Buchtipp zum Weltwassertag Unterwegs auf Stuttgarter Wasserwegen
Stuttgart mag nicht über die bedeutendsten Gewässer verfügen, aber mit Sicherheit über das schönste Buch, das sie erschließt: „Plitsch Platsch – Stuttgarter Wassergeschichten“.
Stuttgart mag nicht über die bedeutendsten Gewässer verfügen, aber mit Sicherheit über das schönste Buch, das sie erschließt: „Plitsch Platsch – Stuttgarter Wassergeschichten“.
Wenn das so weitergeht mit ausbleibenden Niederschlägen, versiegenden Gewässern und trocken vor sich hindümpelnden Tümpeln wird Wasser zusehends zu einem Gegenstand der Einbildungskraft. In Stuttgart, wo immer mal wieder mehr oder weniger vergeblich von einer Stadt am Fluss geträumt wird, vielleicht noch ein bisschen mehr als anderswo. Hat man hier doch die Hauptwasserader, die in Jahrtausenden den charakteristischen Kessel gegraben hat, in den sich das urbane Häusermeer schmiegt, ins Unsichtbare verlegt. Dabei fließt hier einiges zusammen, pro Sekunde 500 Liter feinsten Mineralwassers aus dem nach Budapest zweitgrößten Vorkommen in Europa, 250 Brunnen, rund zwei Dutzend Bäche, darunter veritable Wasserfälle, etwa ebensoviele Seen und Bäder aller Art.
Nein, die Stadt sitzt nicht auf dem Trockenen, auch wenn der einzige Fluss in ihrem Einzugsbereich, der diesen Namen verdient, sie links liegen lässt. Und doch mag es nicht verkehrt sein, den verborgenen Wasserreichtum auf eine Weise zu feiern, die über die genaue Bestandsaufnahme eine Brücke der Einbildungskraft schlägt.
Das haben die Buchkünstlerin Christina Schmid und die Architektin und Stadtplanerin Aida Nejad in dem Band „Plitsch Platsch“ getan, pünktlich zum Weltwassertag am 22. März. Mag es eher unwahrscheinlich erscheinen, dass der Nesenbach, der Probstsee oder der Buberlesbrunnen jemals in einem Ranking bedeutender Wasserschauplätze auftauchen – der kleine Freibad-blaue Buch-Pool, den die Autorinnen mit fluiden Geschichten der Stadt gefüllt haben, darf mit Sicherheit einen Platz unter den schönsten Büchern beanspruchen, nicht nur der noch fernen Badesaison.
Schmid und Nejad nähern sich dem weitgespannten Wassernetz nicht mit effektheischenden Hochglanzprospekten oder fotografischem Verschönerungskalkül, sondern mit verspielter Neugier, sprudelnder Fantasie und erfrischendem Einfallsreichtum. Zwischen Schicksalsbrunnen und Möhringer Seenplatte, gurgelndem Drachenwasser und Schwälblesklinge, zwischen Wasserstaffel und Eckensee gewinnt in flüssigen Strichen und Skizzen eine Metropole im Feuchtgebiet Gestalt, die sich zugleich als Quellgrund kreativer Geister erweist.
Einige von ihnen lernt man kennen, Freundinnen und Freunde der Autorinnen, manche kennt man schon, etwa den so schwer wie Wasser zu fassenden Esprit des jungen Autors Jan Snela, der aus seiner Badewanne ein spritziges Vorwort sendet – Plitsch Platsch. Der Wasserspiegel wird zum Satzspiegel, in dessen Schwarz-Weiß die überschwappenden Einfälle der an dem feuchten Projekt Beteiligten in blauer Farbe einschießen. Eine Art Schwallintelligenz. Wie sich Flüsse aus vielen Zuläufen nähren, so tut es dieser Band aus den vielen Stimmen, Erfahrungen und Erlebnissen, die er mit sich führt, um schließlich in einen dreiaktigen Stuttgarter Wasserchor zu münden, nebst Pro- und Epilog.
Und damit erst einmal genug mit wässriger Metaphorik. Denn hier sind auch handfeste Dinge zu erfahren: Wie sich die städtische Wasserscheide zwischen Bodensee und dem Ulmer Donauried am Verkalkungsgrad des Wasserkochers ablesen lässt; wie man sich auf dem Zehnmeterbrett auf dem Inselbad fühlt – „einfach nach vorne laufen, den Rest erledigt die Schwerkraft. Waaaaaaaaaaaaaaaahhh!“
Zwei Jahre waren die Autorinnen auf Stuttgarter Wasserwegen unterwegs. Wie ein Logbuch verzeichnet der Band Station um Station ihrer Expedition. Umrisszeichnungen, Wassergedichte, Textgrafiken kartografieren eine subjektive Erfahrungswelt, die möglicherweise dann doch wesentlich aufregender ist, als die ruhigen Gewässer, die ihren Anlass bilden. Auch wenn manches nur so vor sich hinläppert, führt die Reise an die abenteuerlichen Ränder, wo sich Buchstaben auflösen und in Vorstellungen verwandeln.
Ein beigelegter Plan bildet das feingeäderte, flüssige Nervensystem der Stadt ab, als wäre eine betrunkene Fliege in blaue Tinte gefallen und über das Papier getorkelt. Was mit einem Slalom um Sportschwimmern und tratschenden Rentnerinnen im Heslacher Hallenbad beginnt, endet dort, wohin alles fließt: am Meer. Eine der Beiträgerinnen hat es dahin verschlagen, wo sich goldene Wellen weiß schäumend an der Sandbank brechen. Bei aller Stimulation der Einbildungskraft, das sucht man hier vergebens. Doch wie geht es ihr da? „Dieses Wow, wenn man nur einmal im Jahr am Meer ist, fehlt mir, seit ich von Stuttgart weg ans Wasser gezogen bin – wenn man es immer haben kann, ist es nichts Besonderes mehr.“ Na also. Etwas Besonderes ist dieses Buch aber allemal.
Christina Schmid, Aida Nejad: Plitsch Platsch – Stuttgarter Wassergeschichten. Prima Publikationen. 308 Seiten, 32 Euro.
Termin
Am Montag, 3. April, stellen die Autorinnen ihr Buch in dem Stuttgarter Offspace Lagune vor. 19 Uhr, Forststraße 92, 70176.