Buchtipp: Julia Jost, „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ Mit Schmiss und viel Gemüt

Blick über die Karawanken Foto: IMAGO/Panthermedia/Copyright: xDreamstimexCmoswitze

Kärnten ist schön. Doch „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“, ist auch der politische Tabubruch zuhause. Julia Jost entblößt in ihrem Debüt die dunklen Geheimnisse der anständigen Leute.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Jede Generation wächst auf ihre Weise in das hinein, was man Heimat nennen könnte, wenn sie von der ideologischen Schwerverdaulichkeit dieses Begriffs nicht gleich wieder drohte, ausgespien zu werden. Im Sinne dieser Gegenbewegung von Einvernahme und Reflux darf man Julias Josts Debüt mit dem schönen Titel „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ getrost einen Heimatroman nennen. Wie es sich für den derben Zuschnitt dieses Genres gehört, wird darin viel gekotzt. Wobei sich noch die unappetitlichsten, ja unmenschlichsten Dinge in dem reizvollen Idiom der Gegend so anhören, als wären sie Teil eines heiter Allzumenschlichen, dem man nicht wirklich böse sein kann.

 

Julia Jost Foto: Rafaela Pröll

Es ist nicht nur der übermäßige Alkoholgenuss in wüsten Stammtischrunden, der den Leuten schwer im Magen liegt, irgendwie hat, was da immer wieder nach oben drängt, auch mit Vergangenem zu tun. Die Rollen sind bekannt, die Granden der österreichischen Gegenwartsliteratur haben sie vorgezeichnet: Männer mit Schmissen, „anständige Leute“, die hinter ihrer lustigen Volkstümlichkeit ein nostalgisches Verhältnis auch zu jener tausendjährigen Vergangenheit pflegen, die mit heimlichem Stolz gehütete Ariernachweise, Mutterkreuze und anderer brauner Plunder bezeugen.

Froschperspektive der Kindheit

Doch der Blickwinkel, von dem aus Julia Jost am Panorama österreichischer Heldenplätze weitermalt, ist ein besonderer. Die elfjährige Icherzählerin hat sich unter einem Lastwagen versteckt, und beobachtet gewissermaßen aus der Froschperspektive einer sich dem Ende zuneigenden Kindheit, wie ihr bisheriger Lebensraum aufgelöst wird. Denn die Familie zieht um. Es ist Mitte der 90er Jahre, würde man sich ganz ruhig verhalten, wäre möglicherweise von den fletschenden Karawanken her der Gefechtsdonner des zerfallenden Jugoslawiens zu vernehmen.

Für das, was in nächster Nähe aufzieht, kann man sich auf das scharfe Gehör der Beobachterin verlassen. Der Burschenschaftler und Feuerwehrmann Gernot Pfandl macht Karriere, weil er die „richtign Leit“ kennt, solche wie den Wiener Uhrmacher Herr Beuschelwieser, der die Brüder der Erzählerin gut gelaunt mit den Worten „alles in däätscher Hand?“ begrüßt, und zu später Stunde schon einmal über die „großartigen Taten und Reden unseres lieben Herrn Goebbels“ ins Schwärmen gerät. Die Zeichen stehen günstig für den Aufstieg seiner Partei. Und weil Gernot Pfandl als nahezu einstimmig gewählter Bürgermeister sein Versprechen einlöst, „dass i fir fleißige Leit wos tua, is klor, des is mei großes Onliegn, des hob i imma gsogt“, kommt der Vater an einen lukrativen Auftrag. So kann die Familie nun den für ihren Wohlstand zu eng gewordenen Gratschbacher Hof gegen ein standesgemäßeres Domizil vertauschen.

Mag sein, dass der Brunnen der Vergangenheit tief ist. Aber so tief dann doch nicht, dass daraus nicht manches wieder zum Vorschein käme. Bei einem sadistischen Initiationsritual wird der kleine Franzi in einem Brunnen versenkt, nachdem er zuvor schon der priesterlich-pädophilen Kommunion teilhaftig geworden war. Als er wieder an die Oberfläche gelangt, steckt ihm eines jener teuren Familienstücke im Bauch, auf dem die Tugendlehre früherer Kameradschaften an die nächste Generation weitergereicht wird: ein Dolch mit der Aufschrift „Meine Ehre heißt Treue“, der vom Rädelsführer der Kinder aus der großväterlichen Waffenkammer entwendet wurde. Die Welt der „fleißigen Leit“ halten dunkle Geheimnisse zusammen.

Sprachlich wird das Typenkabinett rund um den Gratschbacher Hof mit dialektalem Wortwitz bewirtschaftet und einem Erzählton, der noch bei den größten Widerwärtigkeiten an Lausbubenstreiche denken lässt. Genau das gehört zur strategischen List dieser kärntner-kapitalistischen Mentalitätsstudie. Arglos lässt man sich von einer Elfjährigen in ihre Welt ziehen und findet sich unversehens dort, wo die „Däätschn“ Urlaub machen, in nächster Komplizenschaft zu ihrem übelsten Erbe. Unter dem Lodenmäntelchen der Bodenständigkeit verbirgt sich das Gemächt des politischen Tabubruchs. Julia Jost entblößt es mit wilder Lust. Der obszöne Schrecken schlägt um in Erkenntnis und Scham. Beides reicht weit über die regionalen Gegebenheiten hinaus, in einer Zeit, in der egal in welchen Dialekten vieles wieder sagbar wird.

All dies passt in die Spanne, die die aus Bosnien stammende Freundin der Erzählerin braucht, um von sechzig an herunterzuzählen. Der Countdown eines Versteckspiels bildet den Rahmen oder je nachdem die eigentliche Geschichte. Denn die beiden verbindet mehr als nur Freundschaft. Die Zeit der Unschuld ist vorbei. Vieles hat hier mindestens eine doppelte Bedeutung. Dass sich das Mädchen unter dem Lastwagen im eigenen Körper nicht heimisch fühlt, ist diesem Heimatroman nur allzu gemäß. Hier durchweg als Mädchen bezeichnet zu werden, dürfte ihr so zuwider sein wie das Tragen von Röcken, das sie strikt verweigert. Keine guten Voraussetzungen in der Umgebung, in die sie hineinwächst.

Angesichts der laufenden Ereignisse könnte man den Countdown für das Zeitmaß der Stunde halten. Im kommenden Herbst wird nicht nur in Österreich gewählt. Die Gesinnungsgenossen der Beuschelwiesers und Pfandls reiben sich schon die Hände.

Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht. Suhrkamp Verlag. 231 Seiten, 24 Euro.

Info

Autorin
Julia Jost wurde 1982 dort geboren, wo ihr Debüt spielt, im österreichischen Kärnten. Nach ihrem Studium der Philosophie, Bildhauerei und Theaterregie arbeitete sie als Regisseurin und Dramaturgin in der freien Szene sowie unter anderem am Thalia Theater Hamburg. Ihr Theaterstück „ROM“ hat im April 2024 am Volkstheater Wien Premiere gefeiert. Julia Jost lebt in Wien und Berlin.

Auszeichnung
Beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt 2019 wurde ein Auszug aus ihrem Romandebüt mit dem Kelag-Preis geehrt.

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