Die Schauspielerin Gillian Anderson möchte Frauen ermutigen, offener über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Foto: dtv/Sasha Gusov
Wieder einmal entdeckt jemand das weibliche Begehren. Die Schauspielerin Gillian Anderson lässt in einem Buch 800 Frauen von ihren intimen Wünschen und Sehnsüchten erzählen – erfährt man dabei etwas Neues?
Seit einiger Zeit enthüllen Medien häufig Tabus und identifizieren Stigmata. Tabuzone Vulva, die jetzt von immer mehr Menschen entdeckt wird! Vom weiblichen Begehren berichten dann die Vasco da Gamas der deutschen Feuilletons. Und das klingt natürlich auch irgendwie furchteinflößend interessant: weibliches Begehren. Sieht vor dem inneren Auge aus wie eine große Frauengestalt in wallenden Gewändern, deren Gesicht erstaunlich konturenlos bleibt. Schaut man genauer hin, erblickt man – zumindest als Millennial – die freundliche Miene von Margit Tetz, der brünetten Dr. Sommer-Frau, die Ende der 90er im Fernsehen und in der „Bravo“ davon sprach, dass alles total natürlich und normal sei, was man so fühlt. Und da hatte man schon gleich gar keine Lust mehr.
Wenn man die Begriffe weibliches Begehren furchteinflößend findet, könnte man sich aber auch fragen, warum. Und das ist schnell beantwortet, schließlich sind wir Teil einer Kultur, in der die Frau jahrhundertelang das Objekt der Begierde war, nicht umgekehrt. Sollte sie es wagen, selbst zu wollen und zu begehren, wurde sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder schlicht umgebracht – als Hexe oder Geisteskranke.
Frauen sprechen und diskutieren über Sex, über ihre Lust
All das wirkt in unsere Zeit hinein. Bis vor Kurzem war die Klitoris, das Lustorgan der Frau, in Biologie-Schulbüchern falsch oder unvollständig abgebildet. Jahrzehntelang glaubte die Welt, was der Psychoanalytiker Sigmund Freud über weibliche Lust zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitet hatte – dass sie neurotisch sei, der Körper der Frau eine Mangelversion des männlichen.
Allzu verständlich ist daher nun ein gewisser Aufholwahn. Frauen sprechen und diskutieren über Sex, über ihre Lust. Überall befreit man sich von seinen Stigmata. Ganz frei und wild geht das natürlich nicht vom einen auf den anderen Tag, und so kommt es, dass in einem neuen Buch Frauen eben nur anonym von ihren Sexfantasien berichten. Die Schauspielerin Gillian Anderson hatte sie aufgefordert, ihre Fantasien per Brief einzuschicken. In „want“ sind nun 800 davon abgedruckt. All das ist nicht neu, zumindest hat die US-Autorin Nancy Friday das gleiche schon 1973 in „My Secret Garden: Women’s Sexual Fantasies“ getan.
Man diskutierte wieder öfter darüber: Was bereitet Frauen Lust?
Deshalb könnte man argumentieren, dass nun wirklich mal gut ist. Wie oft wird man noch von tabuisierten Vulven lesen müssen? Vor etwa sechs Jahren begann im Zuge der Metoo-Bewegung auch ein neues Nachdenken darüber, was das weibliche Begehren ausmacht. Nicht nur sind damals die ersten einer langen Reihe von Erklärbüchern, Podcasts und Social-Media-Kanälen entstanden, die sich mit dem weiblichen Körper und seinen Geschlechtsorganen beschäftigten. Auch debattierte man wieder öffentlich darüber, was Frauen Lust bereitet – nicht zuletzt, weil genau diese Frage in der sexuellen Revolution der 60er und 70er Jahre trotz Veröffentlichungen wie der von Nancy Friday unterbelichtet geblieben war.
Die Philosophin Svenja Flaßpöhler plädierte 2018 in ihrer Streitschrift „Die potente Frau“ für eine selbstbewusstere weibliche Sexualität. Die Psychologin Sandra Konrad kam in ihrem Buch „Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will“ zu dem Schluss, dass Frauen im Bett eher darauf bedacht seien, den Wünschen des Partners zu entsprechen, als eigene Ansprüche auszuleben. Es sei zwar im Trend, sich als sexuell befreit und lustvoll zu inszenieren, schrieb Konrad, doch worin genau die sexuelle Selbstbestimmung der Frau liege, sei nach wie vor unklar.
Seit diesen Veröffentlichungen sind einige Jahre vergangen. Jahre, in denen sich der Diskurs nicht auf die Medien beschränkt hat, sondern Veranstaltungen wie Vulven-Abformungskurse oder Kinky Partys offen Sexualität und die damit verbundenen Themen in den Blick rückten und sie einer größeren Öffentlichkeit zuspielten. Filmsets haben heute für Sexszenen sogenannte Intimitätskoordinatorinnen und in der Debatte spielt zunehmend das Schlagwort Consent eine Rolle, also Einvernehmlichkeit. Was die Frau will, ist keine Nebensächlichkeit mehr.
