Was sind Dschinns? Irgendwelche unsichtbaren Kräfte, die im Verborgenen bleiben und eine geheime Macht ausüben. Man redet nicht gerne über sie, was sie nur umso stärker macht. Der Dschinn der einen ist die Lebenslüge der anderen. Die Familie, von der Fatma Aydemir in ihrem neuen Roman erzählt, bietet für das Fortkommen jener unheimlichen Wesenheiten geradezu ideale Bedingungen: Denn hier kämpft man vor allem mit bedeutungsvollen Blicken, statt die Dinge beim Namen zu nennen.
Das Schweigen ist denn auch das bedeutendste Vermächtnis, das Hüseyin seinen Kindern und seiner Frau hinterlässt. Obwohl oder gerade weil er sein Leben lang hart geschuftet hat, seit er Anfang der 70er Jahre aus einem kurdischen Dorf aufgebrochen ist, um in Deutschland Arbeiten zu verrichten, für die sich die Leute dort zu gut waren. Jetzt endlich hätte alles anders werden sollen. Da bricht er in der Istanbuler Wohnung zusammen, in der er nach knapp drei Jahrzehnten Plackerei seinen Lebensabend verbringen wollte, um so viele abgerissene Fäden wieder zusammenzufügen und sich mit seinen Dämonen zu versöhnen. Zu seinem Begräbnis versammeln sich nun die, die das Schweigen auseinandergetrieben hat. Zwei Brüder, zwei Schwestern und die Witwe. Der Geist der Erzählung wirft ein Licht in die dunklen Innenwelten, in denen sie alle mit ihren Dschinns ringen. Sevda, die Älteste, die noch im Dorf der Eltern aufgewachsen ist, der von der Mutter eine Schulbildung vorenthalten wurde und die es in Deutschland trotz des Widerstands der Eltern und eines Totalversagers an ihrer Seite aus eigener Kraft zur Chefin eines Restaurants gebracht hat. Aber um welchen Preis?
Dunkle Innenwelten
Oder ihre Schwester Peri. Als Erste der Familie konnte sie ein Gymnasium besuchen. Nun schreibt sie eine Masterarbeit über Nietzsche, um Antwort auf die quälenden Fragen zu suchen, „die sie Tag und Nacht wie eine unendliche Migräne plagten und in ihren schlaflosen Augäpfeln pochten wie der Timecode einer tickenden Bombe namens Überleben“. Was natürlich etwas umständlich ausgedrückt ist, aber zeigt, mit welchen Gefahren dieser Roman zu kämpfen hat.
Störender als stilistischer Bombast wirkt sich allerdings bisweilen aus, dass der überzeugenden Individualität der Figuren eine Diversitätslast auferlegt wird, als müssten sie außer ihrer eigenen Geschichte noch ein Seminar über Intersektionalität illustrieren, wie man die Überschneidung verschiedener Diskriminierungskriterien in Peris akademischer Welt wohl nennen würde. Ihr kleiner Bruder ist schwul, ein weiteres Geschwister hat das Geschlecht gewechselt. Zum Türkischen kommt das Kurdische, zu Naziübergriffen der selbstbewusste „Kanaken“-Stolz, mit dem der ältere Bruder Hakan die Vorurteile seiner Umwelt hinter sich lässt – am liebsten mit 220 Sachen auf der Autobahn.
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Doch die andere Seite des Akademischen ist die Wirklichkeit. Aus verschiedenen Perspektiven rückt der Roman der 1986 in Karlsruhe geborenen Fatma Aydemir sie in den Blick: zwei Generationen eines von Migration, Anpassung und Widerstand geprägten Lebens. Das viele Unerledigte, das hier verhandelt wird, geht nicht nur Hüseyins Familie an. Deren Schicksale liegen auch im blinden Fleck jener Mehrheitsgesellschaft, die im Buch ganz anders erscheint, als sie sich wohl gerne sehen würde. Dschinns gibt es überall – niemand kann sicher sein, nicht auch von ihnen heimgesucht zu werden.
Fatma Aydemir: Dschinns. Roman. Hanser Verlag, München. 368 Seiten, 24 Euro.
Lesung. An diesem Montag, 19.30 Uhr, stellt Fatma Aydemir „Dschinns“ im Literaturhaus Stuttgart vor.
Info
Autorin
Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren. Sie lebt in Berlin und ist Kolumnistin und Redakteurin bei der taz. 2017 erschien ihr Debüt „Ellbogen“, für das sie den Klaus-Michael-Kühne-Preis und den Franz-Hessel-Preis erhielt. 2019 war sie gemeinsam mit Hengameh Yaghoobifarah Herausgeberin der Anthologie „Eure Heimat ist unser Albtraum“.