Buchtipp: Michael Behrendt Die Ameisen sind meine Freunde

Der Musikjournalist Michael Behrendt klärt humorvoll über die wahren Geschichten hinter populären Songs auf. Foto: Pressefoto/Ernst Stratmann

„Verhört, verkannt, vereinnahmt – 99 ½ missverstandene Songs“ lautet der Titel eines äußerst unterhaltsamen und erhellenden Buchs über das Verständnis von Liedtexten.

Kultur: Kathrin Waldow (kaw)

Wer kennt’s nicht? Mitsingen, mitsummen, mitfühlen – auch wenn man den Text gar nicht kennt. Mit diesem Phänomen in unterschiedlichen Ausprägungen hat sich Michael Behrendt beschäftigt. Der Frankfurter Musikjournalist versammelt in seinem Werk „Verhört, verkannt, vereinnahmt. 99 ½ missverstandene Songs“ die populärsten Missverständnisse aus der Pop- und Rockwelt und verspricht „überraschenden Wahrheiten“. Im Fokus steht der Text, die sogenannten Lyrics. Die meisten besprochenen Lieder sind englischsprachig, aber auch Peter Fox, Falko, Udo Jürgens und Fettes Brot haben es in den Band geschafft.

 

Missdeutungen gestalten sich ganz unterschiedlich

Klar, es gibt klassische Verhör-Missverständnisse, wie Behrendt schon im Klappentext fragt: „Heißt es in Bob Dylans Klassiker ‚Blowin’ In The Wind’ vielleicht: ‚The ants are my friends’ – ‚Die Ameisen sind meine Freunde’?“. Doch Behrendt hat für sein Sammelsurium weit mehr als solche Nonsense-Deutungen zusammengetragen: Er hat Kategorien von Fehleinschätzungen gebildet, was der Aufreihung neben Witz auch Tiefe gibt und für zusätzliche Abwechslung sorgt. Da gibt es etwa das Kapitel „Selektive Wahrnehmung“, in dem es unter anderem um Udo Jürgens’ „Griechischer Wein“ von 1974 geht. Ein Lied, das vielfach als Trinklied verkannt, fehlinterpretiert und dessen wahre Bedeutung von manchen gar nicht erkannt wurde, was auch anderen Autoren (Tim Schleider, Stuttgarter Zeitung, 2014) auffiel, wie Behrendt anmerkt. Er kommt zu dem Schluss: „Es geht in dem Lied vielmehr um Menschen, die wirtschaftliche Not in die Fremde getrieben hat. Und dort fühlen sie sich nicht unbedingt willkommen. Abends setzen sie sich bei einem Glas Wein zusammen, um gemeinsam ihr Heimweh leichter zu ertragen.“ Auch Whitney Houstons „Greatest Love Of All“ (1985) wird in dieser Rubrik besprochen. Wahrgenommen werde es häufig als Liebeslied, gespielt zu Hochzeiten. In Wahrheit besingt Houston hier die Selbstliebe als die größte Liebe von allen. Erstmals aufgenommen worden, so schreibt Behrendt, sei das Stück 1977 für „The Greatest“ die Filmbiografie über Muhammad Ali.

Ebenfalls hier zu finden sind die Lieder „Vamos A La Playa“ (1983) von Righeira, „Dancing With Tears In My Eyes“ von Ultravox (1984) und „Forever Young“ von Alphaville (1984), in denen es keineswegs um Party am Strand, das Ende einer Liebe und den Wunsch nach ewiger Jugend geht, wie häufig angenommen werde. In allen drei Liedern geht es stattdessen um Atombomben und Nuklearschläge, führt Behrendt weiter aus.

In „Falsche Fährten“ zeigt er auf, wie es zustande kommt, dass man aufgrund von Titeln oder Refrains als Hörende verkennt, dass der Song etwa das Gegenteil meint oder überhaupt gar nichts mit dem Namen des Liedes zu hat. Ein Beispiel: Albert Hammonds „It Never Rains In Southern California“ (1972) – Summerfeeling, leichtes Leben, Freiheit suggerierend, lässt man sich auf den Song ein, ohne weiter auf den Text zu achten. „It never rains in California/ But girl, don’t they warn ya? / It pours, man, it pours“. Frei übersetzt: „Sie hätten dich warnen sollen, Mädchen, in Kalifornien regnet es nicht/ Dort schüttet es, Mann, es schüttet!“

Bei den Gorillaz und ihrem Welthit „Clint Eastwood“ (2001) habe das Prinzip – Aufmerksamkeit durch einen bekannten Namen im Titel – gegriffen. Der Name tauche im Songtext gar nicht auf. Es gebe lediglich ein paar Worte aus einem Eastwood-Film und „wenn überhaupt eher musikalische Bezüge zu Filmen des raubeinigen Hollywoodstars“, schreibt Behrendt.

Playlist zum Nachhören

So geht es munter weiter in Kapiteln, die sich fehlendem Kontextwissen (hier wird etwa der Titel „Schwule Mädchen“ von Fettes Brot erklärt) und urbanen Mythen (darunter „Looking For Freedom“ und „In The Air Tonight“) widmen, bis hin zu „Feindlichen Übernahmen“ und „Songs im Wahlkampf“. Letzteres beginnt mit einem der „schlimmsten Songmissverständnisse aller Zeiten“: „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen (1984). Hier sei eine amerikakritische Antihymne zu einer patriotischen Hymne umfunktioniert worden. Es gehe um Männer ohne Zukunft, die der Armee als Futter dienten – „Born in the USA“, also geboren in den USA, diene in dem Song als bittere Anklage, klärt Behrendt auf. Schließlich springt er ins Jetzt, wo Donald Trump sich für seinen Wahlkampf an Liedern bedient, wie es ihm gefällt. Das betrifft Künstler wie Neil Young, Adele, REM und Rolling Stones, die sich dagegen wehren.

Behrendts Buch ist ein locker und humorvoll formuliertes Aufklärungswerk zur Popmusik, das nicht nur Neues liefert, aber detailreich einordnet. Als Extra gibt es einen QR-Code, der zur Playlist der besprochenen Songs führt. Vielleicht hört man bekannte Songs ganz neu.

Das Buch Foto: Reclam

Michael Behrendt: Verhört, verkannt, vereinnahmt. 99 ½ missverstandene Songs. Reclam, 282 Seiten, 18 Euro

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