Stuttgart - Man kann heute Fotos vielleicht nicht mehr unbedingt trauen. Trotzdem ist es doch einigermaßen unerhört, wenn einem plötzlich ein Bild in die Hände fällt, auf dem man an einem Ort zu sehen ist, an dem man niemals war. Genau das aber widerfährt in Heinrich Steinfests „Amsterdamer Novelle“ dem Kölner Visagisten Roy Paulson, dem schon allein von seiner Profession her niemand so leicht etwas vormacht, was man mit Gesichtern alles anstellen kann.
Eindeutig ist das er, der da in kurzen Hosen an einem dieser typischen Amsterdamer Häuser vorbeiradelt. Dabei hat er seit seiner Jugend kein Rad mehr bestiegen und kennt Grachten allenfalls aus den Erzählungen seines Sohnes, der in der holländischen Stadt gerade für ein Computerspiel recherchiert, das den Maler Rembrandt durch die Zeit reisen lassen soll.
Maximale Effekte auf kleinstem Grund
Novellen sind eigentümliche Kraftverstärker. Ihre formale Reduktion entspricht im Gebiet der Literatur etwa dem, was ein Hebel im Feld physikalischer Gesetze leistet: die Erzeugung maximaler Effekte auf kleinstem Grund. Und diese Ökonomie gilt auch für die Ordnung der Zeit.
Nun ist der Stuttgarter Autor Heinrich Steinfest dafür bekannt, mit ungebremster Fabulierlust die Grenzen von Raum und Zeit nach Belieben außer Kraft zu setzen. Und wo die Novelle die Beschränkung auf eine unerhörte Begebenheit verlangt, droht das Handlungsgefüge mancher seiner lustvoll ausschweifenden Romane unter der unerhörten Fülle solcher Begebenheiten zu bersten wie eine reife Frucht.
Schauergeschichte, Politthriller, Lovestory und vieles mehr
Umso reizvoller, diesen fantastischen Wildwuchs nun einmal unter die strenge Observanz des Gattungsgesetzes gestellt zu sehen. Und es ist wirklich erstaunlich, wie viel Heinrich Steinfest auf dem engen Raum unterbringt, den jenes schmale Haus bietet, vor dem Roy Paulson dann eines Tages tatsächlich steht.
Motive und Traditionen von Schauergeschichte, Politthriller und Lovestory wirbeln mit philosophischen Reflexionen über die Zeit durcheinander, bis diese selbst nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Davor kommt noch, und danach war schon. Zwanglos plaudernd hält der Erzähler alle Bälle in der Luft, bis sich die Dinge wieder geordnet haben – und ein Mann in kurzen Hosen an einem Amsterdamer Haus vorbeifährt.
Wahrheit der Bilder
Funktioniert der novellistische Hebel über dem Angelpunkt einer unerhörten Begebenheit, so bemisst sich ihre Qualität daran, wie viel vom allgemeinen Gewicht der Welt damit bewegt wird. Und diese „Amsterdamer Novelle“ ist mehr als das Kabinettstückchen eines virtuosen Erzählers.
Wo sich der Visagist Roy Paulson – der dem Autor äußerlich in manchem gleicht – zugutehält, ein Mann der Oberfläche zu sein, geben seine Erlebnisse den Blick frei auf die existenzielle Bedeutung hinter den luftigen Ausgeburten der Fantasie. Denn dass Bilder eine Wahrheit enthalten, die unser Leben auf eine andere Bahn bringen kann, gilt nicht nur für die Gemälde Rembrandts, es gilt auch für mysteriöse Fotos und die Geschichten, die uns darüber erzählt werden.
Heinrich Steinfest: Amsterdamer Novelle. Piper. 116 Seiten, 15 Euro.
Am 14. September stellt Steinfest sein Buch im Stuttgarter Literaturhaus vor.