Selbst die Literaturwissenschaft macht krumme Startup-Geschäfte mit dem Verteidigungsministerium. In dem Cassandra-Projekt werden seit einiger Zeit weltweit Romane nach Hinweisen auf Anzeichen bevorstehenden Unheils durchsucht und die Ergebnisse an die Exekutive weitergeleitet: „Waren Konflikte, Hungersnöte, Blackouts, Bürgerkriege oder Zeichen einer Revolution ablesbar – konnte das Militär des Westens oder ihrer Freundesländer präventiv eingesetzt werden. Genial.“
Wer in Sibylle Bergs neuem Roman nach Hinweisen auf bevorstehendes Unheil sucht, bedarf keiner besonders feinsinnigen Interpretationskunst. Sie fliegen einem geradezu um die Ohren. Gewalt, Hass, Ungerechtigkeit prägen die Zeit, von der im Rückblick aus naher Zukunft berichtet wird.
Satan der Digitalisierung
Alles wächst, die Gier, die Wirtschaft, die soziale Ungleichheit, der Klimawandel. Die smarten Städte sind von Normalsterblichen entvölkert beziehungsweise entmietet, die Regenwälder abgeholzt, das Grundwasser vergiftet. Die Erde ist in weiten Teilen unbewohnbar geworden, zu heiß, zu kalt, zu nass, zu windig. Wo noch Menschen hausen, ist die Stimmung mies, selbst die Milliardäre in ihren wie Hochsicherheitsgefängnisse bewachten Gated Communities haben den Spaß verloren. Käfer und Kellerasseln reiben sich bereits die Vorderfüße, um das Kapitel Menschheit endgültig abzuschließen. Das ist die Lage in Kassandra Bergs neuer Endzeitvision, um einige Spezialausdrücke bereinigt, zu denen auch der Titel gehört: „RCE“, die Abkürzung für Remote Code Execution – was das bedeutet, dazu später.
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Dabei sind es gerade diese Spezialausdrücke, die dem fantastischen Zerrbild eines plattformkapitalistischen Neofeudalismus seine beunruhigende Plausibilität und Glaubwürdigkeit sichern. Und so tut man gut daran, sich mit Begriffen wie Nanobots, Internet of Bodies, Cryptomining oder Geofencing im anhängenden Glossar vertraut zu machen. Denn die Abstraktion einer radikalen Verneinung der Welt, so wie sie ist, geht mit größtmöglicher Konkretion einher. Das Grauen bekommt ein Gesicht. Wie in einem monumentalen mittelalterlichen Totentanz lässt Sibylle Berg die Repräsentanten der Gesellschaft aufmarschieren, alle Schichten, Funktionen und Berufe, die Peter Thiels und Elon Musks dieser Welt, Geheimdienstmitarbeiterinnen, Putzfrauen, Sprengmeister, Junglibertäre und Nachhaltigkeitsradlerinnen. Der grell-bizarre Vanitas-Sound der durchrhythmisierten Prosa geleitet sie in die vom Satan der Digitalisierung rundum vernetzte Hölle.
Mit Manipulation zur Wahrheit
Das hat durchaus etwas von Dante. Gierigen, Skrupellosen, kleineren und milliardenschweren Sündern, ja sogar Päpsten begegnet man auch hier. Und jene, die der große Organisator des Treffens Fortune 500 – besser bekannt als Davoser Weltwirtschaftsforum – um sich versammelt, ließen sich unschwer auf die verschiedenen Höllenkreise verteilen. Aus Seelenverkäufern sind Daten- und Leerverkäufer geworden. Nun stehen sie um kondomartig verkleidete Tische herum und drücken sich Kaviar-Blinis in den Mund, Absolventen der gleichen Kaderschmieden, die gelernt haben, aus Krisen größtmöglichen Profit zu ziehen, Steuern zu vermeiden und gigantische Vermögen aufzuhäufen. Black Rock, Starbucks, Netflix, Spotify, sogar Stuttgart 21 hat einen kurzen Auftritt – alles wird in die Waagschale dieses Weltgerichts geworfen, die sich umspielt von den apokalyptischen Teufelchen des Berg’schen Humors immer weiter nach unten neigt.
Doch zu jeder Hölle gehört ihre Bestimmung in einem Heilsplan. Er liegt in den Händen einer Hackergruppe, die aus dem digitalen Kapitalismus die letzte Konsequenz zieht, um ihn mit seinen eigenen Waffen zu besiegen. Sie setzen die Mittel der Manipulation, der Propaganda, der Desinformation ein, um den Leuten die Augen zu öffnen. Das Instrumentarium der Verblendung wird zu einem der Aufklärung, die in ihren Überlebenskampf hoffnungslos zersprengten Einzelnen zusammenzuführen. Aus den Posaunen dieser literarischen Eschatologie schallt lauterster linker Populismus.
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Mit allem, was die digitale Welt zu bieten hat, einer App, einer Serie, Games, Bots, Klick- und Trollfarmen, bereitet das Grüppchen hochbegabter Außenseiter von einem im Tessin versteckten Container aus das große Ereignis vor. RCE – Remote Code Execution – ist das Vermögen, aus der Ferne auf Computer zuzugreifen, um dort Änderungen durchzuführen. Die Änderungen, die die revolutionären Nerds damit im Bewusstsein ihrer User erreichen wollen, sind grundsätzlicher Natur: Sie zielen auf einen Umsturz, friedlich, ohne Blutvergießen. Und hier, nach fast 700 Seiten diagnostischer Hellsicht kippt das anarchistische Lehrgedicht über unsere Gegenwart und nahe Zukunft ins Märchenhafte. Ein Einwand ist das nicht.
Denn um der Utopie einen Schritt näher zu kommen, reicht es vielleicht schon, diesen Roman genau zu lesen. Das heißt nicht nur die Fülle seiner penibel recherchierten Informationen zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch hinter seinen maliziösen Übertreibungen und wütenden Verzeichnungen, seinen Redundanzen und Litaneien jenes Spiel zu erkennen, das Literatur der Wirklichkeit entgegensetzt. Nicht um sie zu spiegeln, sondern sie zu ändern – und bevorstehendes Unheil vielleicht doch noch abzuwenden.
Sibylle Berg: RCE – #RemoteCodeExecution. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 704 Seiten, 26 Euro.