Stuttgart - Niemand sollte einen Ich-Erzähler beim Wort nehmen. Die erste Person Singular ist ein Kunstgriff, so kalkuliert und doppelbödig wie alles auf dem Weg der Verwandlung von Wirklichkeit in Literatur. Und doch ist die Versuchung groß, die Erzählungen, die Haruki Murakami unter diesem Titel – „Erste Person Singular“ – versammelt hat, auf einen Autor gleichen Namens auszurichten. Daten, Orte, biografische Details stimmen mit dem überein, was man von dem japanischen Schriftsteller weiß. Sie handeln von Erinnerungen, Rückblicken auf die Anfänge des eigenen Schreibens, der Liebe zum Jazz, der Musik überhaupt und von den Mädchen und Frauen, die für ihn bedeutsam wurden.
Man könnte sich also darauf verständigen, diese Szenen aus dem Leben eines Schriftstellers entlang eines autobiografischen Fadens aufzureihen. Aber was macht man dann mit dem sprechenden Affen, der in einer der Geschichten aus dem Dampf einer Badeanstalt auftaucht und dem Ich-Erzähler anvertraut, wie er Frauen, die er liebt, den Namen stiehlt. Sehr sonderbar. Wie überhaupt für nahezu alle dieser Begebenheiten bei genauerer Betrachtung gilt, was der Erzähler bei Gelegenheit der Affen-Episode bemerkt: „Um eine fiktive Geschichte daraus zu machen, fehlte ein Fokus und so etwas wie eine Pointe.“ Doch genau darin liegt der Reiz.
Bissspuren im Handtuch
Einmal verbringt die erste Person Singular die Nacht mit einer jungen Frau, von der er alles vergessen hat, außer dass sie Gedichte schrieb, die meistens von Liebe und Tod handelten, und dass sie ihn vor dem bevorstehenden Liebesakt darauf vorbereitete, sie werde beim Orgasmus vermutlich den Namen eines anderen Mannes rufen. Worauf sich beide einigen, sie könne vielleicht, wenn es so weit sei, auf ein Handtuch beißen. Was von der Begegnung bleibt ist ein Stück Stoff mit Bissspuren und eine Anthologie selbst geschriebener Gedichte.
Ein anderes Mädchen lädt den verstockten jungen Mann zu einem Konzertabend. Als es so weit ist, findet er den angegebenen Ort verwaist und verwildert vor und statt des Mädchens stößt er in einem nahen Park auf einen alten Mann, der ihm merkwürdige Lebensweisheiten entgegenraunzt. Auch dies „eine uralte Geschichte, die noch dazu keine Quintessenz hatte“.
Und was soll man davon halten: Als Student erfindet der Jazz-Liebhaber für die Universitätszeitung die Rezension einer 1963 aufgenommene Langspielplatte, „Charlie Parker Plays Bossa Nova“. Natürlich kann es diese Einspielung nicht geben, schon allein deshalb, weil der legendäre Alt-Saxophonist bereits 1955 gestorben ist – und trotzdem hält der Erzähler Jahre später in einem New Yorker Plattenladen plötzlich die von ihm einst fantasierte Aufnahme in der Hand.
Hervorblitzende Dämonen und Geister
Nein, auf solche rätselhaften Vorfälle wird man keine autobiografischen Gewissheiten gründen können. Und doch dringen diese Aufzeichnungen in den innersten und intimsten Bezirk des Autors vor. Befreit von Pointen und Quintessenzen, dem Handlungsdruck und dramaturgischen Pomp der großen Form, treten hier die Eigenarten von Murakamis Schreibens unverfälscht ans Licht: der unverwechselbare Sound aus Hintersinn und Sachlichkeit, die tiefe Einsamkeit, aus der die musikalischen Obsessionen widerhallen, die Liaison von glühender Askese und gefriergetrockneter Sinnlichkeit oder überhaupt das unbehagliche Gefühl, dass hinter der aufsässigen Melancholie der bis ins nebensächlichste Detail verzeichneten Dinge noch eine andere, verborgene Wirklichkeit stehen könnte.
Um Robert Schumanns Klavierzyklus „Carneval“ kreist die Affäre mit einer trotz ihrer Hässlichkeit unwiderstehlich schönen Seele, die ihrem Gegenüber die Ohren für die hinter fröhlicher Verkleidung hervorblitzenden dunklen Dämonen und Geister dieser Musik öffnet. Man verliert sich aus den Augen. Später taucht sie in den Fernsehnachrichten wieder auf als eine skrupellose Anlagebetrügerin.
Risse in der Alltäglichkeit
Masken, Amnesien und Absencen, Spiegelbilder bilden Risse in der Alltäglichkeit, durch die Reales und Irreales ihre Plätze tauschen. Manchmal reicht auch ein Wodka Gimlet in einer schummrigen Bar. In der letzten Geschichte, die dem ganzen Band den Namen gibt, findet sich der Autor plötzlich als Fremdling in seinen eigenen Kleidern wieder. „Mir war, als hätte irgendeine subtile Verschiebung stattgefunden. Mein Inneres schien nicht mit meinem Äußeren übereinzustimmen. Es war, als ob der Inhalt nicht in sein Gehäuse passte.“ In der gegenüberliegenden Wand spiegelt er sich: „Wer um alles in der Welt war dieser Mann?“
Wie gesagt, Ich-Erzählern ist nicht zu trauen. Die schroffe Souveränität, mit der Haruki Murakami das Erinnerungsmaterial dieser Erzählungen inszeniert, könnte man musikalisch gesprochen für Merkmale eines Spätstils halten. Auf den Bestsellerlisten wird der „Ersten Person Singular“ vermutlich kein so leichtes Spiel beschieden sein wie den großen Romanen. Aber auf die schillernden Oberflächen fällt mit diesen Bekenntnissen ein Licht, das die darunterliegenden Tiefen ahnen lässt.
Info
Leben Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, studierte Theaterwissenschaften und Drehbuchschreiben in Tokio. 1974 gründete er den Jazzclub Peter Cat, den er bis 1982 leitete. In den 80er Jahren lebte Murakami in Europa. 1991 ging er in die USA, ehe er 1995 nach Japan zurückkehrte.
Werk Seine sich zwanglos zwischen Tiefsinn und Kolportage, zwischen Ost und West, Pop- und Hochkultur, Fantastik und ausgenüchtertem Realismus bewegenden Romane und Erzählungen wurden mit den höchsten Literaturpreisen geehrt. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Romane „Gefährliche Geliebte“, „Mister Aufziehvogel“ oder „IQ84“.
Buch Haruki Murakami: Erste Person Singular. DuMont. 224 Seiten, 22 Euro.