Buchtipp: „Raumfahrer“ Neuer Roman von Lukas Rietzschel

Chronist ostdeutschen Lebensgefühls: Lukas Rietzschel Foto: imago/Sven Simon/Anke Waelischmiller/Sven Simon

Der junge Autor Lukas Rietzschel wurde bekannt mit einem Roman über die Radikalisierung zweier Jugendlicher. In seinem neuen Buch „Raumfahrer“ wirft er aus einer ungewohnten Perspektive den Blick auf ostdeutsche Gegenwart und Vergangenheit – und die Geschichte des Malers Georg Baselitz.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Zwei Brüder standen im Mittelpunkt des Romans, mit dem Lukas Rietzschel zu einer Art Mittelsmann wurde zwischen der literarischen Öffentlichkeit und jenen Zonen, in denen nur noch die Sprache von Hass und Gewalt regiert. Sein mit leichtem Erschrecken gefeiertes Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ führte vor Augen, wie es zugeht, wenn aus ganz normalen Jugendlichen Nazis werden. Und Rietzschel fand dafür einen Weg, der zwischen den Diskurslinien westdeutscher und ostdeutscher Meinungsbastionen direkt auf den verbrannten Boden der Geschichte führte: die Tristesse von Tagebauseen und gesellschaftlichen Erosionslandschaften, in denen nur noch Angst und Wut gedeihen.

 

Auch der neue Roman des 1994 in Sachsen geborenen Autors dreht sich um ein Brüderpaar, wenngleich der Titel „Raumfahrer“ andeutet, dass die alles ordnenden Gesetze der Schwerkraft, die die Voraussetzung des Etwas-um-sich-Drehens bilden, hier ausgesetzt sind. Ziellos treiben die Figuren durch menschenabgewandte Atmosphären. Von der Kontinentaldrift politischer Systeme aufgeworfene Gehwegplatten schieben sich über einen Grund, dessen archäologische Reste früherer Plattenbauten auf eine Besiedelung gefallener Hochkulturen deuten. Das Kaufland und ein Dänisches Bettenlager sind die unwirtlichen Stützpunkte der gerade herrschenden überlegenen Zivilisation.

Die Welt steht kopf

Hier, wo alles auseinanderfällt, muss ein junger Mann, aus einer Schachtel loser Papiere, versuchen, sein Leben wieder zusammenzusetzen. Er arbeitet bei dem Hol- und Bringdienst eines in den letzten Zügen liegenden Krankenhauses. Ein Rollstuhlfahrer hat ihm die Hinterlassenschaften in die Hand gedrückt. Sie stammen von dessen Vater, der der Bruder des Malers Georg Baselitz war. Und wer hätte die Dinge radikaler aus dem Koordinatensystem der Gravitation befreit als dieser Künstler, zu dessen Markenzeichen es wurde, alles auf den Kopf zu stellen?

Baselitz’ Bruder verpasste den richtigen Zeitpunkt, dem Älteren in den Westen zu folgen. Irgendwann war die Mauer da. Und während Georg zu einem der wichtigsten Künstler der Gegenwart avanciert, enden die Hoffnungen des Jüngeren als Fahrlehrer in der Kleinstadt, nach der sich sein Bruder benannt hat – Deutschbaselitz.

Soziologischer Shabby-Look

Wie aber hängt dies mit jenem jungen Mann zusammen? Im leeren Raum ziehen Fragmente aus dem Leben aller Beteiligten vorbei: eine Kindheit in der Nachwendezeit, gleitende Übergänge vom Orbit einer Ideologie in den einer anderen, die tragische Teilung einer innigen Bruderbeziehung, eindrucksvolle Beschreibungen einer abgewirtschafteten Mondlandschaft, die von der gärenden Natur wieder in Besitz genommen wird.

Aus dieser Perspektive hat man auf den Prozess einer ostdeutschen Identitätsbildung noch nicht geblickt. Es zählt zur bemerkenswerten Kunst dieses jungen Autors, der schwebenden Ungewissheit, wie hier was zusammengehört, eine atemlose Spannung abzuringen und gleichzeitig durch den wuchernden Naturalismus der Darstellung eine symbolische Bedeutungsebene scheinen zu lassen. Und doch läuft diese frühe Meisterschaft Gefahr, sich von ihrer eigenen Expressivität betören zu lassen. Die Stilisierung zu einer Art soziologischem Shabby-Look droht bisweilen das subtil erfasste extraterrestrische Lebensgefühl dieses Romans auf den Kopf stellen.

Lukas Rietzschel: Raumfahrer. Roman. DTV. 288 Seiten, 22 Euro.

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