufstieg erlebt und „ein ungeheurer Trottel namens Trump“ erstmals die politische Bühne betritt. Die politische Praxis der Aletheia-Aktivisten beginnt mit eher harmlosen Streichen, künstlerischen Aktionen, um die Öffentlichkeit zur Vernunft zu rufen. Ihr Kampf führt in Situationen, in denen sie es mit der Wahrheit selbst nicht mehr so genau nehmen. Und schließlich läuft das in akademischen Askeseübungen Aufgestaute blutig aus dem Ruder – wie bei früheren Widerstandsbewegungen, die noch so lautere Ziele mit Gewalt in die Luft gejagt haben.
Kläglicher als hier ist nie die Idee an der Wirklichkeit gescheitert. Doch nicht das Lehrstück, sondern die Satire wird einer Welt gerecht, in der die Wahrheit zerbröselt. Oder eben das Spiel. Raphaela Edelbauer spielt es virtuos, mal als philosophisches Proseminar, mal als Geheimbundstory, mal als scharfsinniges Pamphlet, mal als rückwärtsgedachte leicht morbide Coming-of-Age-Geschichte. Sie erreicht damit, woran die Wahrheitsterroristen scheitern: die Aufmerksamkeit derer zu gewinnen, die das diffuse Unbehagen über den Zustand der Welt teilen. Es wäre nicht das schlechteste Verhältnis, in das Theorie und Praxis zueinander treten können.
Raphaela Edelbauer: Die echtere Wirklichkeit. Klett-Cotta. 448 Seiten, 28 Euro.
Info
Autor Raphaela Edelbauer, 1990 geboren, studierte Sprachkunst und Philosophie in Wien, wo sie auch lebt. Mit ihrem Werk, in dem sich Literatur mit Philosophie und Naturwissenschaften verbindet, ist sie eine der innovativsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur.
Werk Für „Entdecker. Eine Poetik“ wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Außerdem erhielt sie den Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs, den Theodor-Körner-Preis und den Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung. Ihr Debütroman „Das flüssige Land“ stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman „Die Inkommensurablen“ auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman »DAVE« erhielt sie den Österreichischen Buchpreis.