Buchtipp: Karl Ove Knausgard: „Der Morgenstern“ Das Ende der Welt
Mit dem Roman „Der Morgenstern“ beginnt der norwegische Autor Karl Ove Knausgard ein neues erzählerisches Großprojekt. Oder ist es der Anfang der Apokalypse?
Mit dem Roman „Der Morgenstern“ beginnt der norwegische Autor Karl Ove Knausgard ein neues erzählerisches Großprojekt. Oder ist es der Anfang der Apokalypse?
Es ist das Alltägliche, das dem bis dahin weitgehend unbekannten norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgard zu einer der bemerkenswertesten Karrieren der Gegenwartsliteratur verholfen hat. Millionen Leser und Leserinnen verfolgten weltweit gebannt die Zubereitung einer Tasse Tee, das Wechseln von Windeln, selbst der Harndrang und was daraus resultiert, konnte sich als gleichberechtigter Gegenstand neben Vaterkonflikten, Alkoholexzessen und Beziehungsproblemen behaupten.
Sechs krachend dicke Bände umfasst Knausgards Lebensroman über das Ringen, die letzten Sinnfragen mit der Kontingenz unaufgeräumter Küchen und der erdrückenden Nichtigkeit der gewöhnlichen Dinge zusammenzudenken. „Min Kamp“ ist der ironisch schillernde Titel des autobiografischen Großexperiments. Es kreist in schonungslos protestantischer Selbsterforschung um die Frage, auf welchen Wegen das Böse sich in unser Leben schleicht. Zerknirschung und Größenwahn reichen sich darin die Hand. Nach Abschluss der sechs Schöpfungsetappen beschloss der Autor erst einmal, eine ordentliche Pause einzulegen.
Nun geht es weiter. Über dem Himmel zweier ungewöhnlich heißer norwegischer Sommernächte steht ein bisher unbekanntes Gestirn. „Der Morgenstern“ ist der Beginn eines neuen erzählerischen Großprojekts. Oder der Anfang vom Ende der Welt? Sein merkwürdiges Zwielicht verknüpft das Leben einer Reihe von Personen, die darüber in verschieden langen, jeweils aus der Ich-Perspektive erzählten Kapiteln Rechenschaft ablegen, als sei der jüngste Tag angebrochen.
Der Literaturwissenschaftler Arne, der ein Seminar über Totenreiche in der Literaturgeschichte vorbereitet, verbringt zusammen mit seiner Familie die letzten Ferientage im Sommerhaus an einem einsamen Fjord. Alles erscheint freudvoll und friedlich, und als Knausgard-Leser fühlt man sich sofort zuhause in den Verrichtungen des täglichen Lebens. Doch gerade das macht umso empfänglicher, für das unmerkliche Einsickern des Außergewöhnlichen. Irgendetwas stimmt nicht, Krebse spielen verrückt, Arnes psychisch angeschlagene Frau brütet etwas Ungutes aus, und er selbst spricht dem Alkohol mehr zu, als es der Situation und den Kindern guttäte.
Noch ist nichts passiert. Auch im Leben Emils, der gerade als Erzieher arbeitet. Wobei – beim Wickeln ist ihm ein Kind vom Tisch gefallen, aber niemand hat es gemerkt. Die an einer Supermarktkasse arbeitende Studentin Iselin wiederum verheddert sich in ihrer schamzerfurchten Innenwelt und sieht Dinge, die es nicht gibt. Bei der Entnahmeoperation eines hirntoten Organspenders erlebt die Stationsschwester Solveig Seltsames; die Pastorin Kathrine beerdigt einen Doppelgänger – und ihre Ehe. Und dann ist doch etwas passiert. Es hängt mit dem Verschwinden einer Death-Metal-Band zusammen und könnte dem zum Kulturjournalisten degradierten Antipathen Jostein zu einem Scoop und der Rückkehr in die Jagdgründe eines Kriminalreporters verhelfen – wenn nicht jede dieser Geschichten im entscheidenden Moment abbrechen würde.
Knausgard hat das Banale literaturfähig gemacht. Auch die Verfahren, die er hier nutzt, sind alles andere als neu: Perspektivisches Erzählen, kurze Schnitte, die untereinander kommunizieren. Es sind bewährte Mittel, soziale Authentizität herzustellen. Doch das Bild des Ganzen, das sich aus den einzelnen Fragmenten zusammensetzt, franst an den Rändern beunruhigend aus. Und gerade weil die gesellschaftliche Realität so zutiefst detailkundig eingefangen ist, wirkt der Einbruch des Ungewissen umso beunruhigender: die drückende Hitze, der Aufstand der Tiere, die Mischwesen, psychischen Anomalien, Bewusstseinstrübungen oder -erweiterungen, die Durchlässigkeit zwischen Tod und Leben. In wiedererkennbare und vertraute Bilder zeichnet Knausgard die Umrisse apokalyptischer Formationen und Stimmungen ein.
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Horror-, Gesellschaftsroman und Großessay durchdringen sich. Letzteres steuert der Freund und Nachbar des Literaturwissenschaftlers bei: Egil, ein reicher Reedereierbe, der früher einmal Dokumentarfilme gedreht hat, über religiöse Sekten oder die Mitglieder eben jener vermissten Death-Metalband. Im Moment ist er eine Art Privatgelehrter. Mit seinem Versuch „Über den Tod und die Toten“ endet der 900-Seiten-starke Roman. Man könnte ihn für ein Sprachrohr des Autors halten, zumal deutlich erkennbar ein Aufenthalt Knausgards in Tübingen seine intellektuellen Spuren hinterlassen hat. Von den Anfängen der Menschheit bis in ihrerseits schon etwas verblichene New-Age-Prospekte ordnen sich darin wie in einem Lösungsbuch viele der nomadisierenden Motive.
Doch der Stern dieses Romans würde stark verblassen, wäre dieser küchenphilosophische Rundumschlag wirklich das letzte Wort. Als Rollenprosa jedoch schmälert er nicht die unbehagliche, gleichwohl intensive Vorfreude auf das Kommende – vier weitere, ähnlich umfangreiche Bände.
Karl Ove Knausgard: Der Morgenstern. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand, 896 Seiten, 28 Euro.