Gillian Anderson in der Serie „Sex Education“ Foto: Imago
Im Gegenteil: Es ist von besonderem Interesse und verkauft sich offenbar gut. Bei jüngeren Leserinnen ist über Booktok in den sozialen Medien sogar ein eigenes Genre der Sex-Literatur entstanden: Smut. In den entsprechenden Büchern finden sich explizite Beschreibungen sexueller Begegnungen, die Tausende von Leserinnen erreichen. Und Frauen gestalten diese sexuellen Räume ganz offensiv und maßgeblich mit. Diese Bücher schreiben fast nur weibliche Autorinnen – die selbstverständlich fantasieren und schreiben können, was sie wollen.
Hat sich also seit Sandra Konrads Essay 2017 was geändert, sind Frauen freier und fordern, was sie wollen? Spiegelt sich das nun, wie man nach all dem erwarten könnte, in den Einsendungen der Frauen für das neue Buch der Schauspielerin Gillian Anderson?
Gillian Anderson kann ihre Beliebtheit für das Buch nutzen
Die 800 Schilderungen, die meist noch mit Angaben zu Alter, Einkommen und Familienstand der Frauen versehen sind, zeigen zumindest, wie unterschiedlich und vielschichtig die Fantasien sind. Häufig, schreiben sie, wollten sie mehr Sex als ihr Partner, sagen können sie ihm das offenbar aber nicht unbedingt. Daher fantasieren sie vor sich hin: „Ich möchte begehrt werden, fleischlich und obszön.“
Und da ist alles dabei: Feministinnen, die einfach hart gevögelt werden wollen, Frauen, die sich vorstellen, einen Penis zu haben, und viel queerer Sex von heterosexuellen Frauen. Studien zum Sexualverhalten verschiedener Altersgruppen zeigen: Weibliche Millennials bezeichnen sich häufiger als bisexuell als ältere Generationen – und gerade bei ihnen ist die heute 56-jährige Gillian Anderson, die frühere „sexiest woman in the world“, sehr populär. Sie kann offenbar ihre Beliebtheit nutzen, um diesem Buch jene große mediale Aufmerksamkeit zuzuführen, die es in diesen Wochen erhalten hat. Denn etwas wirklich Neues erfährt man hier nicht – so traurig das im Grunde doch ist, wo jetzt alle sehr frei sind. Und dann wird vielleicht doch auch wieder klar, weshalb es solche Bücher wie dieses braucht.
„Ich bin jetzt vierzig, mein Sexualtrieb war noch nie so ausgeprägt“
Gewöhnliche Frauen, die nicht zur Speerspitze gesellschaftlichen Wandels zählen, schämen sich offenbar immer noch für das, was sie empfinden und worüber sie fantasieren, das erkennt man in vielen der Einsendungen. Da kann noch so viel in den Feuilletons über weibliches Begehren zu lesen gewesen sein – die Frauen schreiben: „Meinen Freundinnen dürfte ich davon niemals erzählen, sie würden es nicht verstehen.“
Besonders rührend ist, wie sehr dann der eigene Mann nervt, und was die Frauen sich von ihm insgeheim erhoffen. Während Männer vermutlich immer noch glauben, dass Frauen von einem sehr großen Glied fantasieren, beginnen weibliche Sexfantasien hier so: „Er lässt mich jedes mal ausreden und beantwortet auch meine Fragen.“ Oder so: „Er tut mir nicht weh, macht sich nicht über mich lustig, übt keine Kritik an meinem Körper, meinen Geräuschen oder Bewegungen – er tut nichts von dem, was Sex unangenehm und einschüchternd macht.“ Da sich das aber offenbar nicht immer umsetzen lässt, muss sich die Frau anders Abhilfe verschaffen: „Ich bin jetzt vierzig, mein Sexualtrieb war noch nie so ausgeprägt. Nur leider ist es nicht mein Mann, der mich zum Höhepunkt bringt.“
Daher hinterlässt dieses Buch vor allem den Eindruck, dass sowohl Frauen als auch Männer jenseits aller kulturell tradierten Scham, an der sie sich noch abarbeiten, definitiv viel mehr miteinander reden sollten. Erlaubt ist schließlich fast alles. Selbst die verrückteste Fantasie zeigt nur, so schreibt es eine der Frauen im Buch, „wie merkwürdig so ein Gehirn doch tickt“.
Weitere Infos
Person Gillian Anderson, geboren 1968, ist Schauspielerin, Produzentin, Aktivistin und Autorin. Berühmt wurde sie von 1992 an durch die Rolle der Dana Scully in der Fernsehserie „Akte X“. Gillian Anderson spielte zuletzt in der Netflix-Serie „Sex Education“. Sie lebt in London.
Buch Gillian Anderson: want. Sexuelle Fantasien der Frauen im 21. Jahrhundert. dtv, 384 Seiten, 25 Euro. Übersetzt von Kim Köstlin.